Neue Männer braucht die Schule!

Neue Männer braucht die Schule!

Von Annika Franck

In Grundschulen sind männliche Lehrer Mangelware. Warum ist der Beruf für Männer so unattraktiv? Und brauchen Jungen nicht auch männliche Lehrer, um in der Schule gut abzuschneiden?

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: "Ja, die Männer sind in den Grundschulen deutlich in der Minderheit", sagt die Hamburger Bildungsforscherin Hannelore Faulstich-Wieland - Tendenz weiter abnehmend. Grund für diese Entwicklung sei die Expansion des Bildungssystems in den 1970er Jahren und der steigenden Anteil erwerbstätiger Frauen. "Aber was unterm Strich übrig bleibt ist die Tatsache, dass der Anteil der männlichen Lehrer deutlich unter 20 Prozent liegt bundesweit." In NRW betrug der Anteil der männlichen Lehrkräften an Grundschulen im Schuljahr 2015/2016 sogar nur 8,7 Prozent, vor zehn Jahren waren es noch 10,9 Prozent.

Falsche Vorstellungen von der Arbeit an Grundschulen?

Eindeutig sind die Erklärungen der Bildungsforscher dafür nicht. "Oft haben vor allem junge Menschen, also Abiturienten, falsche Vorstellungen von der Arbeit in der Grundschule: Sie denken, dass die Arbeit fachlich nicht so anspruchsvoll ist", meint Faulstich-Wieland. Damit hänge auch die Vorstellung zusammen, dass man an Grundschulen vor allem Erziehungsarbeit leisten müsse: "Da geht es vor allem um Geschlechter-Vorstellungen: Was ist für Frauen und Männer angemessen?", sagt sie. Ähnliche Ursachen sieht der Berliner Sozialwissenschaftler Marcel Helbig: "Grundschullehrer zu sein war noch nie so richtig männlich."

Zu wenig Lehrer = Jungen in der Bildungs-Krise?

Gerne wird dann ein Zusammenhang zwischen dem geringen Anteil männlicher Lehrer und der viel zitierten Krise der Jungen im Bildungswesen heraufbeschworen. Stichhaltige Argumente dafür gibt es allerdings nicht. "Wir haben uns rund 50 internationale Studien angeschaut und festgestellt, dass es überhaupt keine Beweise gibt, dass das Geschlecht der Lehrkraft einen Einfluss auf den Bildungserfolg der Kinder hat", betont Marcel Helbig.

Gegen die Stereotypen im Kopf

Fest steht aber, dass Mädchen besser mit dem Bildungssystem zurechtkommen. "Mädchen haben die besseren Noten, sie fügen sich besser ein", lässt sich laut Faulstich-Wieland aus empirischen Studien zeigen. Dass einige Jungen in der Schule schlechtere Leistungen erbringen, hänge vor allem mit den Männlichkeitsvorstellungen zusammen und damit, was von Jungen erwartet wird - und was nicht. Daher spiele es durchaus eine Rolle, welche Bilder von mädchenhaftem und jungenhaftem Verhalten die Lehrkräfte im Kopf hätten.

Häufig herrschten eben Bilder vor wie "Jungen brauchen viel Platz zum Raufen und Toben" - wobei übersehen werde, dass viele Jungs auch gerne stillsitzen und lesen. "Und dass es auch viele Mädchen gibt, die gerne Toben und Platz brauchen", betont Faulstich-Wieland. Ihr Plädoyer: "Man sollte genauer auf die Kinder gucken - jenseits von Geschlechter-Zuweisungen." Dabei sei es gar nicht so einfach, Menschen zu "ent-stereotypisieren", fügt Helbig hinzu. Ob das so genannte Gender Management, das sich einige Schulen nun auf die Fahnen schreiben, dabei hilft, hält Helbig für fraglich - oft seien das Papiertiger.

"Jungen waren schon immer fauler", sagt der Bildungsexperte

"Das Hauptproblem war schon immer, dass Jungen schlechtere Noten bekommen. Aber sie strengen sich auch weniger an - weil das nicht zu ihrer Geschlechts-Typisierung passt", fasst Helbig zusammen. Und auch wenn immer mehr Mädchen einen Hochschulabschluss anstreben, bilden die Jungen dort immer noch die Mehrheit. Spätestens beim Eintritt ins Berufsleben stellen die Jungen dann fest, dass ihnen die Faulheit nicht grundsätzlich geschadet hat: Sie verdienen nämlich immer noch deutlich mehr als ihre weiblichen Kolleginnen.

Klischees durchbrechen

Warum könnte es sich lohnen, mehr Männer in die Grundschulen zu bringen? "Weil vielen Jungen heute kompetente männliche Vorbilder fehlen, auch in den Familien", sagt der Psychotherapeut Matthias Franz, Professor am Uniklinikum Düsseldorf. Das verunsichere die Jungen latent, denn sie bräuchten kompetente Männer, "um ein stabiles männliches Selbstwertgefühl" zu entwickeln. "Weil die Hoffnung besteht, dass dann Männer in der kindlichen und frühkindlichen Bildung zur Selbstverständlichkeit werden", meint Hannelore Faulstich-Wieland. Allerdings sei der Weg dahin nicht so einfach. Denn derzeit müssen sich die wenigen Männer gerade den "schwierigen" Jungen widmen, sind für Technik und Sport zuständig - bedienen damit aber genau die Klischees, die eigentlich überwunden werden sollen.

Stand: 15.12.2016, 00:01