Arzneimittel wirken unterschiedlich bei Mann und Frau

Arzneimittel wirken unterschiedlich bei Mann und Frau

Von Christina Sartori

Was Hans hilft, muss bei Herta noch nicht lange wirken: Je genauer Wissenschaftler untersuchen, wie gut Arzneimittel bei Mann oder Frau wirken, desto mehr Unterschiede finden sie.

Schon bei den Krankheiten fängt es an: Sie betreffen Männer und Frauen unterschiedlich häufig. Das klingt logisch, wenn es sich um Brust- oder Prostatakrebs handelt. Aber es gilt auch für viele andere Krankheiten, sagt die Kardiologin Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek: "Wichtige Beispiele sind die entzündlichen Erkrankungen und hier vor allem die sogenannten Autoimmunerkrankungen, also rheumatische Erkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen wie Morbus Basedow, Multiple Sklerose und noch andere“, zählt sie auf. "Diese betreffen vor allem Frauen.“ Warum das so ist, weiß man noch nicht.

Aber es gibt verschiedene Verdächtige, wie zum Beispiel die Hormone, erläutert Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin. "Da gibt es zum Teil Hormonabhängigkeiten, z.T. Zyklusabhängigkeiten, die aber nicht so ganz eindeutig in ihren Entstehungsmechanismen geklärt sind.“ Doch es haben nicht nur die Hormone Schuld: Die Gene scheinen ebenso eine Rolle zu spielen und auch die Unterschiede im Stoffwechsel und in der Enzymausstattung von Mann und Frau könnten dazu beitragen, dass sie manche Krankheiten ungleich häufig betreffen.

Frauen empfinden eher Schmerzen

Und das ist noch nicht alles: Wenn es um Schmerzen geht, empfinden Mann und Frau selten gleich, beschreibt Univ.-Prof. Dr. Esther Pogatzki-Zahn vom Universitätsklinikum Münster: "Wenn wir uns Männer und Frauen im Labor angucken und Schmerzreize setzen, entwickeln Frauen meist eher Schmerzen und empfinden mehr Schmerzen auf gleiche Reize.“ Die Unterschiede sind nicht in jeder Studie groß, aber "wenn wir einen Unterschied finden, ist immer die Frau die sensiblere“, stellt die Schmerzforscherin fest.

Keine Gleichheit bei Medikamenten

Da leuchtet es ein, dass Medikamente bei Mann und Frau nicht immer gleich wirken. Doch dieser Gedanke ist noch recht neu in der Medizin und wird erst seit kurzem berücksichtigt, wenn neue Wirkstoffe in klinischen Studien an Menschen erprobt werden. Deswegen findet sich bisher in Deutschland nur bei wenigen Medikamenten auf dem Beipackzettel für Frauen eine andere Dosierungsempfehlung als für Männer: "Zum Beispiel ein Präparat gegen Haarausfall und ein Hormonpräparat gegen Fertilitätsstörungen, das bei Männern und Frauen eingesetzt wird, aber mit deutlich unterschiedlicher Dosierung“, zählt Dr. Siegfried Throm, Geschäftsführer des Bereichs Forschung, Entwicklung, Innovation des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa), auf.

Unterschiede auch zwischen Behörden in den USA und Europa

Bei einem Mittel gegen Schlafstörungen entschied die Arzneimittel-Behörde in den USA, dass für Frauen eine andere Dosierung angegeben werden muss. "Dort hat die Zulassungsbehörde für Frauen eine niedrigere Dosierung verfügt, weil es bei Frauen am nächsten Morgen zu Beeinträchtigungen der Fahrtüchtigkeit, also zu einem Hangover kam“, erläutert Throm. Die europäische Zulassungsbehörde entschied dagegen, so eine Einschränkung sei nicht notwendig, weshalb das Präparat in Deutschland die gleiche Dosis für Mann und Frau empfiehlt.

Für viele alte Wirkstoffe, wie zum Beispiel Paracetamol, wurde nie untersucht, ob Frauen eine andere Dosierung benötigen als Männer. Denn früher  wurden Wirkstoffe nur an Männern getestet. Dazu trug auch der Contergan-Skandal bei: Aus Angst vor Folgeschäden für das ungeborene Kind wurden Frauen von klinischen Studien weitestgehend ausgeschlossen. "Das ändert sich jetzt“, berichtet Regitz-Zagrosek. "Zuerst auf Druck der Frauenverbände und jetzt auch auf Druck der Zulassungsbehörden. Aus den USA kommend wird der Einschluss von Frauen in klinische Studien mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen jetzt eingefordert.“

Niedriger Frauenanteil in vielen Studien

Für Throm waren es die ersten klinischen Studien mit HIV/Aids Medikamenten, die alles veränderten: "Damals haben Frauen massiv ihre Beteiligung an klinischen Studien eingefordert, was ihnen vorher aufgrund der Vorgaben der Zulassungsbehörden verweigert worden war“, erinnert sich der Geschäftsführer vom Verband forschender Arzneimittelhersteller. “Da hat dann ein massives Umdenken eingesetzt, sowohl bei den Zulassungsbehörden, als auch bei den Firmen.“ Doch für Regitz-Zagrosek kann in diesem Punkt noch einiges verbessert werden: "Immer noch ist in einigen Bereichen - frühe klinische Studien, Kardiovaskuläre Studien (Anm. der Red.: das Herz und die Gefäße betreffend) - der Frauenanteil niedriger als er sein sollte“, stellt die Kardiologin fest.

Von Tieren und Zellen

Heute müssen in den USA und Europa Zulassungsstudien sowohl an Männern, als auch an Frauen getestet werden. Wichtig ist hierbei, dass auch für beide Gruppen getrennt ausgewertet wird: Einmal für Männer und einmal für Frauen. Doch Regitz-Zagrosek findet das noch nicht ausreichend: "Ein weiteres Problem, das wir haben ist, dass die Arzneimittelentwicklung in großen Bereichen nur in männlichen Tieren geschieht“, kritisiert sie.

"Im kardiovaskulären Bereich geschieht die Entwicklung zu 80 bis 90 Prozent an männlichen Tieren und es kommen überhaupt nur die Substanzen in die Nähe der klinischen Prüfung, die an männlichen Tieren entwickelt worden sind.“ Sie erläutert, warum das ihrer Meinung nach problematisch ist: "Wenn wir bedenken, dass die Weibchen andere Krankheitsmechanismen haben können und dass da eine andere Substanzgruppe vielleicht wichtig wäre, wird die gar nicht entdeckt, weil an weiblichen Tieren nicht geforscht wird.“

Forschung mit männlichen und weiblichen Tieren

In den USA beschloss das nationale Gesundheitsinstitut NIH im vergangenen Jahr, nur Forschung zu fördern, die sowohl männliche als auch weibliche Tiere verwendet. In Deutschland ist das anders. "Im Arzneimittelbereich sind solche Forderungen in Guidelines verankert“, sagt Throm. "Dort steht z.B., dass bei Untersuchungen zur Genotoxizität, also zum Einfluss von Wirkstoffen auf Gene, sowohl männliche als auch weibliche Tiere berücksichtigt werden müssen.“ Regitz-Zagrosek findet das nicht ausreichend: "Deutschland hinkt da auch in Europa in dieser Hinsicht hinterher“, findet sie.

Stand: 30.08.2016, 06:00