Darum verdrängen wir das Schlachten von Tieren

Darum verdrängen wir das Schlachten von Tieren

  • Wir wissen vom Schlachten, verdrängen es aber
  • Experten sehen viele Möglichkeiten der Distanzierung
  • Unterscheidung zwischen Nutz- und Haustieren widersprüchlich

In Deutschland werden laut Fleischatlas pro Jahr 755 Millionen Tiere geschlachtet. Der Fleischkonsum in der Bundesrepublik liegt nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei etwa 60 Kilogramm pro Kopf. Doch dass für Fleisch auch Tiere getötet werden müssen, wird oft verdrängt.

Tiere schlachten findet abseits statt

"Es gibt viele Mechanismen der Distanzierung", sagt Julia Gutjahr. Die Soziologin von der Uni Hamburg beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Mensch und Tier, auch hinsichtlich des Fleischessens. "Das Töten von Tieren ist für die Menschen kaum sichtbar", erklärt Gutjahr.

Kaum jemand besucht mal einen Schlachthof. Vor allem Stadtmenschen hätten ja kaum Kontakt zu Nutztieren wie Schweinen oder Hühnern, sagt Gutjahr. "Die Tiere werden nur als Objekte gesehen." Und der Mensch wird von klein auf daran gewöhnt.

Nichts darf ans Töten erinnern

"Wir tun so, als ob wir Tiere nicht töten müssten", sagt Ernährungspsychologe Christoph Klotter von der Hochschule Fulda. Nichts dürfe ans Töten erinnern. Dem Fleisch oder der Wurst sehe man ihre tierische Herkunft nicht direkt an. "Es wird so verpackt, dass nichts mehr ans Tier erinnert", so Klotter.

Dass wir Nutztiere essen und Haustiere wie Hunde und Katzen als treue Freunde ansehen, zeigt einen moralischen Widerspruch. Die amerikanische Psychologin Melanie Joy von der Universität Massachusetts in Boston nennt das "Karnismus".

Nutztiere versus Haustiere

Es gehöre nur das Tier auf den Teller, das wir abends nicht auf dem Sofa streicheln. "Wir trennen da ganz säuberlich", erklärt Psychologe Klotter: "Der Hund ist unser Freund, das Schwein kommt auf den Tisch." Dass ein Zusammenhang besteht, werde nicht wahrgenommen.

Diesen Widerspruch aufzulösen und das Herstellen von Fleisch wieder in den Fokus zu nehmen, könnte das Bewusstsein schärfen, dass ein Tier sterben muss, glauben die Experten. "So lässt sich die Alltagsroutine der Menschen durcheinanderbringen", erläutert Soziologin Gutjahr. Mit einem Sozialexperiment hat der WDR genau das versucht.

Stand: 09.12.2017, 12:00