Warum uns Urlaub und Freizeit oft stressen

Warum uns Urlaub und Freizeit oft stressen

Von Benjamin Esche

Einfach mal gar nichts tun und abzuschalten fällt vielen schwer - egal ob im Urlaub oder in der Freizeit. Man würde ja so viel verpassen! Warum nur machen wir uns in der Freizeit so viel Stress - und das ganz freiwillig?

Die Ferien beginnen und viele Menschen wollen sich in erster Linie vom Arbeitsstress erholen und auch mal abschalten. Doch meisten tun sich schwer mit ihrer freien Zeit, wie eine repräsentative Studie des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK aus dem Juni diesen Jahres zeigt: Knapp 20 Prozent der Befragten haben in ihrer Freizeit so viele Termine, dass sie sich gar nicht erholen könnten. Sie fühlen sich überfordert und erleben einen regelrechten Freizeitstress. "Das hängt damit zusammen, dass in unserer Leistungsgesellschaft erwartet wird, dass die Menschen immer etwas tun: Aktivsein wird positiv, Nichtstun negativ bewertet", erläutert Walter Tokarski vom Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln.

Aktivsein und Leistung auch in der Freizeit wichtig

Die Medien seien daran nicht unschuldig, weil sie die Menschen immer wieder ermuntern würden, aktiv zu sein und immer Neues auszuprobieren, so Tokarski. "Freizeit hat damit ähnliche Eigenschaften erlangt, wie sie in der Arbeit auch gelten: Aktivsein und Leistung sind hier die Schlüsselbegriffe", sagt der Freizeitforscher. So sieht es ebenfalls der Hamburger Psychologe Michael Stark, der sich speziell mit dem Thema Urlaubsstress befasst. Stark hat die Ursachen auch in Veränderungen des menschlichen Alltags ausgemacht. "Heutzutage ist alles immer schneller getaktet", so Stark. "Das hat auch mit der Amerikanisierung unserer Wirtschaft und unseres Arbeitsmarktes zu tun."

Viele Menschen haben verlernt, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten, glauben die Experten. Sie seien innerlich nicht mehr stabil, so Psychologe Stark: "Stabilität funktioniert so, dass wir in unserer Schwingungsfähigkeit zwischen Erholung und Anstrengung bleiben." Dabei spielen Herzschlag und Tag-und-Nacht-Rhythmus eine wichtige Rolle. Doch bei vielen ist dieses Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung nicht ausgeglichen. Sie befinden sich in einer chronischen Daueranspannung, was auf lange Sicht den Körper komplett erschöpft, sagt Stark.

Keine Ausbildung für Freizeit

Warum erliegen wir auch in der Freizeit einem solchen Leistungsdruck? "Für die Arbeit werden die Menschen in unserer Gesellschaft ausgebildet, sie lernen ihren Beruf", sagt Freizeitforscher Tokarski. Für die Freizeit gebe es keine Ausbildung. "Lernen für die Freizeit geschieht zufällig - es sei denn, man hat Eltern gehabt, die bestimmte Freizeitaktivitäten vorgelebt haben, sei es im Sport, in der Kunst, in der Musik oder wo auch immer." Die Furcht vor Langeweile ist außerdem weit verbreitet. Unzählige konkurrierende Angebote versprechen dabei die Lösung auf der Suche nach dem optimalen Kick. "Man kann sich aber nie sicher sein, dass ein anderes Angebot nicht noch einen besseren Kick vermitteln würde", so Tokarski. Das sorgt dann für Stress.

Guido Bleckmann beim Fallschirmspringen

Das Gegenteil von Langeweile

Hinzu kommt, dass beim allumfassenden Aktivsein und Leistung zeigen auch die Gefahr des Scheiterns gegeben ist, weil die Erwartungshaltung oft zu hoch sein kann. "Der gesellschaftliche Zwang immer etwas zu tun, immer aktiv zu sein, wird durch Gruppenzwang noch unterstützt", glaubt Freizeitforscher Tokarski. Die Freunde und Kollegen geben den Takt vor, dem sich viele nicht entziehen können. "Berichte über tolle Freizeiterlebnisse, Erfolge und Erfahrungen werden erwartet", so der Wissenschaftler. Besonders die sozialen Medien seien voll davon. "Und wer beim gegenseitigen Übertrumpfen nicht mitmacht, gehört zu den Verlierern."

"Langeweile ist oft wohltuend"

Wie kommen wir nun raus aus diesem Freizeitstress? "Die Menschen müssen erst mal das Grundproblem verstehen und dann die Disziplin haben, ihr Verhalten langfristig zu ändern", sagt Psychologe Stark. Dann würden sie sich auch durch äußere Einflüsse wie die Arbeit nicht mehr so stark unter Druck setzen lassen. Außerdem empfiehlt Stark, nicht immer nur auf den zweiwöchigen Sommerurlaub zu setzen. "Viele kleine Fluchten sind besser für die Erholung als der große Urlaub."

Für Freizeitforscher Tokarski ist es wichtig, den Urlaub und die freie Zeit nicht zu überfrachten. "Wir sollten uns in der Freizeit nicht zu viel vornehmen und eher einen Mix aus Spannung und Entspannung finden." Ausreichender und entspannter Schlaf ist außerdem wichtig. Sich ruhig einfach mal treiben lassen sei auch eine Möglichkeit, so Tokarski. "Ein kleiner Schuss von Langeweile ist dabei oft wohltuend."

Stand: 08.07.2016, 06:00