Die selbstoptimierte Gesellschaft schläft schlecht

Frau im Bett

Die selbstoptimierte Gesellschaft schläft schlecht

Viele Menschen schlafen chronisch schlecht. Das steht im Mittelpunkt des internationalen Schlaf-Kongresses "Sleep" in Boston. Ein Schlafforscher erklärt die Ursachen von Schlafstörungen.

80 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland schlafen schlecht. Zehn Prozent leiden sogar an einer behandlungsbedürftigen, chronischen Schlafstörung. Das ist das Ergebnis des aktuellen DAK-Gesundheitsreports.

Auf dem internationalen Schlaf-Kongress "Sleep", der am Samstag (03.06.2017) in Boston beginnt, beschäftigen sich Forscher mit den neuesten Forschungsergebnissen rund um das Thema Schlaf. Wir haben vorab mit Thomas Penzel, dem wissenschaftlichen Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité in Berlin gesprochen.

WDR: Haben die Menschen heute wirklich häufiger Schlafstörungen als früher - und woran könnte das liegen?

Penzel: Schlafstörungen werden häufiger wahrgenommen als früher. Wir haben so lange versucht, unseren Tag immer effizienter zu gestalten, und jetzt ist eben die Nacht dran. Wir wollen möglichst direkt einschlafen, sehr erholt aufwachen – aber so funktioniert Schlaf eben nicht. Der Körper braucht eine Zeit, um runterzufahren, gerade wenn man den Tag so "optimiert" hat oder womöglich schon dabei ist, in Gedanken den nächsten Tag zu optimieren.

WDR: Wer ist denn besonders häufig von Schlafstörungen betroffen?

Frau im Bett schaut auf einen Wecker

Frauen sind häufiger von Schlafstörungen betroffen

Penzel: Frauen sind im Durchschnitt etwas häufiger betroffen. Sie leiden zudem häufiger unter klassischen Ein- und Durchschlafstörungen, Männer eher unter Schlafapnoe, also den Atemaussetzern während des Schlafes oder Schnarchen. Aber auch Kinder und besonders Jugendliche sind zunehmend betroffen, Jugendliche vor allen Dingen, weil sie denken, dass sie weniger Schlaf brauchen als als Kind, was aber nicht stimmt, da sich gerade in der Pubertät viele Wachstums- und Entwicklungsprozesse vollziehen.

WDR: Viele Schlaflose erhoffen sich Hilfe von Schlafmitteln. Früher waren das in der Regel Benzodiazepine wie Valium, heute werden sogenannte Z-Substanzen verschrieben, die angeblich harmloser sind. Stimmt das?

Penzel: Jein. Die sogenannten Z-Substanzen docken an den gleichen Rezeptoren an wie die Benzodiazepine. Studien zeigen aber, dass sie nicht so abhängig machen und kein Gewöhnungseffekt eintritt.

Viele glauben nach einer gewissen Zeit der Einnahme trotzdem, dass sie nicht mehr ohne sie schlafen können. Darum empfehlen wir, Schlafmittel auf keinen Fall länger als drei bis vier Wochen zu nehmen, also zum Beispiel für den Beginn einer kognitiven Verhaltenstherapie, um dann zu lernen: Wie kann ich meinen Schlaf verbessern?

WDR: In einer neuen Leitlinie zur Behandlung von Schlafstörungen wird eine kognitive Verhaltenstherapie einem Schlafmittel vorgezogen. Warum?

Mann mit Schlafbrille

Teufelskreis schlechter Schlaf

Penzel: Dabei handelt es sich um eine Beratung der Betroffenen, die den Patienten zum Mitverantwortlichen der Krankheit macht. Es geht darum zu erkennen, welches Fehlverhalten die Schlafstörung ausgelöst hat. Viele Patienten haben sich in einen regelrechten Teufelskreis hinein manövriert.

Das ist der Fall, wenn schon tagsüber die Gedanken nur noch um die Angst vor der nächsten schlaflosen Nacht kreisen und nachts geht es dann weiter mit Sorgen um den nächsten übermüdeten Tag. Diesen Teufelskreis kann man oft mithilfe psychologischer Unterstützung durchbrechen. 

WDR: Wie kann das funktionieren?

Penzel: Indem man sich bewusst macht, warum man schlecht schläft. Man kann die innere Uhr trainieren und regelmäßige Schlafzeiten einhalten. Zur Schlafhygiene gehört auch zu sagen: das Bett ist nur für Schlaf und Sex da. Wer nicht einschlafen kann oder nachts aufwacht, muss aufstehen und etwas anderes machen. Nur wer wirklich todmüde ist, darf ins Bett. 

Fernsehen, Handy und alles was Licht mit hohem Blauanteil ausstrahlt, sollte in den Stunden vor dem Zubettgehen nicht mehr benutzt werden, denn das macht wach. Und: Mindestens sechs Stunden vor dem Zubettgehen sind Alkohol und koffeinhaltige Getränke tabu. Viele wissen gar nicht, dass Kaffee eine Halbwertszeit von vier bis sechs Stunden hat, also es gehört auch viel Aufklärung zu so einer Therapie. Und dann klappt es auch wieder mit dem Schlafen.

Das Interview führte Sonja Kolonko.

Stand: 03.06.2017, 08:00