Zweifelhafter Eingriff: Geschlechtsanpassung bei intersexuellen Kindern?

Lynn D.

Intersexualität

Zweifelhafter Eingriff: Geschlechtsanpassung bei intersexuellen Kindern?

Von Jakob Kneser

  • Intersexuelle Kinder werden häufig geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen
  • Neue Richtlinien: keine rein kosmetischen Operationen
  • Studie: Trotzdem kein Rückgang an kosmetischen Genital-OPs

Als Lynns Eltern vor 33 Jahren ihr Baby betrachteten, erschraken sie: Das Kind hatte weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale: Penis, Vagina, Hoden – und wie sie von den Ärzten erfuhren, außerdem auch Eierstöcke und Gebärmutter. "Das volle Programm", wie Lynn es heute beschreibt. "Echter Hermaphrodit" ist der medizinische Fachbegriff für diese seltene Form von Intersexualität.

Die Ärzte rieten Lynns Eltern dringend zur Operation – auch mit dem Hinweis auf ein mögliches Krebsrisiko. Für das zweijährige Kind beginnt ein Operations-Marathon: Eierstöcke und Hoden werden entfernt, der Penis amputiert, künstliche Schamlippen angebracht. Sieben Operationen in zwei Jahren.

Wie Lynn ergeht es vielen: Etwa eins von 4.500 Neugeborenen in Deutschland wird mit "uneindeutigem Genital" geboren. Noch 2003 empfahlen die ärztlichen Richtlinien in solchen Fällen eine "geschlechtsangleichende" Operation – am besten innerhalb der ersten sechs Monate.

Seit einigen Jahren werden diese Operationen zunehmend kritisch betrachtet. Denn sie werden in einem Alter durchgeführt, in dem die Kinder zu klein sind, um ihr Einverständnis zu geben. Dabei schaffen die Eingriffe Fakten, die später nicht mehr zu korrigieren sind.  

Kein Rückgang der Operationen, trotz neuer Leitlinien

Seit 2007 gibt es neue Richtlinien der Ärzte-Verbände: Heute empfehlen sie Operationen bei Kindern nur noch, wenn sie medizinisch wirklich notwendig sind – und raten von rein kosmetischen Eingriffen ab. Rechtlich bindend sind die neuen Richtlinien nicht. Haben sie trotzdem zu einem Rückgang der Operationen geführt?

Stand: 09.04.2018, 12:52