Führt aggressive Sprache zu Gewalt?

Führt aggressive Sprache zu Gewalt?

Von Andreas Sträter

Hass im Internet, auf dem Schulhof, zwischen Gruppen: Sprechen und Handeln sind zwar eng miteinander verknüpft. Doch Jugendliche meinen nicht jedes Schimpfwort so, wie es zunächst klingt. Und auch Wissenschaftler haben unterschiedliche Zugänge zum "Hasssprech".

Beschimpfungen, Beleidigungen und Demütigung gehören auf Schulhöfen leider oft zum Alltag. Doch führt eine Sprache des Hasses und der Erniedrigung auch zu aggressivem Handeln? "Sprechen und Handeln sind im Gehirn eng miteinander verbunden", sagt der Neurowissenschaftler Joachim Bauer aus Freiburg. "Das neurologische Sprachareal ist beim Menschen in die Netzwerke eingebettet, in denen auch die Handlungen geplant werden", ergänzt er. "Was andere zu uns oder über uns sagen, verändert das Gehirn."

Schmerzsysteme im Gehirn werden aktiviert

Erfährt ein Mensch Ablehnung durch Sprache, werden im Gehirn die Schmerzsysteme aktiviert, erklärt der Neurowissenschaftler und Psychiater. "Eine Reihe neuerer Studien zeigt, dass die Schmerzsysteme des Gehirns nicht nur dann reagieren, wenn uns körperlicher Schmerz zugefügt wird, sondern auch, wenn wir soziale Zurückweisung und Ausgrenzung erfahren", sagt Bauer. Werden diese Gehirnbereiche aktiviert, können Aggression oder Depression befördert werden, folgert der Professor der Uniklinik Freiburg.

Gesprächskontext muss berücksichtigt werden

Jugendliche umringen einen am Boden liegenden Schüler.

Führt aggressive Sprache zu aggressivem Verhalten? (Symbolbild)

Im Sprachgebrauch spiegelten sich auch Haltungen wider, sagt Benjamin Könning, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Germanistik an der Universität Wuppertal. "Wenn junge Menschen verbale Beschimpfungen von sich geben, dann sehen wir dies alleine jedoch noch nicht als Alarmsignal für eine Verrohung des gesamten Verhaltens", erläutert der Sprachforscher. Es müsse immer der Gesprächskontext berücksichtigt werden, in dem bestimmte Worte fallen, sagt Könning. Wenn Schüler unter sich seien, sprächen sie ganz anders als mit Autoritätspersonen wie Lehrern.

Ausdrücke können scherzhaft gemeint sein

"Kommt es im Klassenzimmer zu derben oder vulgären Ausdrucksformen, sind diese in erster Linie an das Publikum - also die Mitschüler - gerichtet", sagt Könning. Oft seien diese Ausdrücke scherzhaft gemeint. "Was von Außen böse erscheint, muss im inneren Kreis gar nicht aggressiv gemeint sein", sagt Professor Ludwig Eichinger, Direktor des Institutes für Deutsche Sprache in Mannheim.

Jugendsprache hat Erwachsenen noch nie gefallen

Die Jugendsprache diene dazu, sich von den Erwachsenen abzugrenzen und nach innen zu bestätigen. "Seit den Halbstarken in den 1950-er Jahren setzen sich Jugendliche von Erwachsenen ab", erklärt Eichinger. "Erwachsenen fiel es schon immer schwer, diesen Sprachgebrauch zu akzeptieren." Die Sprache der Jugend habe sich schon immer durch eine gewisse Härte und Rohheit ausgezeichnet, sagt Eichinger. "Nur ist jetzt die Provokationsgrenze höher." Dies führt der Leiter des Mannheimer Institutes für Deutsche Sprache auch auf die sozialen Internetmedien zurück. "Es gibt mehr Öffentlichkeiten denn je", sagt er. Die Jugendlichen könnten ihre Medien selbst produzieren.

Gefühle ohne Gewalt kommunizieren

Für den Neurobiologen Joachim Bauer ist Sprache wie Handeln – nur auf symbolischer Ebene. "Die Sprache kann Handlungen nicht nur ersetzen, sondern auch ankündigen und ihnen den Weg bahnen", sagt Bauer. Weil Gefühle von Ärger und Wut ganz normal seien, müssten Schüler schon früh lernen, ihre Emotionen und Impulse ohne Gewalt zu kommunizieren.

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Stand: 22.09.2016, 06:00