Geschäftemacherei am Ende des Lebens

Geschäftemacherei am Ende des Lebens

Der Wittener Palliativmediziner Matthias Thöns hat ein Buch geschrieben, das am Donnerstag (01.09.2016) veröffentlicht wird und schon vorab für Aufregung gesorgt hat. Es geht dabei um das Geschäft mit Sterbenskranken und die Profitgier von Kollegen.

WDR.de: Es geht in Ihrem Buch „Patient ohne Verfügung“ um das Geschäft mit den Leiden von Patienten - vor allem denjenigen am Lebensende. Welchen Missstand kritisieren Sie konkret?

Matthias Thöns

Palliativmediziner Matthias Thöns aus Witten

Matthias Thöns: Ich bemerke bei meiner täglichen Arbeit als Palliativmediziner, dass bei sterbenskranken Menschen immer häufiger große Eingriffe durchgeführt werden. Diese nutzen dem Patienten aber selten. Ich nenne Ihnen ein Beispiel aus der Praxis: Eine sehr alte Patientin leidet unter Darmkrebs. Diese wird dann in schlechtem Zustand operiert, man legt ihr künstliche Darmausgänge und einen Port für die Medikamente, dazu noch eine Magensonde. Von all diesen Maßnahmen profitiert die Patientin aber nicht. Sie wird ein paar Tage nach der OP ins Hospiz verlegt, und bevor es dazu kommt, dass man die Fäden zieht, ist die Patientin schon verstorben. Diese Medizin nutzt nur dem abrechnenden Arzt.

WDR.de: Es geht also um Übertherapie, die in vielen Fällen angewandt wird?

Thöns: Übertherapie ist ein ganz großes Problem am Lebensende und betrifft mittlerweile fast jeden zweiten Patienten - ein Massenphänomen.

WDR.de: Wie ist es denn aus Ihrer Sicht zu dieser Fehlentwicklung gekommen?

Thöns: Das hängt vor allem mit der Änderung der Krankenhausfinanzierung zusammen. Früher bekamen die Kliniken ihre Kosten nach Liegezeit erstattet, mittlerweile werden die Krankenhäuser jedoch nach großen Eingriffen und schweren Diagnosen bezahlt. Da sind Sterbenskranke sehr gern gesehene Gäste. Die Bundesärztekammer und der Deutsche Ethikrat haben sich dazu auch schon geäußert. Man drückt sich da etwas feiner aus und spricht davon, dass Indikationen großzügig gestellt werden. Aber das heißt nichts anderes als die Tatsache, dass man auch dann operiert, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.

WDR.de: Das ist natürlich eine sehr schwerwiegende Unterstellung. Sie sagen, viele Ärzte seien viel mehr am Profit als am Wohl des Patienten interessiert.

Thöns: Ich bin mir durchaus bewusst, dass mein Buch provokativ ist und für Unruhe sorgt. Aber man muss auch mal sehen, um wen es geht. Es geht um wehrlose, sterbenskranke Menschen, die überhaupt keine Lobby haben. Wir als Gesellschaft müssen darüber sprechen, finde ich.

WDR.de: Gibt es denn in der Branche  dennoch ein Bewusstsein für diese Entwicklungen?

Transplantation

Transplantationsskandal mit wenig Folgen für die Ärzte

Thöns: Es gibt ein ganz klares Bewusstsein dafür. Nehmen wir als Beispiel die Chefarzt-Bonusverträge. Die haben letztlich 2012 zu dem Transplantationsskandal in Deutschland geführt. Da wurde klar, dass bei Transplantationen aus finanziellen Motiven heraus geschummelt wurde. Dann wurde vom Gesetzgeber gesagt: Die Chefärzte sollen freiwillig auf die Bonusverträge verzichten. Letztes Jahr hat jedoch eine Unternehmensberatung festgestellt, dass in 97 Prozent der neuen Chefarztverträge immer noch diese Klauseln enthalten sind. Das heißt: Freiwilligkeit führt uns hier nicht weiter.

WDR.de: Was schlagen Sie vor?

Thöns: Wenn ein Chefarzt in einer öffentlichen Klinik angestellt ist, dann muss der Patient erkennen können, aus welchem Motiv der Arzt handelt. Wenn jemand für bestimmte lukrative Eingriffe einen Bonus erhält, ist das keine Privatsache. Wir haben als Bürger einfach ein Recht, darüber informiert zu sein, was für eine Motivation die leitenden Ärzte haben. VW-Vorstandsmitglieder müssen auch ihre Gehälter offenlegen, und da geht es nicht um Menschenleben. Darüber hinaus wäre mein Rat, dass man sich bei größeren Operationen und Behandlungen eine Zweitmeinung einholt, beim Hausarzt oder bei einem anderen Spezialisten, der nicht von dem Eingriff profitiert.

