Warum sich Experten über Glyphosat streiten

Reagenzgläser und die Formel von Glyphosat

Warum sich Experten über Glyphosat streiten

Von Ruth Schulz

Die Frage, ob Glyphosat weiterhin in der EU zugelassen werden sollte, sorgt für heftige Diskussionen. Experten streiten darüber, wie riskant der Wirkstoff ist. Wie kann es sein, dass sie so unterschiedlicher Meinung sind?

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat im Auftrag der EU alle Studien zu Glyphosat ausgewertet und empfahl 2015, den Stoff weiterhin zuzulassen. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation WHO stufte den Stoff hingegen als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Seitdem gibt es heftigen Streit über Glyphosat.

Eine Expertengruppe, die sich im Auftrag der WHO und der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) mit den Rückständen von Pestiziden beschäftigt kommt jetzt zu dem Ergebnis: Glyphosat ist nicht krebserregend, wenn es sachgerecht angewendet wird und wenn die Grenzwerte für Nahrungsmittel nicht überschritten werden.

Warum kommen Experten zu so unterschiedlichen Ergebnissen?

Obwohl die Gutachter die gleichen wissenschaftlichen Studien gelesen haben, können sie zu unterschiedlichen Urteilen kommen. Sie prüfen,wie aussagekräftig die Daten sind, wie viele Proben untersucht wurden oder wie viele Menschen an einer Studie teilgenommen haben. Wenn zwei kleine Studien herausfanden, dass ein gewisses Risiko besteht, eine dritte große und ebenfalls seriöse Studie aber gar keinen Hinweis darauf liefert, kann ein Expertenteam diese Studie stärker gewichten.

Sucht man nur, was man finden will?

Es spielt durchaus eine Rolle, was man herausfinden will - und dafür kann es sinnvoll sein, die Fragestellung einzugrenzen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und die WHO/FAO-Experten haben zum Beispiel Studien gelesen, die untersucht haben, wie der pure Wirkstoff Glyphosat wirkt. Das ist in den Überprüfungsvorschriften so vorgesehen und man hat sich international darauf geeinigt. Das BfR hatte übrigens vorgeschlagen, das zu ändern: Man wollte auch Studien über die Wirkung von Gemischen einbeziehen. Das lehnte die EU ab.

Außerdem hat man den Schwerpunkt auf Studien gelegt, die erforscht haben, was passiert, wenn Menschen nur an wenigen Tagen im Jahr mit Glyphosat in Kontakt kommen. Wie hoch ist aber beispielsweise das Risiko für Bauern? Und man wollte wissen, wie groß ein Risiko ist, wenn man mit der Nahrung nicht mehr aufnimmt, als die Grenzwerte jetzt zulassen. Es ging also nicht um Unfälle.

Wie gehen Krebsforscher vor?

Die Krebsforschungsagentur hat auch Studien ausgewertet, die erforscht haben, wie Wirkstoffgemische wirken. Und sie haben die Ergebnisse von Tierversuchen berücksichtigt, in denen Mäuserassen, die sowieso recht schnell Tumore entwickeln, mit glyphosathaltigem Futter gefüttert wurden. Diese Studien versuchten herauszufinden, ob überhaupt ein Krebsrisiko besteht. Auch das ist ein wissenschaftlich anerkannter Weg. So kommen die Krebsforscher zu dem Ergebnis: Glyphosat ist „wahrscheinlich krebserregend“. Sie sahen Hinweise darauf – so wie sie auch Hinweise darauf sehen, dass rotes Fleisch die Entstehung von Krebs begünstigen kann, wenn man sehr viel davon isst.

Stand: 17.05.2016, 14:06