"Sport kann grausam sein"

Zweitklässler beim Schulsport

"Sport kann grausam sein"

Art und Intensität des Schulsports sind ständige Diskussionsthemen. Der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse über Entwicklungen, Probleme und Chancen für die Kinder in diesem Unterrichtsfach.

An den Schulsport hat jeder seine ganz persönlichen Erinnerungen. Und seit jeher geben sich einige Schüler große Mühe, möglichst selten an diesen Unterrichtsstunden teilzunehmen. Andere Kinder und Jugendliche können dagegen gar nicht genug von der Bewegung während der Unterrichtszeit bekommen. Wie haben sich eigentlich der Status des Schulsports und auch seine Inhalte verändert?

WDR: Herr Froböse, woran denken Sie, wenn Sie auf Ihren Schulsport zurückblicken?

Ingo Froböse: Ich habe gar keine schlechten Erinnerungen an den Schulsport, weil Sport schon immer etwas war, was ich ganz gut konnte und woran ich großen Spaß hatte. Es gab natürlich auch bei mir in der Klasse diejenigen, die auf der Bank sitzen geblieben sind, wenn wir Mannschaften gewählt haben. Das hinterlässt bei diesen Kindern natürlich Spuren, weil man in solchen Fällen direkt merkt, dass man nicht zu der Leistungsklasse dazugehört. Da kann der Sport und da können Kinder auch grausam sein. Das ist nirgendwo so präsent wie im Sport.

WDR: Warum ist der Schulsport dennoch wichtig?

Froböse: Im Schulsport liegen zwei verschiedene Dimensionen. Bewegung und Sport sind für die Entwicklung des Körpers ein unerlässliches Instrument. Er lässt das Gehirn reifen, er schult vielfältige motorische Fähigkeiten, getreu dem Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Zudem werden ethische und soziale Ressourcen wie Regeln, Fairness und auch Disziplin gelehrt, wodurch eine ganze Reihe an Persönlichkeitsmerkmalen entwickelt werden. Und das geht weit über die bloße Frage Sieg oder Niederlage hinaus.

WDR: Die letzte größere wissenschaftliche Untersuchung stammt aus dem Jahr 2003. Ein Indiz dafür, dass der Schulsport nicht richtig ernst genommen wird?

Froböse: Der Sport wird in den Schulen durchaus ernst genommen, allerdings hat sich in der Bewertung der Kinder etwas verändert. Es wurde das Leistungskriterium deutlich herausgenommen und es werden jetzt mehr die Kompetenzen der Kinder geschult. Das schlägt sich auch durch auf die wissenschaftliche Bewertung. Wir haben die Messbarkeiten der Leistungen nicht mehr so eindeutig gegeben. Und wir Wissenschaftler haben es wohl auch versäumt, in dieser Frage nachzubohren und dem weiter nachzugehen.

WDR: Ist es dann noch richtig, dass Schulsport benotet wird?

Froböse: Ich würde sagen: ja. Ich würde aber niemals, wie es früher der Fall war, allein die Leistung der Kinder bewerten. Heutzutage wird zusätzlich auch die Veränderung bewertet, also die Entwicklungsschritte der Kinder. Das halte ich für gut. Und wenn wir ein Fach hätten, in dem keine Noten mehr vergeben würden, das wäre es plötzlich nicht mehr wichtig, auch emotional. Das sollte nicht passieren.

WDR: Wird der Lehrplan noch immer von Turnvater Jahn bestimmt oder ist er moderner geworden?

Froböse: Der Schulsport ist moderner geworden, was gleichzeitig aber nicht unbedingt besser heißt. Vielfach ist er einfach nur anders. Die klassischen Sportarten wie Turnen, Leichtathletik und auch Schwimmen wurden weiter zurückgedrängt. Trendsportarten wie Klettern oder Inline-Skaten sind mehr in den Vordergrund gerückt. Diese Loslösung begrüße ich, allerdings ist es bei diesen kreativen Sportarten schwieriger mit der Notengebung. Da können die Noten extrem subjektiv werden und damit womöglich auch diskutabel, was nicht von Vorteil ist. Zumal die Lehrer nicht in allen Sportarten ausgebildet sein können.

WDR: Läuft der Schulsport nur neben Fächern wie Mathematik oder Deutsch her?

Froböse: Der Schulsport hat in jedem Fall deutlich an Bedeutung verloren. Vor allem seit PISA wurde nur noch gefragt, ob wir etwa in den Naturwissenschaften international noch mithalten können. Ob die Kinder aber noch motorisch zu allem in der Lage sind, danach hat leider niemand gefragt.

WDR: Wie hat sich die Sportlichkeit der Kinder verändert?

Froböse: Wir gehen heute davon aus, dass etwa 25 Prozent der Kinder absolut unsportlich sind. Und mindestens drei Viertel der Kinder liegt gerade so auf der Grenze und hat nicht mehr das Potenzial wie die Kinder früher. Damals war vielleicht ein Dicker in der Klasse und ein weiteres, motorisch nicht so gut ausgebildetes Kind. Dieses Verhältnis hat sich leider umgekehrt. Das Problem beklagen wir zunehmend.

WDR: Kann man das Rad nochmal zurückdrehen?

Froböse: Das Rad wird sich zurückdrehen lassen müssen, weil wir ökonomischen Druck, allein von den Sozialversicherungssystemen, bekommen werden. Aber auch die Arbeitgeber werden uns Druck machen, weil die jungen Menschen schon krank an ihre Arbeitsstellen kommen werden. Die finanzielle Last wird nur verschoben. Wir müssen deshalb in der Bildung ansetzen und ganz neue Konzepte fahren.

WDR: Können negative Erlebnisse im Schulsport sogar Traumata bei einzelnen Kindern auslösen?

Froböse: Es kann auf jeden Fall nachhaltige Spuren hinterlassen, wenn der Bewegungsdrang, den alle Kinder von Geburt an haben, zugedeckt wird. Womöglich haben sie sogar Angst vor Sport, weil dieser ihnen ganz negative Erfahrungen vermittelt hat. Es kann tatsächlich traumatisierend wirken, wenn Menschen das, was sie an genetischen Bedürfnissen mit auf die Welt bekommen haben, komplett vermeiden. Dann, wenn sie noch nicht mal mehr die Sporthose anziehen wollen.

WDR: Was würden Sie sich wünschen für den Schulsport?

Froböse: Der Sport ist leider aus der Normalität des Alltags verschwunden. Viele Eltern wollen ihre Kinder nur noch zu Leistungssportlern bei großen Vereinen machen. Die Lieblichkeit, die im Sport steckt, ist auf der Strecke geblieben. Es fehlen die Kinder, die einfach nur Sport aus Spaß treiben wollen. Deshalb sollte der Sport in den Schulen unbedingt mit den anderen Fächern gleichberechtigt sein - denn er ist es.

Das Interview führte Jörg Strohschein

Stand: 07.11.2016, 06:00