Gefahr durch Handy am Steuer wird meist unterschätzt

ARchiv: Eine Frau telefoniert während des Autofahrens mit einem Mobiltelefon

Gefahr durch Handy am Steuer wird meist unterschätzt

Von Patrizia Grohm

Mit dem Handy am Steuer? Verboten, klar. Dennoch ist es immer häufiger die Ursache für schwere Verkehrsunfälle. Knapp 50 Prozent aller Autofahrer in Deutschland nutzen ihr Handy dennoch während der Fahrt.

Die Spurhaltung verschlechtert sich, die Geschwindigkeit gerät außer Kontrolle, der Abstand zum Vordermann wird immer geringer und - zack! - ist das Auto in das vorausfahrende Fahrzeug gekracht. Aber die SMS an den besten Kumpel wurde abgeschickt.

Ablenkungsunfälle nehmen drastisch zu

Im Jahr 2015 hat die Polizei in NRW nach eigenen Angaben mehr als 146.000 Handy-Sünder festgestellt. In 182 Fällen wies sie nach, dass die Handynutzung Ursache für den Unfall war. Drei Menschen kamen bei einem Handyunfall ums Leben. 339 Smartphones stellten die Polizisten bei schweren Verkehrsunfällen sicher. Hier bestand der Verdacht, dass der Fahrer dadurch abgelenkt war.

Symbolbild: Polizistin bei einem Verkehrsunfall

Ablenkung am Steuer kann schnell gefährlich werden

Nach einer aktuellen Studie der Allianz nutzen knapp 50 Prozent aller Autofahrer in Deutschland ihr Handy während der Fahrt. Der Griff zum Gerät steigert die Unfallgefahr um das Doppelte. Lesen und Schreiben von Nachrichten sogar um das Zwölffache, sagt Wolfgang Fastenmeier, Professor für Verkehrspsychologie an der Hochschule Berlin . Nach der Studie besteht für junge Männer, die beruflich mit dem Auto unterwegs sind ein höheres Unfallrisiko. Experten sprechen von einem "Blindflug" von mehreren Metern mit dem Auto, auch wenn man nur wenige Sekunden abgelenkt ist.

So weit reicht Ihr "Blindflug" bei Ablenkung am Steuer

Schon wenige Sekunden Ablenkung beim Steuern eines Autos können gefährlich werden. Der ADAC hat typische Situationen zusammengestellt und errechnet, über welche Strecken Sie dabei "blind" fahren würden.

Grafik: Wieviel Meter Blindflug, Basisrechnung

Die Basisrechnung des ADAC bezieht sich auf das abgelenkte Steuern eines Autos über eine Sekunde hinweg.

Die Basisrechnung des ADAC bezieht sich auf das abgelenkte Steuern eines Autos über eine Sekunde hinweg.

Mal eben nach der Brille suchen übersetzt der Autoverband mit drei Sekunden "Blindflug": bei Tempo 40 würde er über 33,3 Meter verlaufen.

Eine Steigerung um nur eine Sekunde - wir sind nun bei vier Sekunden Ablenkung - ergeben bei Tempo 40 ein "blindes" Steuern über 44,4 Meter hinweg - im Stadtverkehr eine beachtliche Strecke mit vielen möglichen Unfallquellen.

Und schließlich das Handy als Ablenkungsgrund: bei angenommenen sieben Sekunden fahren Sie mit Tempo 40 knapp 80 Meter blind, auf der Autobahn sind es sogar gut 252 Meter.

Hier noch einmal alle Beispiele auf einen Blick.

Handy am Steuer im Vergleich zu Alkohol am Steuer

Studien zufolge liegt die Zahl der durch Alkoholkonsum verusachten Unfälle hinter der Zahl der Unfälle, die durch das Handy am Steuer verursacht wurden. Die Gefahr, beim Fahren auf dem Smartphone zu hantieren werde von Autofahrern noch erheblich unterschätzt, sagt Martin Lotz von der Polizei Köln und stellt folgenden Vergleich an: "Man spricht in dem Moment, wenn Sie telefonieren von einem vergleichbaren Promillewert von 0,8. Wenn Sie einen Text auf dem Smartphone schreiben sogar von 1,1 Promille."

Bestrafung bringt nichts – Technik muss her

Wer im Moment beim Telefonieren am Steuer von der Polizei erwischt wird, wird mit einem Bußgeld von 60 Euro und einem Punkt in Flensburg geahndet. Müssen die Sanktionen verschärft werden um die Unfallzahlen zu senken? Nein sagt Martin Lotz und appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand.

Wolfgang Fastenmeier vom Institut Mensch - Verkehr - Umwelt in München fordert dagegen ganz neue Lösungsansätze. Nach seiner Meinung müssen Systeme her, die unsere Mobiltelefone während der Fahrt deaktivieren. "Cleverer wäre eine Art automatischer Informationsmanager. Ein System, das je nach Komplexität der Verkehrssituation bestimmte Funktionen unterdrückt."

Autonomes Fahren als Lösung?

Auch wenn Fastenmeier aktuell an Prototypen arbeitet, sind wir noch weit entfernt von einem technischen Fortschritt derartiger Systeme. Langfristig kann man aber festhalten – und da sind sich der Verkehrspsychologe und Martin Lotz von der Polizei einig: mit der Forschung an autonomen Fahren wird die Zahl der Ablenkungsunfälle irgendwann kein Thema mehr sein. Dann allerdings werden ganz andere Fragestellungen auf uns zukommen.

Stand: 08.01.2017, 07:00