Inklusions-Forschung: Deutschland hat viel aufzuholen

Die Inklusionshelferin Shadi Mirmousa betreut am in Aachen in der Gemeinschaftsgrundschule Am Höfling das Mädchen mit Down-Syndrom, Hannalena (r)

Inklusions-Forschung: Deutschland hat viel aufzuholen

  • Inklusions-Forschung steckt in Deutschland in den Kinderschuhen
  • Interview mit Prof.Dr. Christian Huber von der Uni Wuppertal
  • Soziale Integration von Kindern mit Behinderung im Fokus
Prof. Dr. Christian Huber

Prof. Dr. Christian Huber

Inklusion ist ein emotionales Thema, es war vielleicht sogar in NRW wahlentscheidend. Selbst Befürworter halten die Lage für katastrophal. Doch wie kommen wir aus der misslichen Lage wieder raus? Damit beschäftigt sich Prof. Dr. Christian Huber von der Bergischen Universität Wuppertal. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Inklusion und soziale Integration.

WDR: Wo stehen wir gerade mit der Forschung zur Inklusion in Deutschland?

Christian Huber: Zurzeit ist jeder Hustensaft besser untersucht als die Inklusion. Wir haben einen weiten Weg aufzuholen. In anderen Ländern wird seit 30 bis 40 Jahren geforscht, bei uns erst seit etwa acht Jahren. Und wir fangen jetzt erst an, eine systematische Inklusionsforschung aufzubauen.

WDR: Das heißt, wir hatten bis jetzt kein richtiges Konzept in Deutschland?

Huber: Genau! Das Problem ist, es gibt kein Ministerium, das für eine systematische Forschung sorgt. Wir haben viele kleine Projekte, die schwer zu überschauen sind. Bei denen geht es meist um die Gestaltung der Rahmenbedingungen für die Inklusion.

WDR: Was können wir aus den Studien anderer Länder lernen?

Huber: Zum Beispiel belegen Studien aus Norwegen, Finnland, den USA und Kanada, dass Kinder die Lernschwierigkeiten haben, im Zuge der Inklusion deutlich schneller und besser lernen als in einem vergleichbaren Förderschulsystem.

WDR: Eines Ihrer ersten Forschungsergebnisse war vor etwa 15 Jahren, dass viele Kinder mit Förderbedarf sozial ausgegrenzt werden.

Inklusion in der Schule

Soziale Interagtion ist oft ein Problem

Huber: Damit habe ich mir nicht nur Freunde gemacht. Wir haben in Deutschand das Problem, dass Inklusion mit einer sehr großen politischen Korrektheit und Ideologie behaftet ist. Das führt dann manchmal zu so absurden Situationen, dass man Dinge, die in der empirischen Forschung auffallen, gar nicht veröffentlichen darf, damit man in der Inklusionsszene auch Anerkennung findet.

WDR: Sie haben sich darüber hinweg gesetzt. Warum?

Huber: Wir wissen, dass knapp jedes zweite Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf ausgegrenzt wird. Das zu ändern, ist eines unserer zentralsten Themen.

WDR: Gibt es da schon Ansätze?

Schüler sitzen in der Inklusions-Klasse 5a des König-Wilhelm-Gymnasiums in Höxter unter dem Schriftzug "Inklusion"

Einstellung der Lehrkräfte ist wichtig

Huber: Ja, wir machen große Forschritte. Was wir wissen: Soziale Ausgrenzung wird immer dann weniger, wenn die Klassenorganisation gemischt ist, wenn erste und zweite, oder dritte und vierte Klasse zusammen unterrichtet werden.

Zweitens: Die Einstellung und das Feedbackverhaten von Lehrkräften zur Inklusion ist extrem wichtig. Sind Lehrkräfte gegenüber ihren Schülern mit Behinderung positiv eingestellt und loben es oft, so ändern auch die anderen Kinder in der Klasse ihre Einstellung gegenüber diesem Kind.

WDR: Funktioniert das auch umgekehrt?

Huber: Ja, im Gegenzug kann ein sehr starkes negatives Feedback günstige Einstellungen wieder verschwingen zu lassen. Das heißt, wir müssen das Feedbackverhalten von Lehrkräften, das wir bislang vernachlässigt haben, ändern. Das hat eine enorme Steuerfunktion im Klassenzimmer.

Das Interview führte Susanne Schnabel.

Zur Person

Dr. Christian Huber ist Professor für Rehabilitationspädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal. Sein Schwerpunkt: Förderung der emotional-sozialen Entwicklung. Huber studierte Pädagogik und Sonderpädagogik an der Universität Köln, wo er 2006 promovierte.

Nach sechsjähriger praktischer Tätigkeit als Schulpsychologe an der regionalen Schulberatung in Leverkusen war er in Köln bis 2013 Juniorprofessor für Sonderpädagogische Grundlagen in den Bereichen Lernen und Verhalten. Bevor er im Oktober 2015 nach Wuppertal kam, war er an der Universität Potsdam Professor für Inklusionspädagogik und Förderung der emotional-sozialen Entwicklung.

Stand: 30.05.2017, 10:00