Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern - was sich ändert

Kinderarzt prüft die Reflexe eines fünftjährigen Jungen

Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern - was sich ändert

Von Ildiko Holderer

  • Inhalte für Untersuchungen bis zum sechsten Lebensjahr geändert
  • Neues Untersuchungsheft
  • Vergütungsregelung noch in Arbeit

Vorsorgeuntersuchungen für Kinder gehören seit 1971 zu den Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenkassen. Immer mit dabei: das "Gelbe Heft", in dem Ärzte die Untersuchungen dokumentieren können. Ab dem 1. September 2016 treten zu den Vorsorgeuntersuchungen einige Änderungen in Kraft, die der Gemeinsame Bundesausschuss beschlossen hat. Der Bundesausschuss ist ein Gremium, das rechtsverbindlich über den Leistungsanspruch von etwa 70 Millionen gesetzlich krankenversicherten Menschen in Deutschland entscheidet.

Was ändert sich?

So hat der Gemeinsame Bundesausschuss die Leistungen für Untersuchungsinhalte der U1- bis U9-Untersuchungen angepasst. Unter anderem gibt es neue Standards für Seh- und Hörtests sowie ein verfeinertes Screening von Sprache und Motorik. Neugeborene sollen außerdem standardmäßig auf die Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose überprüft werden, wenn die Eltern ihr Einverständnis für die Untersuchung geben.

Bundessprecher Dr. Hermann Josef Kahl

Bundessprecher des BVKJ, Dr. Hermann Josef Kahl

Mit in das "Gelbe Heft" übernommen wurde auch die "vorausschauende Beratung", bei der der Arzt beispielsweise über typische Unfälle, richtige Ernährung und Hygiene informiert. "Grundsätzlich sind die neuen Richtlinien eine deutliche Verbesserung", sagt Hermann Josef Kahl, Bundessprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.

Kritikpunkt psychosoziale Entwicklung

Auch die psychosoziale Entwicklung der Kinder soll bei den Untersuchungen nun stärker im Fokus stehen, wie es in diversen Pressemitteilungen des Gemeinsamen Bundesausschusses und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung heißt.

Teil des "Gelben Hefts" ist nun eine zusätzliche Sozialanamnese und eine Interaktionsbeobachtung. Wenn dem Kinder- und Jugendarzt im Gespräch mit Kind und Eltern auffällt, dass die Kommunikation gestört sein könnte, kann er ein gesondertes Gespräch veranlassen. Dadurch sollen früh Verhaltensauffälligkeiten oder Risikofaktoren für psychische Erkrankungen festgestellt werden können.

Mit diesen Änderungen ist der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte allerdings nicht ganz zufrieden. "Unserer Ansicht nach wird die psychosoziale Entwicklung in den neuen Richtlinien noch nicht ausreichend berücksichtigt", sagt Hermann Josef Kahl. "Wir arbeiten seit Jahren mit standardisierten Fragebögen, die von Krankenkassen wie der Barmer GEK auch in einem eigenen 'grünen Heft' enthalten sind", sagt Kahl, der als Kinder- und Jugendmediziner in Düsseldorf niedergelassen ist. Er arbeitet seit über zehn Jahren an der Änderung der Richtlinien mit. "Wir hatten gefordert, dass diese bereits erprobten standardisierten Fragebögen auch Teil der neuen Richtlinien werden", so Kahl.

Neues Layout und Datenschutz

Gelbes Heft, Vorder- und Rückseite, Logo (Montage)

Das gelbe Untersuchungsheft erscheint ab dem 1. September in geändertem Layout und ist bei den Kassenärztlichen Vereinigungen und in Krankenhäusern erhältlich. Neu ist neben den inhaltlichen Änderungen auch eine herausnehmbare Teilnahmekarte, mit der Eltern gegenüber Kindertagesstätten oder Behörden nachweisen können, dass sie mit ihrem Kind an Untersuchungen teilgenommen haben.

"Es kommt häufiger vor, dass Eltern Bedenken haben, die persönlichen Daten ihres Kindes aus dem Heft an Dritte weiterzugeben", sagt Hermann Josef Kahl. Das sei zum Beispiel dann der Fall, wenn Verdachtsdiagnosen im Heft dokumentiert sind. "Die Teilnahmekarte ist meines Erachtens nach sehr sinnvoll", so Kahl.

Vergütung: "Ein zähes Ringen"

An der Umsetzung dieser neuen Richtlinie sind neben den Kassenärztlichen Vereinigungen auch die Krankenkassen beteiligt, die die neuen Leistungen finanzieren. Noch nicht ganz geklärt ist die Vergütung der Vertragsärzte. Vertragsärzte sind meist niedergelassene Ärzte, die eigene Praxen haben. Sie rechnen Leistungen mit den Krankenkassen über einheitliche Ziffern ab, in denen festgehalten ist, wie viel sie für eine bestimmte Untersuchung vergütet bekommen.

"Wir befinden uns aktuell noch in Verhandlungen mit den Krankenkassen über die Vergütung der neuen Leistungen", sagt Roland Stahl, Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Gesetzlich festgelegt ist, dass nach dem Inkrafttreten eines neuen Beschlusses wie dem zu Kindervorsorgeuntersuchungen innerhalb von sechs Monaten auch die Vergütung der Vertragsärzte geregelt sein muss.

Das hat allerdings zur Folge, dass neue Leistungen wie zum Beispiel die Seh- und Hörtests sowie die vorausschauende Beratung nur von Krankenhäusern und noch nicht von niedergelassenen Ärzten abgerechnet werden können. "Ein zähes Ringen" nennt Hermann Josef Kahl die Verhandlungen. Wie immer, wenn es auch um Geld geht, dauert es also noch ein wenig, bis alle Patienten die Leistungen überall in Anspruch nehmen können.

Stand: 31.08.2016, 10:48