Dürfen Eltern ein Lieblingskind haben?

Dürfen Eltern ein Lieblingskind haben?

Kaum ein Elternteil mag es sich eingestehen, doch wissenschaftliche Studien belegen: In den meisten Familien gibt es „Lieblingskinder“, denen die Eltern besonders viel Zuneigung schenken. Was das innerhalb der Familie für Folgen haben kann, weiß Martina Stotz.

Die Erziehungswissenschaftlerin ist eine der wenigen, die das Tabuthema „Lieblingskinder“ in Deutschland bearbeitet. Martina Stotz kennt alle Studien zu diesem Thema, hat selbst eine durchgeführt und ihre Doktorarbeit über „Lieblingskinder in Familien“ geschrieben.

Warum gibt es Lieblingskinder in Familien?

Es gibt einige Klischees. Darunter fällt beispielsweise die Auffassung, dass das Nesthäkchen immer Vorteile hat oder das mittlere Kind vernachlässigt wird. Tatsächlich aber weiß man inzwischen, dass dies nicht so viel mit der Geschwisterposition zu tun hat, sondern eher mit allgemeinen Charaktermerkmalen.

Welches Merkmal macht ein Kind zum Lieblingskind?

Das kann laut Stotz nicht verallgemeinert werden und kommt ganz auf die Eltern an. Denn diese haben bestimmte Erwartungen und Wünsche, die sie meist auf ihre Kinder übertragen. Jetzt kommt es darauf an, inwieweit das Kind diese Erwartungen erfüllt. Wird es den Vorstellungen der Eltern nur kaum oder gar nicht gerecht, kann das dazu führen, dass dieses Kind benachteiligt wird. Auch wenn die Interessen sehr weit auseinanderliegen. Sind die Eltern sportlich, das Kind aber nicht, kann das dazu führen, dass andere Kinder den Vorzug bekommen.

Welche Auswirkungen hat das für die Kinder?


Gibt es ein Kind, das innerhalb einer Familie dem anderen vorgezogen wird, kann das sowohl negative Auswirkungen für das benachteiligte Kind, als auch auf für das Lieblingskind haben. Diese fühlen sich in ihrer Sonderrolle häufig verantwortlich für ihre Eltern, können sich schlecht abgrenzen und stehen unter dem Druck der Erwartungen der Eltern.

Oft haben sie es als Erwachsene schwer, ohne die automatische Bevorzugung klarzukommen, die sie im Alltag gewöhnt sind. Martina Stotz glaubt, dass der Nachteil, den manche Kinder in frühen Jahren erfahren, später sogar zum Vorteil werden kann. Die weniger Unterstützten lernten, sich durch ihre Rolle besser von Erwartungen ihrer Eltern abzugrenzen und zeigten sich im frühen Erwachsenenalter selbstständiger als ihre Geschwister. Aber letztlich liegt es zum Großteil an den Charakteren der Kinder selbst. Einige sind robust und andere eher sensibel.

Was können Eltern tun, wenn sie spüren, dass sie ein Kind bevorzugen?

Eltern sollten sich in einer ruhigen Stunde klar machen, ob eines der Kinder die Position des Lieblingskindes innehat. Und sich dann Zeit nehmen und die individuellen Bedürfnisse der Kinder kennenlernen. Es helfe, zu reflektieren und einen Blick für die Stärken und Schwächen jedes Kindes zu entwickeln.

Stand: 05.08.2016, 13:06