Arthrose ist mehr als Verschleiß

Colorierte Röntgenaufnahme eines menschlichen Knies mit Arthrose

Arthrose ist mehr als Verschleiß

Von Sigrun Damas

Arthrose ist in Deutschland der Hauptgrund für Frühverrentung. Lange hielt man den Abbau der schützenden Knorpelschicht am Knochen für altersbedingten Verschleiß. Heute wissen Forscher: An einer Arthrose sind viele Faktoren beteiligt.

Gelenke bestehen aus zwei aufeinander gleitenden Knochen. Damit Bewegung reibungsfrei ablaufen kann, sind die Knochenenden von einer dünnen Knorpelschicht überzogen. Ist diese verschwunden oder stark angegriffen, nennt man das Arthrose. Sie ist bis heute nicht ursächlich behandelbar oder heilbar.

"Das Gehirn verschleißt ja auch nicht vom Nachdenken"

Abbau durch Verschleiß - diese Vorstellung greift allerdings zu kurz, wie Forscher heute wissen. "Sie bekommen ja auch nicht die Alzheimer-Erkrankung, wenn Sie zu viel nachdenken", sagt der Arzt und Arthroseforscher Thomas Pap von der Universität Münster. "Das Gehirn verschleißt nicht. Und genauso verschleißt der Knorpel nicht, wenn man das Gelenk viel benutzt." - Vielmehr sind Um- und Abbauprozesse an der Arthrose beteiligt, die aus dem Knorpel selbst gesteuert werden. Und dieses versuchen die Forscher jetzt zu verstehen – und in einem nächsten Schritt zu beeinflussen. Bisher handelt es sich um Grundlagenforschung. Bis daraus Medikamente entwickelt werden, können noch Jahrzehnte vergehen.

Knorpelbildende Zellen als Schaltstelle

"Schaltstelle des Prozesses sind die einzigen lebenden Zellen in der Knorpelschicht: die Chondrozyten. Sie machen nur etwa 3% der gesamten Knorpelmasse aus. Und sie können Knorpel auf- aber offensichtlich auch abbauen", sagt der Zellbiologe Max Löhning vom Pitzer-Labor Arthroseforschung an der Berliner Charité. Eine Therapie gegen Arthrose müsste die Chondrozyten so beeinflussen, dass sie ein Leben lang neuen Knorpel produzieren. Bei Mäusen hat Thomas Pap das schon geschafft: "Wir haben einen Antikörper gefunden, der die Knorpelzelle sozusagen dauerhaft streichelt und ihr sagt: ´Bitte mach Knorpel´."

Verletzungen sind Stress für den Knorpel

Aber womit beginnt eine Arthrose? - "Mit Stress", sagt Max Löhning. "Wenn die Chondrozyten unter Stress geraten, produzieren sie Stoffe, die den Knorpel zu Knochen umbauen, also mehr schaden als nützen."

Knie

Jede Verletzung schadet dem Knie

Stress im Gelenk entsteht durch viele äußere Faktoren. Fehlstellung wie zum Beispiel stark ausgeprägte X-Beine gehören dazu, aber auch verletzungsanfällige Sportarten wie Fußball, Handball, Abfahrtsski oder Tennis. Jede Verletzung schadet dem Gelenk als Ganzem - das inzwischen mit seinen Bändern, Sehnen, Muskeln und Knochen und Knorpel als "Organ" gesehen wird – und bringt es aus dem Gleichgewicht. 

Bauchfett produziert Entzündungsstoffe

Aber auch Übergewicht ist ein spezieller Stress für die Gelenke. "Entscheidend ist  offensichtlich nicht das Körpergewicht, sondern das Körperfett", sagt Arthroseforscher Thomas Pap. Inzwischen weiß man, dass besonders das weiße Bauchfett entzündungsfördernde Botenstoffe aussendet. Diese gelangen über den Stoffwechsel auch ins Gelenk und an seine Knorpelschicht. "Möglicherweise beschleunigen die Entzündungsboten aus dem Fett das Fortschreiten einer Arthrose." Arthrose wird heute deswegen auch als Erkrankung gesehen, die vom individuellen Lebensstil abhängt.

Der Knorpel braucht Bewegung - und Pausen

Spaziergänger mit Regenschirmen im Herbst

Bewegung hält den Knorpel fit

Zum Lebensstil gehört auch regelmäßige Bewegung. Sie hält den Knorpel fit, wenn sie ohne Verletzungen und abrupte Manöver auskommt. Ein Gelenk, das ständig benutzt wird, hat einen gesünderen Knorpel als eines, das ständig in Ruheposition verharrt. Bewegung regt die Chondrozyten zur Knorpelbildung an. Wenn Muskeln, Bänder und Sehnen entsprechend stabil und trainiert sind, verkraftet der Knorpel sogar auch größere Belastungen. "Er hat eine gute Fähigkeit, sich zu erholen", sagt Thomas Pap und erzählt von Studien an Marathonläufern. Deren Knorpel wurde per MRT vor und nach dem Lauf genau unter die Lupe genommen. "Unmittelbar nach dem Lauf war er deutlich angegriffen – aber nach einigen Wochen hatte der Knorpel sich vollständig erholt." - Das Entscheidende für die Regeneration der Knorpelschicht sind also angemessene Bewegung und Pausen nach hohen Belastungen.

Arthrose in den Fingern vermutlich hormonell bedingt

Allerdings hat wohl jeder Mensch eine individuelle Belastungsgrenze, die unter anderem von genetischen Faktoren abhängt. Das gilt besonders für Arthrose in den Fingergelenken. Hier vermuten Mediziner inzwischen, dass vor allem Hormone den Krankheitsprozess beeinflussen. Frauen bekommen neunmal häufiger Arthrose in den Fingern als Männer.

Stand: 16.11.2016, 06:00