Flugangst: Wie die Panik im Flug verfliegt

Teilnehmer eines Flugangstseminars betätigt in einem Cockpitmodell den Schubhebel.

Flugangst: Wie die Panik im Flug verfliegt

Von Benjamin Esche

Ferienzeit ist Flugreisezeit. Doch viele Deutsche haben Angst, in den Flieger zu steigen. Spezielle Kurse sollen Betroffenen helfen. Wie kann das funktionieren? Zu Besuch in einem Flugangstseminar.

Am stillgelegten Flughafen Butzweilerhof in Köln hebt schon lange kein Flieger mehr ab. Dafür wird in einem unscheinbaren Wohn- und Geschäftshaus schräg gegenüber am Traum vom Fliegen gearbeitet. Dieser Traum ist für viele Menschen ein Albtraum. Ein Flugangstseminar soll Abhilfe schaffen, schweißnasse Hände und zittrige Knie sollen Vergangenheit werden. Vier Stunden nehmen sich Seminarleiter Ron Cherian und Pilot Wilfried Recht Zeit, um bei den Teilnehmern das Vertrauen ins Fliegen aufzubauen.

"Um 16 Uhr ist Boarding"

An diesem Nachmittag sind zwei Teilnehmer gekommen, aber das gehört zum Konzept des Seminars. Die Gruppe wird bewusst klein gehalten, um intensiv auf jeden Einzelnen einzugehen. "Um 16 Uhr ist Boarding", sagt Cherian zu Beginn des Seminars und verweist damit auf Teil zwei: dem Flug in einem Flugsimulator. Doch zuerst soll es um die konkreten Ängste der Teilnehmer gehen.

Pilot erklärt Teilnehmer eines Flugangstseminars die Theorie des Fliegens.

Pilot Wilfried Recht erklärt Marcus Möller, warum es im Flug zu Turbulenzen kommt

"Ich bin erst ganz spät in meinem Leben das erste Mal geflogen", erzählt Marcus Möller. 25 Jahre alt sei er da gewesen. Beim Urlaubsflug mit der Freundin habe er sich regelrecht an den Armlehnen festgekrallt, erinnert sich der heute 41-Jährige aus Bergheim. Beim Rückflug kam es sogar noch schlimmer: "Da gab es kurz vor dem Abheben einen Startabbruch und ich bin durch das Bremsen sogar mit dem Kopf gegen den Vordersitz geknallt." Das Vertrauen in die Fliegerei sei seitdem erschüttert. "Man ist dem Ganzen extrem ausgeliefert", glaubt Möller. "Im Cockpit passieren Entscheidungen, die ich als Passagier nicht verstehe." Das wolle er mit diesem Seminar ändern.

"Piloten erklären zu wenig"

Für Pilot Wilfried Recht ist das nichts Neues. "Viele Piloten erklären die Situation im Flug zu wenig, weil sie darin gar nicht geschult werden." Doch genau das könnte vielen Passagieren bei ihren Ängsten helfen. Auch die zweite Seminarteilnehmerin, die anonym bleiben möchte, hat schlechte Erfahrungen mit dem Fliegen gemacht. Zehn Jahre lang habe sie aus Angst kein Flugzeug betreten, erzählt sie. "Letztes Jahr bin ich dann mit meiner Familie nach Malta geflogen und habe trotz eines ruhigen Fluges einen Kreislaufkollaps erlitten." Im Oktober möchte die Frau ihren Mann besuchen, der eine Zeit lang in den USA arbeitet. Ein Langstreckenflug steht also an. "Da möchte ich mich nicht mit K.-o.-Tropfen betäuben müssen", sagt sie.

Flugangst ist weit verbreitet

Passagier macht im Flugzeugsimulator den Gurt zu.

Mit dem Schließen des Sicherheitsgurts steigt bei Vielen die Flugangst

Flugangst, die auch als Aviophobie bezeichnet wird, ist weit verbreitet. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2015 hat ergeben, dass 16 Prozent der Deutschen unter Flugangst leiden und weitere 22 Prozent sich unwohl fühlen, wenn sie ein Flugzeug besteigen. "Angst zu haben ist in dieser Situation eigentlich völlig normal", sagt Seminarleiter Cherian. Schließlich sei es für den Menschen eine unnatürliche Situation. Diese Reaktion sei trotzdem nicht nötig. "Es geht darum, den Stress herunterzufahren." Dafür wollen die Seminargeber besonders viele Fragen und Missverständnisse der Teilnehmer klären.