WDR.de: Der Hausarzt kann aber doch nicht immer sagen, ob ein Eingriff sinnvoll ist oder nicht.

Thöns: Meist schon. Wenn es aber um sehr komplizierte Fragestellungen geht, dann sollte man sich eine Zweitmeinung von einem Spezialisten holen. Aber bei vielen Fragestellungen ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner.  Man hat in Bayern Folgendes festgestellt: Wenn die Patienten erst zum Hausarzt gehen, dann umgeht man dadurch 4.000 Herzeingriffe. Dort gibt es nämlich die sogenannte hausarztzentrierte Versorgung. Und die Bayern sterben auch nicht häufiger als andere an Herzerkrankungen.

WDR.de: Die Ohnmacht der Patienten zeigt sich auch oft am Lebensende. Dabei geht es um die Patientenverfügungen. Sie sagen, dass Patientenverfügungen nicht unbedingt immer respektiert werden. Ist das tatsächlich Ihre Erfahrung?

Thöns: Es wird schon nach den Patientenverfügungen geguckt. Aber es gibt Kollegen, die diese weiträumig interpretieren. Und es gibt auch Angehörige, die aus vermeintlicher Liebe nicht loslassen können und den Willen des Patienten nicht respektieren.

WDR.de: Wie kann ich dagegen angehen?

Stempel mit Aufschrift 'Patientenverfügung'

Patientenverfügungen müssen konkret sein

Thöns: Eine Patientenverfügung muss sehr konkret formuliert sein. Und das fast noch viel Wichtigere ist, dass ich einen Vorsorgebevollmächtigten benenne, der die Patientenverfügung umsetzt. Dieser muss stark genug sein, um einem Chefarzt zu widersprechen, und er muss so unabhängig sein, den Willen des Patienten durchsetzen zu wollen und nicht den eigenen.

WDR.de: Ihre Veröffentlichung hat schon vorab für einigen Wirbel gesorgt. Was haben Sie selbst bereits an Reaktionen erfahren und was fürchten Sie an Konsequenzen für Ihre eigene Arbeit als Arzt?

Thöns: Ich habe hier in Witten, wo ich arbeite, schon viel Kritik von den Kliniken bekommen. Meine Ausführungen seien zu pauschal. Da möchte ich auch ganz klar sagen, dass es nach wie vor viele Ärzte gibt, auf die meine Kritik nicht zutrifft. Von Betroffenen, Hausärzten und ehemaligen Chefärzten bekomme ich zum Teil auch viel Zustimmung.

WDR.de: Können Sie beschreiben, wie die Zustände in der täglichen Arbeit erlebbar sind?

Thöns: Ich wurde am Sonntag zu einem Notfall in ein Pflegeheim gerufen. Da war eine 90-jährige Patientin, die am Tag zuvor aus einer Klinik entlassen wurde, ohne Schmerzmittel - leidend und sterbend. Zwei Tage vorher war sie einer großen Bein-Operation unterzogen worden. Es gab Komplikationen, aber als der Ehemann die empfohlene Magensonde ablehnte, wurde sie praktisch aus der Klinik geschmissen. Wir sind dann zu ihr hingefahren und haben ihre Schmerzen gelindert. Bereits Montag ist sie gestorben. Das sind entsetzliche Zustände. Besser wäre es gewesen, wenn diese 90-jährige Dame für ihre Beschwerden am Bein ein Schmerzmittel bekommen hätte – und sich nicht einer über fünfstündigen Operation hätte unterziehen müssen.

WDR.de: Muss es also auch um eine Stärkung der Palliativmedizin gehen?

Thöns: Ja, denn wenn die alte Dame an ein Palliativ-Team geraten wäre, hätte sie eine Schmerztherapie erhalten – und sie würde heute noch leben. Es gibt seit 2007 einen Rechtsanspruch darauf, dass ein Palliativarzt die Patienten zu Hause aufsucht. Jeder Kassenarzt kann das verordnen. Und wir wissen heute, wenn wir palliativmedizinische Strategien frühzeitig anwenden, dann haben die Menschen weniger Depressionen, eine höhere Lebensqualität und sie leben auch noch länger. Es gibt Studien, die das belegen. Aber leider werden wir im Schnitt erst 18 Tage vor dem Ableben eines Patienten aktiviert. Das ist eindeutig zu spät.

Das Gespräch führte Nina Giaramita

Der 49-jährige Matthias Thöns ist seit fast 20 Jahren niedergelassener Palliativmediziner in Witten. Bei der Debatte um die Sterbehilfe im Jahr 2014 war er Sachverständiger im Rechtsausschuss des Bundestags .

Stand: 01.09.2016, 10:43