Wie schwierig ist es, Deutsch zu lernen?

Interview mit Sprachwissenschaftler

Wie schwierig ist es, Deutsch zu lernen?

Die wenigsten Flüchtlinge können Deutsch. Aber ohne Sprache keine Integration. Wir haben mit dem Experten für Deutsch als Zweitsprache Udo Ohm von der Uni Bielefeld über Unterschiede zwischen Sprachen gesprochen.

WDR.de: Deutsche Sprache, schwere Sprache – stimmt das?

Prof. Dr. Udo Ohm: Das würde ich nicht verallgemeinern. Wir sind ja gern stolz darauf, dass das eine schwere Sprache ist und denken dabei gerne auch an Goethe und Co. Ich finde, Chinesisch ist auch eine schwere Sprache. Es kommt darauf an, in welcher Situation man Deutsch lernt und welche Vorkenntnisse man hat. Deutsch ist eine flektierende Sprache. Andere Sprachen funktionieren in ihrer Grammatik völlig anders. Wer aus einem anderen Sprachraum kommt, für den kann Deutsch eine echte Herausforderung sein.

WDR.de: Ist Englisch zum Beispiel leichter zu lernen?

Ohm: Englisch gilt gemeinhin als leichte Sprache, sie flektiert nicht so stark wie Deutsch, dafür ist zum Beispiel die Wortstellung im Satz mehr eingeschränkt. Spätestens, wenn es um den sehr kompetenten Gebrauch der englischen Sprache geht, wenn man in den schriftssprachlichen Bereich kommt, wird man daher schnell merken, dass Englisch eine schwere Sprache sein kann.

WDR.de: Viele Flüchtlinge kommen aus dem afrikanischen und arabischen Sprachraum. Kann man schon absehen, wer schneller Deutsch lernt?

Dr. Udo Ohm

Dr. Udo Ohm

Ohm: Man darf die sprachliche Herkunft auch nicht überbewerten. In der Zweitspracherwerbsforschung hat man früher mal sehr stark auf einen Vergleich zwischen Erstsprachen beziehungsweise Muttersrpachen und der neu zu erlernenden Sprache gesetzt und hat sich davon versprochen, man könne Fehler vorhersagen. Aber das hat sich nicht bestätigt. Es ist natürlich hilfreich zu wissen, wie die Sprachen funktionieren, weil man gegebenenfalls darauf reagieren kann und seinen Unterricht dementsprechend strukturieren kann. Afrikanische Sprachen zum Beispiel sind sehr unterschiedlich. Es gibt welche, die flektieren und ähneln in dieser Hinsicht dem Deutschen und es gibt dort auch sogenannte Tonsprachen. Das kennt man aus dem Chinesischen. Die Differenzierung der Wortbedeutung erfolgt dabei auch über die Änderung der Tonhöhe von an sich gleichklingenden Lauten. Das kennen wir so gar nicht. Die arabische Sprache hingegen, die uns lautlich auch fremd erscheint, ist dem Deutschen insofern sehr ähnlich, weil sie auch flektiert.

WDR.de: Wenn die Flüchtlinge keinerlei Deutschkenntnisse haben, mit welchen Methoden bringt man ihnen unsere Sprache bei?

Ohm: Da würde ich natürlich nicht mit Grammatikunterricht anfangen, sondern mit fundamentalen Sprachhandlungen, zum Beispiel sich vorstellen, Wünsche und Bedürfnisse, aber auch Ablehnung formulieren und so weiter. Im Unterricht für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) gibt es mittlerweile einen Methodenpluralismus. Der Lehrende muss abschätzen, welche Fähigkeiten die Teilnehmer mitbringen und darauf reagieren. Entweder mit Strukturübungen oder eher kommunikativ. Letzteres dann möglichst handlungsnah an der Realität. Allerdings muss man darauf achten, dass hier das Schreiben nicht zu kurz kommt. Man kann auch eher induktiv vorgehen: Die Lernenden entdecken also Strukturen selber, statt sie nur abstrakt vermittelt zu bekommen. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept. Lernorientierung ist das zentrale Prinzip.

