Hebräisch, koscheres Essen und ein I-Pad für jeden

Eine Lehrerin und Schüler schauen auf ein Laptop

Hebräisch, koscheres Essen und ein I-Pad für jeden

Von Anke Fricke

Seit einem Monat besuchen die ersten 38 Schüler das Albert-Einstein-Gymnasium in Düsseldorf. Für das einzige jüdische Gymnasium in NRW gelten die gleichen Lehrpläne wie an staatlichen Schulen. Dennoch ist manches anders.

Tamara Guggenheim ist zufrieden: "Ihr habt es in sehr kurzer Zeit geschafft, das hebräische Alphabet zu lernen." Die Religionslehrerin der jüdischen Gemeinde Düsseldorf unterrichtet seit Schuljahresbeginn die "Neusprachler". Das sind die acht Kinder des Albert-Einsteins-Gymnasiums, die keine Hebräisch-Kenntnisse aus der Grundschule mitgebracht haben. Die meisten Schüler des neu gegründeten jüdischen Gymnasiums kommen von der Yitzhak-Rabin-Grundschule, wo bereits seit 23 Jahren Kinder neben Schreiben, Lesen, Rechnen auch Hebräisch und jüdische Religion lernen.

Eltern wollten ein Gymnasium

"Es war der Wunsch der Eltern, dass sich das an der Grundschule aufgebaute fortsetzt", erzählt Schulleiter Michael Bock von der Anfangsidee einer weiterführenden Konfessionsschule. Als er vor drei Jahren in den Ruhestand treten wolle, bat ihn seine jüdische Gemeinde, eine Schule aufzubauen. Zuvor hatte Bock 35 Jahre als Lehrer gearbeitet, davon 28 Jahre an einer Gesamtschule. Das war anfangs auch seine bevorzugte Schulform. Doch die Eltern wollten lieber ein Gymnasium. Zum einen, weil ohnehin 90 Prozent der Kinder an der Yitzhak-Rabin-Schule eine Gymnasialempfehlung bekommen. Zum anderen wohl auch, weil in den Augen der überwiegend aus Osteuropa stammenden Elternschaft der Gesamtschule noch "etwas Sozialistisches" anhaftet. "Aber wichtig ist nicht, was außen an der Schule steht, sondern wie innen gelebt wird", ist Pädagoge Bock überzeugt.

Englisch und Hebräisch ab Klasse fünf

So dauert eine Unterrichtseinheit eine volle Stunde statt der üblichen 45 Minuten. Dafür bekommen die Kinder an dem Ganztagsgymnasium keine Hausaufgaben auf, nur Vokabeln müssen nach Schulschluss gepaukt werden. "Die Übungsphase wird in die Unterrichtsstunde integriert", erklärt Bock. Damit umgeht er das Problem, dass viele Ganztagsschulen zwar Arbeitsstunden für Hausaufgaben vorsehen, diese aber nicht von Fachlehren betreut werden. Der Unterricht beginnt jeden Tag um 8:30 Uhr und endet um 16:05 Uhr. Nur freitags ist früher Schluss, damit sich alle auf die Sabbatfeierlichkeiten vorbereiten können. Auch wenn im Moment die meisten Schüler jüdisch sind, sieht sich das Gymnasium als Schule für alle Konfessionen. Im Moment nehmen auch die wenigen christlichen Kinder am jüdischen Religionsunterricht teil. So legt es der Schulvertrag fest. Mit steigender Schülerzahl soll der Religionsunterricht getrennt werden. Außerdem sind für alle Kinder am Albert-Einstein-Gymnasium ab der fünften Klasse Englisch und Hebräisch Pflichtfächer, jeweils mit drei Wochenstunden.

Koscheres Essen in der Mensa

Eine Schrifttafel über einem Waschbecken

Gemeinsames Essen gehört dazu

Weitere jüdische Besonderheit: Weder Kinder noch Lehrer dürfen Essen mit in die Schule bringen. Eine Mensa im Erdgeschoss versorgt alle mit einem koscheren Frühstück und Mittagessen, das frisch gekocht von der jüdischen Gemeinde geliefert wird. Zu den Mahlzeiten setzen sich die Kinder an die gedeckten Tische, das Essen wird in Schüsseln gebracht. "Das gemeinsame Essen ist Teil der jüdischen Kultur, das wir auch in der Schule leben wollen", sagt Bock. Abgetrennt vom hellen Speisesaal ist der Waschraum. Hier reihen sich Becken mit kleinen Krügen aneinander, damit sich die Kinder gemäß den Religionsvorschriften die Hände vor den Mahlzeiten reinigen können. Die gute Verpflegung ist nicht billig: Das Essensgeld wird nach der Testphase wohl auf 130 bis 140 Euro im Monat steigen.

"Jüdisches Leben in der Mitte der Gesellschaft"

Während die Verpflegung wohl besser ist als an den meisten staatlichen Schulen, sind die Lerninhalte weitgehend identisch. Als sogenannte private Ersatzschule unterliegt das Albert-Einstein-Gymnasium den regulären Lehrplänen in NRW. "Nur für Hebräisch in Sekundarstufe eins fehlte in NRW bislang ein Lehrplan", erzählt Schulleiter Bock. Da habe man sich zunächst an den Vorgaben in Berlin orientiert, wo das bislang einzige jüdische Gymnasium in Deutschland besteht. Düsseldorf ist das bundesweit zweite jüdische Gymnasium. Mitte September hat in München ebenfalls eine jüdische Schule mit einer fünften Klasse begonnen. Zur Düsseldorfer Eröffnungsfeier am ersten Schultag kam sogar Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) und sprach von einer Bereicherung für die Schullandschaft. "Jüdisches Leben findet heute in der Mitte unserer Gesellschaft statt", so die Ministerin.

