Reden mit Hand und Fuß

Daniel Brunsch gestikuliert mit den Händen während er spricht

Reden mit Hand und Fuß

Der geschwätzige Körper ist ständig auf Sendung, ob wir wollen oder nicht. Der Kölner Diplompsychologe Daniel Brunsch erklärt, wie wir das Sendesignal reduzieren können, welche kulturellen Unterschiede es bei der Körpersprache gibt und was das Trumplächeln ausmacht.

WDR.de: Welches Signal ist stärker: Das, was ich mit Worten sage oder mit meinem Körper?

Daniel Brunsch: Das kommt ganz drauf an. Wir haben Situationen, in denen Körpersignale extrem stark wirken. Zum Beispiel in einer aggressiven Gefahrensituation, wo jemand auf mich zukommt und ich nicht genau weiß, was er von mir will. Da achten wir sehr, sehr stark auf die körperlichen Signale. Daher kommen auch viele kulturell angelegte Gesten. Der Handschlag mit rechts zeigt zum Beispiel: Ich bin unbewaffnet, ich habe nicht vor, dir etwas zu tun.

Daniel Brunsch reicht demonstrativ die Hand zur Begrüßung

Die unbewaffnete rechte Hand grüßt

Andere Situationen sind hingegen besonders geeignet für verbale Kommunikation. Zum Beispiel wenn es darum geht, etwas zu erklären. Wer ein Computerprogramm erklären will, greift zu Worten, nicht zu Gesten. Je abstrakter es wird, desto stärker wirkt die verbale Sprache. Und je instinktiver und ursprünglicher eine Situation ist, desto wichtiger ist die Körpersprache. Ob wir mehr auf das eine oder andere achten, das geschieht automatisch.

WDR.de: Welche Körperteile sind denn am geschwätzigsten?

Brunsch: Eigentliche alle Körperteile, die variabel sind. Die also mit der Muskulatur beeinflusst werden können. Alles redet im Normalfall.

WDR.de: Aber die Hände reden doch mehr als die Füße? Wenn ich nicht gerade die Flucht antrete.

Daniel Brunsch mit einer abwehrenden Geste

Hände signalisieren abwehrend Beschwichtigung

Brunsch: Ja, die Abstimmung mit den Füßen gibt es auch. Das kann auch relevant sein, aber in einer normalen Gesprächssituation, da achten wir vor allen Dingen auf das Gesicht und auf die Hände. Augen und Mund sind im Gesicht besonders wichtig. Wobei Männer und Frauen da unterschiedlich sind: Frauen schauen mehr auf die Augen und Männer auch mehr auf den Mund und vor allen Dingen auch mehr auf die Hände.

WDR.de: Es gibt Studien, die besagen, dass Frauen Körpersprache aufmerksamer wahrnehmen und deuten als Männer.

Brunsch: Ja, es gibt mittlerweile viele Studien, die belegen, dass Frauen Körpersprache akkurater wahrnehmen als Männer. Und auch klarer im Ausdruck sind, sodass Emotionen wie Freude zum Beispiel deutlicher beim Gegenüber ankommen. Männer hingegen können aggressive Signale besser deuten als Frauen.

WDR.de: Warum ist das so?

Brunsch: Ein Erklärungsansatz geht davon aus, dass es mit der Evolution zu tun hat. Dass es für Männer bei der Jagd und der Konfrontation mit Fremden wichtig war, diese schnell einzuschätzen und Gefahren abzuwenden. Und für Frauen war bei der Versorgung der Kinder die ganze Variabilität von Emotionen wichtig.

WDR.de: Jetzt sind wir in der Steinzeithöhle gelandet.

Brunsch: Ja, ich finde diese evolutionären Erklärungen auch nicht immer so überzeugend. Es gibt natürlich auch kulturelle Unterschiede und individuelle. Ein gut geschulter Psychologe oder ein Mann, der offen ist für Emotionen, kann natürlich ganz anders reagieren als der Mammutjäger.

WDR.de: Was kann ein Lächeln alles aussenden?

Daniel Brunsch demonstriert zwei Arten zu lächeln

Ein aufgesetztes und ein echtes Lächeln

Brunsch: Es gibt zwei Formen von Lächeln. Es gibt das echte Lächeln, das nennt man Duchenne-Lächeln, das ist ein Lächeln, das als wahrhaftig wahrgenommen wird, also ein wirklich freudiges Lächeln, bei dem nicht nur die Mundpartie, sondern auch die Augen mitwirken. Dann ist es ein echtes Lächeln. Und dann gibt es noch dieses Trumplächeln, da wirken die Augen vergleichsweise tot. Das ist eher ein soziales Lächeln, ein Signal, das zeigen soll, ich bin dir zugeneigt, aber es transportiert das nicht unbedingt. Aber als Geste ist es dennoch ganz wichtig.

WDR.de: Gibt es beim Lächeln auch kulturelle Unterschiede?

Brunsch: In Japan ist es so, dass das Lächeln ein ganz starkes Signal für Entschuldigungen ist. Das würde bei uns das genaue Gegenteil hervorrufen. Wenn bei uns jemand in der Entschuldigungssituation lächeln würde, dann haben wir das Gefühl, der meint es nicht ernst. Da muss man ernst schauen, vielleicht ein bisschen traurig, um zu zeigen, dass man wirklich bereut. Das ist also kulturell erlerntes Verhalten.

WDR.de: Man kann nicht nicht kommunizieren, sagte Paul Watzlawick. Können wir mit dem Körper schweigen? Oder sind wir ständig auf Sendung?

Brunsch: Wir sind ständig auf Sendung, in der Tat.

WDR.de: Wie können wir das Sendesignal reduzieren?

Daniel Brunsch demonstriert eine Haltung, die signalisiert, dass jemand nicht gestört werden möchte

Diese Haltung signalisiert: ich will meine Ruhe

Brunsch: In Westafrika beispielsweise ist man oft in der Großfamilie zusammen. Viele Menschen teilen sich einen Raum. Und einige davon brauchen immer mal eine Pause von dem ganzen Trubel. Bei uns ziehen wir uns in ein anderes Zimmer zurück und machen die Tür zu. Wenn dort jemand Ruhe braucht, dann fällt er in sich zusammen, schaut auf den Boden, macht sich klein und ist in sich gekehrt. Das ist ein Zeichen, die Person möchte gerade nicht gestört werden, auch wenn sie wach ist. So kann man auch unter einem Dach den sozialen Raum verlassen.

Ähnliche Situationen kennen wir im Zug: Wenn da jemand die Augen geschlossen hat, dann sprechen wir ihn nicht an. Wenn aber jemand rumschaut und Augenkontakt sucht, dann signalisiert er Interesse an einem Gespräch. Es gibt also Rückzugsmöglichkeiten für uns.

Das Gespräch führte Sabine Tenta.

Stand: 01.03.2017, 09:00