Darum ist die Handschrift so wichtig

Hand schreibt mit Füller einen Brief.

Darum ist die Handschrift so wichtig

In Zeiten der Digitalisierung schreiben immer weniger Menschen noch mit der Hand. Das hat Folgen. Nicht nur für die Qualität der Handschrift.

Ob mit Smartphone, Tablet oder am PC - die moderne Kommunikation läuft fast ausschließlich digital ab. Kaum jemand muss mehr etwas mit der Hand schreiben. Die klassische Handschrift leidet darunter. Dabei ist sie nicht nur zum Briefe schreiben besonders wichtig, wie Graphologin Rosemarie Gosemärker aus Bielefeld am Tag der Handschrift (23.01.2017) im Interview erklärt.

WDR: Im digitalen Zeitalter schreiben immer weniger Menschen mit der Hand. Wie wirkt sich das auf die Schrift aus?

Rosemarie Gosemärker: Es mangelt den Menschen an Übung. Die Handschrift wird dadurch ungelenker und verliert ihre Feinheit. Man schreibt dann auch langsamer. Im Prinzip entwickelt sie sich in Richtung der Schulschrift zurück, was nicht unbedingt schlimm ist, wenn das Gegenüber keinen Wert auf die Handschrift legt. Ob geschickte oder ungeschickte Handschrift - der Mitteilungscharakter bleibt ja. Richtig verlernen kann man das handschriftliche Schreiben aber nicht, außer bei bestimmten Krankheiten.

WDR: Warum ist es heute immer noch sinnvoll, mit der Hand zu schreiben?

Gosemärker: Das mit der Hand Geschriebene wird stärker im Gehirn verankert, sodass die Erinnerungsleistung besser ist. An der Uni machen sich ja mittlerweile mehr als die Hälfte der Studenten ihre Notizen auf dem Laptop. Dabei ist erwiesen, dass das Schreiben mit der Hand dazu führt, dass der Lernstoff besser behalten werden kann.

Rosemarie Gosemärker

Graphologin Rosemarie Gosemärker

Die Erinnerungsleistung derer, die mit der Hand schreiben, ist erheblich besser. Das liegt daran, dass das Schreiben das Gehirn ganzheitlich aktiviert. Darum ist es auch so bedeutend, in der Grundschule weiterhin auf die Handschrift zu setzen. Es ist wichtig, dass Kinder handschriftliches Schreiben lernen, damit sich im Gehirn diese Spuren einprägen. Da gilt der alte Satz: Handschrift ist Hirnschrift.

WDR: Handgeschriebenes ist doch auch persönlicher, oder?

Gosemärker: Das kommt noch hinzu. Bestimmte zwischenmenschliche Themen können besser mit der Hand auf Papier gebracht werden. Das gilt beispielsweise für Kondolenzbriefe. Das Schreiben mit der Hand verstärkt die eigene Vorstellungskraft und man wird kreativer. Der Inhalt des Textes wird viel mehr beachtet. Man kann viel bildhafter schreiben. Auch viele Schriftsteller schreiben schöpferische Texte erst mal mit der Hand. 

WDR: Wie lässt sich Menschen in der digitalen Zeit wieder mehr Freude am handschriftlichen Schreiben vermitteln? 

Gosemärker: Ich denke, zuerst sollten die Menschen einsehen, dass es einfach nützlich ist mit der Hand zu schreiben. Dann sollten sie das Gefühl wieder erleben, wie es ist, wenn der Kugelschreiber oder Füllfederhalter auf dem Papier das ausdrückt, was der Kopf hergibt. 

Alte Handschriften

Schreiben mit der Hand macht kreativer

WDR: Was sagt die Handschrift über einen Menschen aus?

Gosemärker: Schreiben ist eine Handlung, die sich selbst protokolliert, weil die Schrift ja auf dem Papier bleibt. Es gehört im weitesten Sinne zur Körpersprache und drückt dasselbe aus, wie Mimik, Gestik oder Gang, nur auf feinmotorische Art. Die eigene Handschrift ist unverwechselbar.

WDR: Können Sie sich vorstellen, dass es die Handschrift irgendwann tatsächlich nicht mehr geben wird?

Gosemärker: Es ist vorstellbar, aber es wäre ein großer Verlust eines Kulturgutes. Wenn die Handschrift durch das Schreiben per Tastatur komplett ersetzt wird, wird inhaltlich vielleicht nicht so viel verloren gehen, wie man befürchten muss. Aber es geht besonders die Ausdrucksfähigkeit und das Vermitteln der eigenen Gefühle verloren.

Das Interview führte Benjamin Esche

Stand: 23.01.2017, 06:00