Suche nach dem Vater als emotionales Problem

Männliche Silhouette vor Laborsituation

Suche nach dem Vater als emotionales Problem

Von Conny Crumbach

Das Bundesverfassungsgericht hat am Dienstag (19.04.2016) entschieden: Kinder dürfen von ihren potenziellen leiblichen Eltern keinen DNA-Test erzwingen. Warum das Wissen über den Vater auch für Erwachsene wichtig ist, erläutert Matthias Franz, Psychoanalytiker und Professor für Psychosomatische Medizin in Düsseldorf.

WDR: Warum ist die Suche nach dem leiblichen Vater oder der Mutter für viele auch im Erwachsenenalter noch so wichtig?

Matthias Franz: Das Wissen darüber und das Gefühl, dass in der Kindheit etwas gefehlt hat, löst sich im Alter nicht auf. Ganz im Gegenteil: Die Wunden der Kindheit wirken sich ein Leben lang aus und die Fragen, wer bin ich, wo komme ich her, werden bei vielen gerade im Alter wieder besonders wichtig, weil sich dann der Lebenskreis schließt.

WDR: Was kann ein fehlender Vater für die Entwicklung eines Menschen bedeuten - und auch für die Entwicklung seiner eigenen Identität?

Franz: Das Wissen um die eigene Erwünschtheit und die konkrete Beziehung zu den Eltern ist unter anderem ein entscheidender Faktor für ein stabiles Selbstwertgefühl. Wir wissen aus Studien, dass das Fehlen des Vaters das Risiko für seelische Probleme und Erkrankungen lebenslang deutlich erhöht. Wenn der Vater komplett fehlt, die Mutter überlastet ist und nicht genug auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen kann, dann macht das Kind ganz früh die Erfahrung: Ich werde nicht verstanden und zieht daraus möglicherweise den Schluss: Ich bin nicht viel wert. Im zweiten Lebensjahr geht es dann eher darum, sich von der Mutter zu lösen und da kann der Vater dem Kind die Sicherheit geben, dass das auch in Ordnung ist. Gelingt es dem Kind nicht, sich von der Mutter zu lösen, kann das später unter anderem Angstattacken oder Schuldgefühle zur Folge haben – zum Beispiel dann, wenn es darum geht, dem eigenen Willen zu folgen. Und auch für die Konsolidierung der sexuellen Identität spielt der Vater eine wichtige Rolle.

WDR: Wenn es aber ein Vaterfigur gibt – zum Beispiel einen Adoptivvater – was wird dann beim leiblichen Vater noch gesucht?

Franz: Es geht vor allem um Sicherheit. Nämlich sich ganz sicher auf die eigenen Wurzeln beziehen zu können und eine eigene Persönlichkeit zu bilden. In dem Moment, wo Bezugspersonen infrage gestellt werden, entstehen auch Unsicherheitsgefühle. Und das Wissen darüber, dass der Vater nicht der richtige Vater ist, schafft weitere Unsicherheiten, die auch Angst machen können. Durch den Kontakt zum leiblichen Vater sollen die aus dem Weg geräumt werden. Dahinter steht auch wieder die elementare Frage: War ich eigentlich erwünscht?

WDR: Wird der leibliche Vater in der Vorstellung oft idealisiert?

Franz: Absolut! Das ist ein ganz normaler kindlicher Selbstreparatur-Vorgang, das kennt man in der extremen Ausprägung auch von Heimkindern, die ganz ohne Eltern aufwachsen. Manche von ihnen phantasieren eine ideale Bezugsperson, mit der sie reden und von der sie auch träumen. Das Tragische ist oft, dass diese Idealisierungen oft nicht realitätstauglich sind. Und das passiert eben nicht nur bei Kindern ohne Bezugsperson, sondern auch, wenn Kinder sich ihre leiblichen Eltern vorstellen.

WDR: Wenn dann Kontakt mit den leiblichen Eltern entsteht, sind viele Kinder von den Reaktionen enttäuscht. Ist es überhaupt ratsam, den Kontakt herzustellen?

Franz: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich kenne auch Fälle, wo es vom ersten Moment an eine tiefe Vertrautheit und ein Verständnis ohne Worte gab. Aber es passiert eben auch, dass sich das Trauma der Ablehnung wiederholt, vor allem dann, wenn zum Beispiel Väter herbeigezwungen werden, die das nicht wollen. Das führt zu einem zweiten Verlustschmerz. Da kommt es dann darauf an, ob die Person kompetent und selbstbewusst genug ist, dieses Erlebnis verarbeiten zu können oder gegen die Realität ankämpft und sich weiter in der Idealvorstellung verstrickt. Ich würde als Psychoanalytiker jedem raten, der sich auf Elternsuche begibt, sich dabei psychotherapeutisch begleiten zu lassen. Die Suche nach den Eltern ist nicht nur ein juristisches, sondern in erster Linie ein emotionales Problem.

Prof. Dr. Matthias Franz ist stellvertretender Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Düsseldorfer Heinrich-Heine Universität. Außerdem ist er Vorsitzender der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik in Düsseldorf. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die entwicklungspsychologische Bedeutung des Vaters und die Situation von Alleinerziehenden.

Die Fragen stellte Conny Crumbach.

Stand: 19.04.2016, 15:01