Tagung zur Liebe in Essen

Ein junges Paar auf einer Mauer sitzt sich im Schneidersitz gegenüber und küsst sich.

Tagung zur Liebe in Essen

  • Liebe als Tagungsthema am 21. September in Essen
  • Epoche der Romantik war der Wendepunkt
  • Polyamorie nicht das einzige neue Konzept

WDR: Auf Ihrer internationalenTagung gibt es unter anderem einen Vortrag mit dem Titel "Die Romantik und ihre Folgen". Welche Folgen hatte denn die Romantik für die Liebe?

Elke Reinhardt-Becker: Die Romantik hatte vor allem große Folgen für die Ehe. Vor der Erfindung der Romantik bzw. der romantischen Liebe um 1800 hat man meist aus bestimmten ökonomischen Überlegungen heraus geheiratet – oder weil es politisch passte. Man wäre nie auf die Idee gekommen, aus Liebe zu heiraten. Liebe galt damals als ein flüchtiges, leidenschaftliches Gefühl, das schnell im Wahnsinn enden konnte. Das war kein Gefühl, das die Basis für eine Eheschließung gewesen wäre.

Was änderte sich dann konkret?

Reinhardt-Becker: In der romantischen Liebe kommt die Idee auf, dass Liebe, Ehe, Leidenschaft, Sexualität und Freundschaft zusammengehören. Dass es den einen oder die einzige gibt und dass diese Liebe dann ewig dauert. Das neue Konzept heißt: ewig, exklusiv und monogam.

Elke Reinhardt-Becker

Elke Reinhardt-Becker ist Dozentin für Literaturwissenschften an der Uni Duisburg-Essen und Organisatorin der Internationalen Tagung zum Thema Liebe in Essen.

Das führte dazu, dass die Menschen plötzlich aus romantischer Liebe heiraten wollten – und das stieß in der Gesellschaft erstmal auf Ablehnung. In der Literatur findet man diesen Konflikt unter anderem in den großen Ehebruchsromanen des 19. Jahrhunderts.

Die Tagung haben Sie zusammen mit ihrem Mann organisiert – er ist Historiker, Sie sind Literaturwissenschaftlerin. Wie sind sie auf die Idee gekommen?

Reinhardt-Becker: Uns ist aufgefallen, dass es im Moment in der Gesellschaft eine neue Unübersichtlichkeit gibt, was Liebe und Partnerschaft betrifft. Wenn man sich in den 1950er-Jahren verliebte, war es in der Regel klar, dass beide im Sinn hatten, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Das ist heute ganz anders. Es gibt zwar immer noch die romantische Liebesehe, aber auch kühlere Partnerschaftskonzepte, bei denen man vielleicht nur die Freizeit miteinander verbringt. Das geht hin bis zur Polyamorie – wo ein Mensch unterschiedliche Liebesbeziehungen zu verschiedenen Menschen hat.

Woru geht es auf der Tagung zur Liebe?

Reinhardt-Becker: Es geht erstmal um eine Bestandsaufnahme. Gemeinsam mit Soziologen, Medienwissenschaftlern und Philologen aus verschiedenen Bereichen sehen wir uns Liebeskonzepte in unterschiedlichen Medien an. Wir untersuchen den Gegenwartsroman, den Trivialroman – von Twilight bis Fifty Shades of Grey -, aber auch TV-Serien, Pop-Songs oder Hollywoodfilme.

Welche Erkenntnis ziehen Sie bisher aus Ihren Forschungen über die Liebe? Welche historische Veränderung sticht für Sie besonders heraus?

Reinhardt-Becker: Die stärkste Veränderung war sicher diese Vorstellung von der romantischen Liebe, die im Grunde heute noch unsere Kultur beherrscht. Das sieht man auch überall in der Trivialliteratur, in Filmen und Serien: Es geht immer darum, den einen oder die einzige zu finden. Das ist immer noch das, wovon alle träumen, aber auch ein Konzept, das unglücklich machen kann, weil es in der Realität sehr schwer zu erreichen ist.

Gibt es Kulturen, in denen dieses romantische Prinzip nicht als Ideal gilt?

Reinhardt-Becker: Ja, sicher. Japan zum Beispiel. Die japanische Gesellschaft ist eher eine Kollektivgesellschaft, während bei uns die Individualität im Mittelpunkt steht. In der japanischen Literatur werden zum Beispiel eher Funktionsehen beschrieben – und die findet man auch in der japanischen Gesellschaft häufig. Ein Paar heiratet, die Frau bleibt zu Hause, sie ist für die Kinder zuständig und für die Versorgung des Mannes. Und der Mann versorgt die Familie finanziell. Dahinter gibt es kein empathisches Liebeskonzept.

Sie haben eben schon beschrieben, dass es heute in unserer Gesellschaft neben der Vorstellung von der romantischen Liebe noch ganz unterschiedliche Partnerschaftskonzepte gibt. Man liest zum Beispiel immer mehr über Polyamorie. Wird so ein Konzept die klassische Ehe irgendwann ersetzen?

Reinhardt-Becker: Ich würde nicht sagen, dass es jetzt nur noch in Richtung Polyamorie geht. Die Gesellschaft wird sich eher weiter pluralisieren. Vielleicht werden sich die unterschiedlichen Konzepte in Zukunft vermischen und jedes Paar entscheidet selbst - nach dem Motto: Hier nehmen wir ein bisschen Romantik, da ein bisschen Neue Sachlichkeit und dann vielleicht noch einen kleinen Schuss Polyamorie. Das wäre eine Möglichkeit.

Das Interview führte Conny Crumbach

Stand: 21.09.2017, 12:02