Horrorfilme: Der Reiz des Gruselns

Szene aus dem Horrorfilm "Ring" mit Naomi Watts

Horrorfilme: Der Reiz des Gruselns

Von Ildiko Holderer

  • Horrorfilme machen Angstlust und können sogar süchtig machen
  • Die Befriedigung, Normen zeitweise zerbrechen zu sehen
  • Traumatisierung durch unfreiwilligen Horror

Eine junge Frau läuft nachts alleine nach Hause. Plötzlich hört sie Schritte hinter sich. Ihr Atem geht schneller, sie beschleunigt ihren Schritt, schaut sich panisch um. Dann erscheint hinter ihr ein großer Mann mit einer Axt.

Frau läuft nachts alleine nach Hause

Situation des Unbehangens

Eine Situation, die in Realität niemand von uns gerne erleben möchte. Für Horrorfilme jedoch ist der Wechsel zwischen der Ungewissheit und Horrormomenten typisch. "Es liegt immer eine Situation des Unbehagens vor - sowohl für den Zuschauer, als auch für die Protagonisten des Films. Erst das potenziell Gefährliche macht den Horrofilm spannend", sagt Kulturwissenschaftler Christian Lenz von der Technischen Universität Dortmund, der sich speziell mit dem Thema Horror in Literatur und Fernsehen beschäftigt.

"Angstlust" und "Angstsucht"

Genau wie bei befriedigenden Erfahrungen - zum Beispiel leckerem Essen oder Sex - wird auch in Gefahrensituationen der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Dopamin hat einen euphorisierenden Effekt, dessen Stärke sich allerdings von Mensch zu Mensch unterscheiden kann. Im Zusammenhang mit Horrorfilmen sprechen Experten häufig von "Angstlust". Aus dieser "Angstlust" kann bei einigen Menschen sogar eine "Angstsucht" werden, wenn sie ohne den Reiz nicht mehr auskommen.

"Durch den Nervenkitzel fühlen sich viele Zuschauer lebendiger, können Emotionen ausleben, die sie sonst in dieser Vielseitigkeit und Fülle im Alltag nicht mehr finden", sagt Christian Lenz. Heißt: Der Horror auf der Couch ist auch Kontrastprogramm zum häufig eher ereignislosen Büroalltag. Der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung wird als positiv empfunden, vor allem, weil keine wirkliche Gefahr für den Filmzuschauer droht.

Filmszene aus dem Horrorfilm-Klassiker "Der Exorzist"

Die potenzielle Gefährlichkeit

Triebbefriedigung durch Horrorfilme

Laut Christian Lenz spielt vor allem auch die Triebbefriedigung bei der Faszination für Horrorfilme eine Rolle. "Das Monster überschreitet stellvertretend für uns Grenzen in Form von gesellschaftlichen Werten und Normen", erklärt Lenz.

Mord beispielsweise ist in unserer Gesellschaft ausschließlich negativ besetzt, bei Horrorfilmen wie "Freitag, der 13." aber sind wir teilweise sogar erheitert über besonders blutrünstige oder absurde Morde. "Wird das Monster oder der Mörder dann gegen Ende des Films getötet, siegen die Normen, wir befinden uns wieder innerhalb unserer gewohnten Grenzen", erläutert Lenz.

Persönlichkeit und Erfahrung ausschlaggebend

Allerdings sind Horrorfilme nicht für jeden reizvoll. "Empirisch belegt ist, dass Männer prinzipiell lieber Horrorfilme schauen als Frauen", sagt Angela Schorr, Professorin für Medienpsychologie an der Universität Siegen. Ob jemand Horrorfilme mag, oder nicht, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: Persönlichkeit und Erfahrung.

"Kinder und Jugendliche zeigen in Studien bis zu dreifach stärkere Angstreaktionen als Erwachsene bei Horrorfilmen. Das liegt auch daran, dass sie weniger Erfahrungen mit Horrorfilmen und generell mit Gewaltdarstellungen und Schreckmomenten haben", erläutert Schorr.

Nicht zum Horrorfilm überreden

Schorr spricht von einer Emotionsüberflutung bei Horrorfilmen, die verarbeitet werden muss. "Der entscheidende Mechanismus hier ist die 'willing suspension of disbelief', auf Deutsch die 'willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit'", so Schorr. Heißt: Wir wissen, dass die Horrorszenarien im Film nicht wahr sind und können sie so besser verarbeiten. "Kinder und ängstliche Menschen können das in der Regel nicht so gut", sagt Schorr. Die Folge können dann beispielsweise Albträume sein.

Über Traumata durch Horrorfilme gebe es bislang kaum wissenschaftliche Erkenntnisse. "Wir haben allerdings Hinweise aus der Psychotherapie, dass vor allem Personen traumatisiert werden können, die nicht aus freien Stücken einen Horrorfilm sehen", so die Medienpsychologin. In einer sozialen Situation, beispielsweise gemeinsam mit Freunden im Kino, sei nicht jeder so mutig, während des Films den Kinosaal zu verlassen. Wer also gerne einen Horrorfilm zu Halloween schauen möchte, sollte seine Sofa- oder Kinopartner nicht dazu überreden.

Stand: 31.10.2017, 06:30