Schule mit strengem Sicherheitskonzept

Porträt Michael Bock

Schulleiter Michael Bock

In der Mitte der Gesellschaft, aber mit einem strengen Sicherheitskonzept: Das provisorisch bezogene Gebäude in einem Düsseldorfer Industriegebiet ist von außen nicht als Schule erkennbar. Besucher müssen durch ein schweres Tor und eine Schleuse. "Die meisten Kinder kennen die Maßnahmen von anderen jüdischen Einrichtungen, die anderen haben sich schnell daran gewöhnt", sagt Bock. Spontane Exkursionen sind nicht möglich, Ausflüge müssen weit im Voraus geplant werden und werden von Sicherheitsbeamten begleitet. Zu den Vorsichtsmaßnahmen gehört auch, dass alle Schüler mit Kleinbussen gebracht und abgeholt werden. Für die fünften und sechsten Klassen soll der Service beibehalten werden. Ob sich das später auch für die höheren Klassen bezahlen lässt, ist noch offen.

Schule neu gestalten

Dank der Trägerschaft durch die Gemeinde und zahlreichen Spenden ist das Albert-Einstein-Gymnasium sehr gut ausgestattet. Die Kinder sitzen auf bunten, in der Höhe verstellbaren Drehstühlen mit Rollen vor Einzeltischen. Im achten Schuljahr soll keiner mit den Knien unter der Tischplatte kleben müssen. "Wir wollten die Einrichtung möglichst flexibel halten, damit man sie anpassen kann", erklärt Bock. Eine Bibliothek mit Arbeitsplätzen entsteht gerade. Statt Tafeln sind die Wände so gestrichen, dass sie mit Stiften beschrieben werden können. Die hellen Klassenräume haben alle einen kleineren Nebenraum, der mit einem Fenster zum Hauptzimmer verbunden ist. "Das sind Differenzierungsräume, wo einzelne Kinder speziell gefördert werden können", zeigt Bock die Ausstattung, die er sich als Lehrer an einer staatlichen Schule auch schon gewünscht hätte. So lernen etwa im Hebräisch-Unterricht die Neusprachler noch das Alphabet, während nebenan die Klassenkameraden schon grammatische Regeln üben - mit einer eigenen Lehrkraft.

W-Lan im ganzen Gebäude

Statt des staatlichen Lehrerschlüssels, der für die derzeitige Schülerzahl drei Vollzeitkräften vorsehen würde, kümmern sich vier Vollzeit- und sechs Teilzeitpädagogen um die 38 Kinder. Drei Lehrer sind jüdisch. Wichtig für die Auswahl der Kollegen war dem Schulleiter vor allem, dass sie offen, kritikfähig und einem digitalen Unterricht aufgeschlossen sind. Für jedes Kind gibt es ein I-Pad, W-Lan ist im ganzen Gebäude verfügbar. Können die Kinder also nach Lust und Laune surfen? "Wir haben natürlich einiges gesperrt", sagt Bock. Außerdem werden die I-Pads nach dem Unterricht wieder weggeschlossen. Er selbst setzt in seinem Geschichtsunterricht auch gerne "Youtube"-Videos ein. Dabei sei er wahrscheinlich noch derjenige im Kollegium mit den geringsten digitalen Kenntnissen.

Youtube-Videos im Unterricht

Hebräische Zeichen in einem Buch

Hebräisch ab Klasse fünf

Auch der Hebräisch-Unterricht endet für die Anfängerkinder mit einem "Youtube"-Video. "Aleph, Beth, Gimel, Daleth He", singt eine weibliche Stimme zu einer eingängigen Melodie, während die neuen Zeichen über den Bildschirm springen. Hören, singen und sehen, so soll sich das Alphabet dem Gedächtnis einprägen. Dann erinnert Lehrerin Guggenheim die Kinder daran, dass sie Vokabeln lernen müssen. Die kleine Gruppe ist Segen und Fluch zugleich: Wer nicht übt, fällt sofort auf. Geht das Konzept des Schulleiters auf, soll jedes Kind individuell gefördert werden. Vierteljährlich wollen sich die Kollegen zu Gesprächen über jeden Schüler zusammensetzen, damit nicht erst am Ende des Schuljahres Probleme entdeckt werden. Denn das Lernprogramm ist straff. Da viele Kinder osteuropäische Wurzeln haben, lernen sie noch Russisch und benötigen Förderunterricht in Deutsch.

Handyerlaubnis zurückgezogen

Aus den heutigen 38 Schülern am Albert-Einstein-Gymnasium sollen einmal 700 werden. Dazu soll in einigen Jahren ein Schulgebäude in Düsseldorf-Unterrath bezogen werden, das derzeit noch mit Flüchtlingen belegt ist. Ob die Schule in der Mittelstufe einen Schwerpunkt bei den MINT-Fächern oder doch eher bei Sprachen setzt, ist noch unklar. Eine Idee haben die Lehrer schon nach drei Wochen verworfen: "Eine moderne Schule muss mit Handys umgehen können", dachte Schulleiter Bock zunächst. Dann hingen die Köpfe in den Pausen nur über den Smartphones, ein vernünftiger Umfang war für die Fünfklässler noch zu schwer. Jetzt gilt im gesamten Haus ein striktes Handyverbot. Seitdem rennen in den Pausen die Kinder wieder über den Schulhof.

Stand: 26.09.2016, 06:00