Suche nach dem Kick für den Augenblick

Suche nach dem Kick für den Augenblick

Von Andreas Sträter

Bungee-Jumping, Rafting, Paragliding: Viele Menschen suchen im Urlaub nach Herausforderungen. Warum? Ist der Alltag so langweilig, dass nur ein Adrenalin-Kick das echte Lebensgefühl vermitteln kann? Ein Erklärungsversuch.

Im Sommerurlaub könnten wir es eigentlich ruhig angehen lassen. Der Alltag ist oft stressig genug. Doch ein gutes Buch, ein ruhiges Picknick am Strand oder der Besuch im Freibad reichen vielen Menschen nicht. Sie sind auf der Suche nach dem Abenteuer, sie stürzen sich am Bungee-Seil vom Kran, im Schlauchboot in die Fluten oder laufen Hauswände herunter. "Solche außerordentlichen Adrenalin-Aktivitäten sind eine Möglichkeit unserem Leben im Urlaub einen Kick-Start für den Alltag zu geben", erläutert Tim Woodman, Professor und Leiter der Sportschule der Bangor University in Wales, dem WDR. Der Sportwissenschaftler hat die Anreize von riskanten Extremsportarten untersucht.

Ein Leben "in vollen Zügen"

"Der Adrenalin-Sucher ist in der Regel leicht gelangweilt, er kann nicht einfach am Strand liegen – er muss etwas unternehmen", sagt Woodman. Menschen, die Bungee-Jumping, Wildwasser-Rafting, Paragliding oder die verrücktesten Looping-Achterbahnen mögen, wollen ihr Leben "in vollen Zügen" genießen, so Woodman.

Was bei freiwilligen Kicks in uns passiert

Bei freiwilligen Adrenalin-Kicks schüttet der Körper Katecholamine aus. Zu dieser Hormonstoff-Gruppe gehören zum Beispiel die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin sowie der Botenstoff Dopamin. Die körpereigenen Substanzen Adrenalin und Nordadrenalin können in Stresssituationen dazu führen, dass die Atemfrequenz zunimmt, der Puls schneller pocht und der Blutdruck steigt, weil der Körper dann alle Energien mobilisiert, erläutert Sportmediziner Leonard Fraunberger vom Institut für Sportwissenschaft und Sport der Universität Erlangen, dem WDR. "Adrenalin bringt uns in Alarmbereitschaft", sagt er. "Extremsportler brauchen dieses Gefühl. Je länger und je intensiver ich eine Extremsportart ausübe, desto stärker wird es", sagt Fraunberger.

Dopamin hingegen wirkt anders. Der salopp als "Glückshormon" bezeichnete Botenstoff löst vor allem Freude aus. Dopamin kann auf ganz unterschiedliche Weise aktiviert werden, sagt Fraunberger. Bei dem einen ist es ein Stück Schokolade, bei dem anderen sind es Extremsituationen oder Fun-Sportarten. "Ob und wie viel Adrenalin, Noradrenalin oder Dopamin ausgeschüttet werden, das ist individuell völlig unterschiedlich", erklärt der Sportmediziner aus Erlangen, der selbst als Triathlet aktiv ist.

Vom Moment, der über den Augenblick hinaus geht

Bergsteiger, Paraglider oder Bungee-Jumper haben während oder nach der Extremsituation einen so genannten Flow, einen Moment, der – gefühlt – über den eigentlichen Augenblick hinaus greift. Doch nicht jeder benötigt solche Kicks, um glücklich zu sein. "Manche Menschen haben ein natürlich hohes Maß an Dopamin, so dass sie dann keinen zusätzlichen Nervenkitzel mehr benötigen", erklärt Woodman. Bei Menschen mit einem chronisch niedrigen Dopamin-Spiegel ist die Chance höher, dass sie einen bewussten Adrenalinschub suchen, ergänzt der walisische Sportforscher.

Von Adrenalin-Junkies und Risiko-Planern

Woodman unterscheidet diese Menschen weiter in Adrenalin-Junkies und Risiko-Planer. Der Risiko-Planer überlässt nichts dem Zufall. Ein Bergsteiger etwa plant alle Eventualitäten ein; er weiß, an welchen Stellen es schwierig werden könnte. Der Adrenalin-Junkie hingegen legt es auf den reinen Nervenkitzel an und sucht gefährliche Sportaktivitäten, etwa Klippenspringen. "Er lernt nichts aus seiner Tätigkeit und schiebt die Grenzen der Gefahr so weit raus, dass es fatale Folgen haben könnte", erläutert Woodman.

Achterbahn – ein schneller und günstiger Kick

Als vergleichsweise günstiger Adrenalinkick gilt eine Fahrt mit der Achterbahn. Schon vor der Fahrt durch bevorstehende Loopings schüttet der Körper Adrenalin oder Noradrenalin aus. Das kennt jeder, der einmal mit einem bereits gelösten Ticket vor der Karussell-Fahrt länger in der Schlange warten musste. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr – die Beine zittern, das Herz pumpt, der Puls rast. Trotzdem weiß der Passagier, dass von dem TÜV geprüften Fahrgeschäft ja eigentlich keine Gefahr ausgeht: "Achterbahnfahren ist also fast schon ein passiver Ansatz, sich der Angst zu nähern", erklärt Professor Woodman. Wirkliche Risiken gehen wir – anders als bei Extremsportarten – beim Achterbahnfahren nicht ein.

Wir können uns nur selber stoppen

Die Gründe, warum wir uns solchen Extremsituationen aussetzen, sind sehr unterschiedlich. Im Urlaub wir letztlich auch viel mehr Möglichkeiten, uns einem kleinen oder größeren Kick auszusetzen als im Alltag. Im Urlaub könne uns kein Chef stoppen, sagt der walisische Sportforscher Woodman. Bei Extremsportarten können wir uns höchstens selbst begrenzen.

Stand: 28.07.2016, 06:00