Der Sex und seine Schattenseiten

Kuscheln im Bett - Zwei Paar Füße gucken unter einer Decke hervor

Der Sex und seine Schattenseiten

Von Lisa von Prondzinski

Dass Kondome vor HIV schützen, ist bekannt. Über andere Infektionen und Krankheiten, die man sich beim Sex holen kann, wissen viele aber nicht Bescheid. Dabei breiten sich Syphilis, Tripper und Co. wieder aus.

Über Sex zu sprechen, ist vielen peinlich - Geschlechtskrankheiten bleiben erst recht unter der Decke. Niemand möchte sich bloßstellen. Die Fragen aber bleiben, wie man im Internet gut sehen kann: Da fragt beispielsweise ein 23-Jähriger in einem Forum: "Als Frau kann man sich ja schnell mit Chlamydien und Tripper anstecken. Wie ist das bei uns Männern? Könnte man das auch bekommen, ohne Symptome, ohne es zu bemerken?" Einer jungen Frau macht etwas anderes zu schaffen: "Ich hatte einen sexuellen Kontakt mit einem fremden Mann. Es ist zum Oralsex gekommen. Wie groß ist das Risiko, dass ich mir da was eingefangen habe? Sollte ich mich jetzt testen lassen? Und wenn ja, auf was?"

Neue Kampagne: Mehr Vorsicht und Prävention

Künftig soll der Umgang mit STI, das ist die Abkürzung für sexuell übertragbare Infektionen, lockerer werden. Die große Hoffnung dahinter: Wenn Schamgrenzen fallen, trauen sich Betroffene früher zum Arzt, werden früher behandelt, so dass sie möglichst keine weiteren ihrer Sexualpartner anstecken. Für einen offeneren Umgang mit STI sowie Vorsicht und Prävention beim Sex wirbt seit einigen Wochen die neue bundesweite BZgA-Kampagne "Liebesleben".

Comic

Die neue Kampagne der BZgA setzt auf Ernst und Humor

Auf Plakaten etwa an Bushaltestellen oder an Bahnhöfen transportieren Cartoons eindeutige Botschaften: "Brennt’s im Schritt? Ab zum Arzt" oder "Ob rauf oder runter. Benutz Kondome". Diese Folgekampagne zu "Gib AIDS keine Chance" ist Teil der im April verabschiedeten Strategie der Bundesregierung zur Eindämmung von HIV, Hepatitis und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Armin Schafberger, Medizinreferent bei der Deutschen Aidshilfe meint über "Liebesleben": "Auch wenn die Motive nicht jedem gefallen und manche darüber witzeln, erregen sie doch Aufmerksamkeit. Und am Ende bleibt etwas davon hängen. Das haben wir schon bei den Kondom-Kampagnen gesehen."

Verschiedene Bevölkerungsgruppen betroffen

Sich allein auf HIV und Aids zu konzentrieren, reicht nicht mehr aus. Da sind die Zahlen auf einem recht stabilen Niveau. Andere Geschlechtskrankheiten und Infektionen dagegen steigen an. Wer etwa glaubt Syphilis sei ausgerottet, liegt völlig daneben. Im Jahr 2014 wurden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts über 5.700 Syphilis-Erkrankungen gemeldet. Das waren 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit setzte sich der in den letzten Jahren beobachtete Anstieg weiter fort. Besonders Männer, die mit Männern Sex haben, zählen zu den Erkrankten.

Eine Aufzählung von Geschlechtskrankheiten

Seit Jahren werden mehr Syphilis-fälle registriert

Weit verbreitet unter jungen Frauen und Männern ist wiederum die Chlamydien-Infektion. Die bakteriellen Erreger rufen zuerst keine Symptome hervor, können jedoch unfruchtbar machen. Als ein Hauptauslöser für Gebärmutterhalskrebs bei Frauen gilt das Humane Papillomvirus (HPV). Jedes Jahr werden etwa 4.300 neue Fälle gezählt. Bei Männern kann HPV zu Karzinomen im Analbereich oder am Penis führen. Die vorbeugende Impfung nutzen junge Mädchen noch viel zu wenig. Und für Jungen ist der Impfschutz bisher noch gar nicht vorgesehen.

"Oralverkehr zu haben ist heute nahezu normal"

Auch die Gefahr einer Ansteckung mit Tripper (Gonorrhö) ist wieder größer geworden. "Dieses Krankheitsbild war in den 90er Jahren eine absolute Rarität", erzählt Prof. Norbert Brockmeyer, Leiter des Zentrums für sexuelle Gesundheit und Medizin an der Bochumer Ruhruniversität und Präsident der Deutschen Gesellschaft für sexuell übertragbare Infektionen. Heute sieht er solche Fälle täglich. Gründe für den Anstieg gibt es viele. Eine erhebliche Rolle spielen jedoch veränderte Sexualpraktiken. "Oralverkehr zu haben ist heute nahezu normal", sagt Brockmeyer. Auch anale Praktiken sind im Kommen. "Etwa 30 Prozent aller Frauen hatten oder haben immer wieder mal Analverkehr." Kondome schützen zwar gut gegen HIV, aber nur zu 60 Prozent gegen bakterielle Infektionen, weiß der Mediziner. Sie werden auch über Fingerspiele und Sex-Spielzeuge übertragen – zu Hause, in Swinger-Clubs oder beim Partnertausch. Dating-Apps wie "Tinder" oder Chat-Rooms verführen häufig zum schnellen leichtsinnigen Sex, meint Brockmeyer. "Man schreibt sich ein paar Mal und glaubt, sich zu kennen, dann ist es schon fast unangenehm nach einem Kondom zu fragen. Also lässt man es lieber gleich." Zudem senkten Partydrogen die Schwelle zum ungeschützten Sex.

Auch Partner sofort mitbehandeln

Der Mediziner geht davon aus, dass die Zahl der Infektionen in nächster Zeit noch weiter nach oben gehen wird. Denn bis die Leute sensibilisiert werden für diese Gefahren, dauert es. Glücklicherweise lassen sich die meisten Geschlechtskrankheiten gut behandeln. "Man muss sie nur früh entdecken, um den Übertragungsweg zu unterbrechen, und vor allem den Partner gleich mitbehandeln", so Brockmeyer.

Auszeichnung: Bochumer Forscher erhält Bundesverdienstkreuz

Prof. Norbert Brockmeyer macht sich für breitere Aufklärung stark

Natürlich ist es nicht einfach dem Partner zu sagen: "Du, ich hab da einen Ausschlag ..." Um dieses grundlegende Problem, Sex-Erkrankungen anzusprechen, aus der Welt zu schaffen, "müssen wir schon in der Schule anfangen, besser darüber aufzuklären", sagt Brockmeyer. Was gar nicht so einfach ist, weil viele Eltern eine zu frühe Sexualisierung ihrer Kinder befürchten. Was jedoch kurzsichtig wirkt, wenn man bedenkt, dass bereits Kinder Sex-Videos im Netz anschauen können, in denen alles andere als normale Sexualität gezeigt wird.

Stand: 05.08.2016, 06:00