Essen ist mehr als satt werden

Essen ist mehr als satt werden

Von Susanne Schnabel

In der einen Hand ein Stück Pizza, in der anderen die Fernbedienung und keiner wünscht "Guten Appetit" - Essen in Gesellschaft macht mehr Spaß und ist gesünder. Es muss nicht immer die Familie sein, die mit am Tisch sitzt.

Es zeichnet sich ein neuer Trend ab, der so alt ist wie die Menschheit selbst: gemeinsam statt einsam essen. Schon unsere Vorfahren in Fellwesten saßen zusammen um das Lagerfeuer und teilten sich Büffel und Beeren. Heute gibt es alles "to go" - ob Fast Food oder Edelsnack. Wir essen auf der Straße, im Auto, vor der Glotze - oft alleine. Dass der Wunsch nach Gesellschaft am Tisch wächst, zeigen die vielen Initiativen, die zurzeit in den unterschiedlichsten Bereichen entstehen: für verwitwete Menschen, Flüchtlinge, Hobbyköche, Singles oder für Kinder, deren Eltern keine Zeit haben.

Münsteraner erfinden "Unser Dinner"

Unter dem Motto "Zusammen isst man weniger allein" bietet beispielsweise die Internetplattform "Unser Dinner" seit 2012 die Möglichkeit, sich zum Kochen, Essen im Restaurant oder Grillen im Freien zu verabreden. "Wir möchten Menschen über das Essen zusammenbringen. Dabei richtet sich das Angebot nicht nur an Singles", sagt Geschäftsführer und Mitbegründer Rüdiger Ontrup aus Münster. Mehr als 3.000 registrierte Teilnehmer hat das kostenfreie Portal in ganz Deutschland. Davon seien etwa 60 Prozent Singles, so Ontrup. Über die Mitgliederprofile erfahren Teilnehmer, wer sich der Runde angeschlossen hat. "Diese Transparenz bietet Sicherheit. Ich will ja wissen, mit wem ich mich treffe."

"Gemeinsames Essen stabilisiert das eigene soziale Netzwerk"

Thomas Ellrott

Dr. Thomas Ellrott

Aus wissenschaftlicher Sicht sei es wünschenswert, dass die Menschen wieder gemeinsam Mahlzeiten zu sich nehmen, "denn gemeinsames Essen stabilisiert das eigene soziale Netzwerk und ist von großer Bedeutung für die gesellschaftliche Einbettung eines Menschen. Es stellt quasi sozialen Kitt dar", sagt Professor Dr. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Soziale Netzwerke könnten zwar oberflächlich Zusammengehörigkeit erzeugen, aber gemeinsames Essen schaffe ein tragfähigeres soziales Netz, so der Mediziner und ergänzt. "Erlebnis-Essen am Wochenende mit Freunden zu zelebrieren ist somit ein gemeinschafts- und sinnstiftendes Szenario."

Mit Kollegen essen = bessere Arbeitsleistung

Wenn Kollegen regelmäßiges gemeinsam zu Mittag essen, dann verbessert das ihre Zusammenarbeit und ihre Arbeitsleistung. Das zeigt eine Studie US-amerikanischer Forscher der Cornell University vom vergangenen Dezember. Auch deutsche Unternehmen setzen schon länger das gemeinsame Essen zur Teambildung und Wertschätzung ein. "Da geht es nicht mehr um nur um billige Kalorien, sondern um das sozial verbindende Element und die Gesundheit der Mitarbeiterschaft", sagt Thomas Ellrott.

Familienmahlzeiten werden seltener

Die Zahl gemeinsamer Familienmahlzeiten sei in den vergangenen Jahrzehnten deutlich eingebrochen, weiß Ellrott und nennt dafür die Gründe: "Zum einen die veränderte Rolle der Frauen von der Hausfrau hin zur Berufstätigen, zum anderen die zeitliche Trennung durch unterschiedliche Lern- und Arbeitszeiten, vor allem Schichtarbeit." Die zunehmende Zeit, die man verschiedenen Medien widmet, aber auch eine immer größere Vielfalt bei persönlichen Interessen spiele ebenfalls eine große Rolle, sagt Ellrott. Es sei zwar schwieriger geworden, die Familie gemeinsam an einen Tisch zu bekommen, die gemeinsame Mahlzeit erfülle jedoch als "soziales Lagerfeuer" ganz wesentliche gesellschaftliche Funktionen.

Wichtig für die Entwicklung der Kinder

"Die Eltern müssen mit am Tisch sitzen. Das zeigt den Kindern: Gemeinschaft ist wichtig. Die Kinder lernen überhaupt sehr viel beim Essen: Es geht um Kommunikation, Toleranz, um Bindungen, also lauter ganz wichtige Dinge", so Ellrott. Das gemeinsame Essen sei eine gute Gelegenheit zur Kommunikation. Dinge des Alltags können besprochen, Pläne geschmiedet, Probleme gelöst werden. Ellrott: "Und wenn es mal richtig Streit gibt, sollte man sagen: Das besprechen wir nachher. So verhindert man, dass das gemeinsame Essen negativ besetzt wird."

Jugendliche mit einbeziehen in Planung und Zubereitung

So manch pubertierender Jugendlicher isst lieber in Gesellschaft seines Handys und/oder des Fernsehers, statt mit den Eltern. Um ihnen wieder Lust auf gemeinsames Familienessen zu machen sei es sinnvoll, sie in Planung, Auswahl und Vorbereitungen mit einzubeziehen, rät Ellrott: "Auch ein Rollentausch ist sehr motivierend: Heute kocht Mama, morgen Papa und übermorgen die Jugendlichen selbst. Dieser Rollentausch mit den Eltern ist perfekt auf das Grundbedürfnis des Wunschs nach Erwachsensein zugeschnitten." Das Selber-Kochen-Können wird für die Jugendlichen so zu einem Teil der Definition von Erwachsensein.

Gemeinsame Mahlzeiten zur Vorbeugung von Übergewicht

Kinder am Mittagstisch reichen sich die Hände

Piep, piep, piep, guten Appetit!

Eine neue wissenschaftliche Studie zum Wert von Familienmahlzeiten hat noch einmal sehr deutlich gezeigt, dass es einen gegensätzlichen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit gemeinsamer Familienmahlzeiten und Übergewicht gibt. Ellrott: "Solche Mahlzeiten sind zumeist gesünder und ersetzen das ständige Zwischendurch-Essen, das oft zu einer höheren Gesamtkalorienaufnahme führt. Gemeinsame Mahlzeiten sind also auch ein wichtiger Baustein zur Vorbeugung von Übergewicht."

Stand: 06.07.2016, 06:00