WDR.de: Nun kommen auch Menschen nach Deutschland, die nicht schreiben können. Wie kann man ihnen helfen?

Ohm: Das ist natürlich eine ganz kritische Geschichte. Es geht nicht einfach darum, Buchstaben schreiben zu lernen. Schreiben ist mehr, es ist fundamental anders als Sprechen. Unsere Gesellschaft ist schriftbasiert und man geht bei uns davon aus, dass man den Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache beherrscht. Nun gibt es aber Gesellschaften, die nicht schriftbasiert sind. Für diese Menschen ist es eine enorme kognitive Herausforderung, schreiben zu lernen. Sie müssen nicht nur die Buchstaben, sondern auch die fundamentale Bedeutung des Gebrauchs von Schrift für die Alltagspraxis lernen. Das erfordert sehr viel Zeit. Bedenken Sie einmal, wie lange Kinder brauchen, um Schreiben zu lernen und die sind ja ziemlich fix im Lernen. Wir reden also nicht nur von Wochen und Monaten, sondern von einer sehr langen Entwicklung, bis man solche Flüchtlinge in reguläre Deutschkurse integrieren kann.

WDR.de: Viele der Flüchtlinge haben zu Hause bereits eine zweite oder sogar dritte Sprache gelernt. Ist das von Vorteil, wenn man schnell Deutsch lernen möchte?

Ausländer in einem Deutschkurs

Viele Flüchtlinge können bereits mehrere Sprachen

Ohm: Wenn Sie von den hochqualifizierten Menschen sprechen, die alphabetisiert sind, mit Texten umgehen können und wissen, wie sie sich eine neue Sprache aneignen, dann kann das relativ schnell gehen. Da kann man im Unterricht ganz anders ansetzen. Aber beim Lernen spielen viele weitere Faktoren auch eine Rolle.

WDR.de: Welche zum Beispiel?

Ohm: Psychosoziale Komponenten: Wann können die Geflüchteten mit einer Entscheidung rechnen, ob sie hier bleiben können oder nicht? Wer monatelang in einer unsicheren Situation lebt, sehr unter Druck steht, für den kann es sehr schwer sein, sich auf das Deutschlernen zu konzentrieren. Andererseits sind die Geflüchteten zu Anfang in der Regel sehr motiviert, Deutsch zu lernen.

WDR.de: Angenommen, der Flüchtling hat Bleiberecht und soll in das Berufsleben integriert werden. Worauf ist dann in Bezug auf die Sprache zu achten?

Ohm: Die kommunikativen und schriftsprachlichen Anforderungen sind in unserem Land sehr hoch. Es gibt keinen Beruf mehr, in dem man ohne Schrift auskommt. Die Flüchtlinge müssen sich solide sprachlich weiterentwickeln, damit sie sich später im Beruf auch weiterqualifizieren können. Zum Beispiel müssen sie sich auf Situationen wie eine Dienstbesprechung vorbereiten, in der sie etwas berichten oder erklären sollen. Hier ist eher eine Orientierung an Schriftssprache als Umgangssprache gefragt.

WDR.de: Ist es nicht möglich, Deutsch während der Arbeit parallel im Betrieb zu lernen?

Ohm: Dann aber nur, wenn es strukturiert wird. Es geht nicht, die Leute einfach hinzuschicken und zu denken, Deutsch lerne man nebenbei. Dafür ist das viel zu komplex und man muss bedenken: Jemand der migriert, der kommt natürlich in eine völlig andere Situation mit anderen Verhaltensweisen, anderen Regeln. Wie wird mit mir umgegangen? Wie muss ich sprachlich reagieren? Es geht nicht darum, von einer Sprache in die andere zu übersetzen, einen Code zu lernen, sondern darum, mit der neuen Sprache in der neuen Umgebung kompetent handeln zu können.

Stand: 09.10.2015, 12:26