Flugkapitän Wilfried Recht versucht mit lockerer und humorvoller Art für eine entspannte Atmosphäre zu sorgen. Der Kölner erklärt den Teilnehmern am Flipchart genau, dass Wackler und Turbulenzen beim Fliegen keine Gründe zur Sorge sind. Auch das Aufblinken der Anschnallzeichen sei kein Warnsignal. "Die größte Gefahr ist dann, dass Sie sich den Kopf stoßen oder den Kaffee über die Hose kippen", sagt Recht und schmunzelt.

Simulierter Flug im Cockpit soll helfen

Nach so viel Flugtheorie dürfen die Teilnehmer nun auch endlich in den Flugsimulator. Es wird ein Flug von Köln nach München mit einer Boeing 737, einem herkömmlichen Urlaubsflieger, simuliert. Anders als im richtigen Flugzeug dürfen die Teilnehmer in einem originalgetreuen Cockpit, direkt hinter den Piloten sitzen. "Wie in einem richtigen Flugzeug sind auch in unserem Cockpit alle Instrumente doppelt vorhanden", erläutert Ron Cherian. Der Ausfall eines Instruments wäre also nicht gefährlich. Cherian gibt auf diesem Simulationsflug den Flugkapitän. Gemeinsam mit Co-Pilot Recht erklärt er den Teilnehmern detailliert die Abläufe vor dem Start und während des Fluges. Dabei arbeiten beide wie im realen Flugzeug die Checkliste der Boardinstrumente ab und sprechen regelmäßig mit den Fluglotsen.

Cockpit eines Flugzeugs im Flugzeugsimulator in einem Flugangstseminar.

Im nachgebauten Cockpit wird ein Flug simuliert

Als die Reiseflughöhe von rund 11.500 Metern erreicht ist, dürfen die Teilnehmer auch mal den Schubhebel in der Mitte des Cockpits bedienen. "Ziehen Sie den Hebel ganz leicht zu sich heran, Herr Möller", fordert Pilot Recht den Seminarteilnehmer auf. Die Turbinen werden schlagartig leiser. Das Flugzeug gleitet gedrosselt weiter. Das plötzliche Ausbleiben der Turbinengeräusche sorgt bei vielen Passagieren oft für Ängste. "Doch das ist nicht nötig", sagt Recht. Überhaupt würden die Flugkapitäne auch bei eingeschaltetem Autopiloten ständig die Instrumente kontrollieren und wachsam sein. "Die Zeit vergeht für uns dann, wie im Flug", sagt Recht und lacht. Kurz vor der Landung in München simulieren die Piloten noch ein Durchstart-Manöver, bei dem das Flugzeug aus dem Landeanflug wieder hochgezogen wird, weil die Landebahn durch ein Fahrzeug blockiert wird. Auch das komme vor und sei nicht gefährlich, versichert Recht. "Das verzögert nur den Feierabend für die Piloten um 15 Minuten."

Flugangstseminar oder Therapie?

Können solche Flugangstseminare den Betroffenen tatsächlich helfen? Immerhin kosten sie je nach Umfang und Anbieter zwischen 350 und 800 Euro. "Wenn es sich um eine mittlere Flugangst handelt, bei der man mit schwitzigen Händen und Angstgefühl im Flugzeug sitzt, ist es zu empfehlen", sagt Ingo Bögner, Psychotherapeut aus Erkelenz. Ist die Angst allerdings so stark, dass ein Flugzeug gar nicht mehr betreten wird, sollte eine psychologische Verhaltenstherapie in Betracht gezogen werden. Der Vorteil bei Flugangstseminaren sei allerdings, dass man Ängste mit den anderen Teilnehmern austauschen kann. "Am Ende sollte auch eine Konfrontation mit dem Fliegen stattfinden", so Bögner. "Die Erfahrung, einen Flug geschafft zu haben, bringt einen weiter", sagt der Psychologe.

Teilnehmer eines Flugangstseminars mit einem Flugzeugmodell

Marcus Möller steigt künftig mit einem besseren Gefühl in den Flieger

Die Teilnehmer des Kölner Flugangstseminars ziehen ein positives Fazit. "Ich habe viele technische Fragen erklärt bekommen", sagt Marcus Möller. "Das gibt mir ein besseres Gefühl, wenn ich das nächste Mal in ein Flugzeug steige." Auch die zweite Teilnehmerin ist froh, jetzt besser über die Abläufe im Flugzeug Bescheid zu wissen. "Die Flugangst ist zwar nicht weg, aber ich habe einen ersten Schritt gemacht", sagt sie. Und Pilot Wilfried Recht ist sowieso der Überzeugung, dass besonders die regelmäßige Erfahrung des Fliegens Ängste abbauen kann. Sein Rat an die Teilnehmer: "Das Beste ist, Sie steigen so schnell wie möglich wieder in ein Flugzeug und probieren das hier Gelernte aus."

Stand: 16.08.2016, 06:00