25 Jahre Einheitsduden - auch die Wörter rückten wieder zusammen

Duden neben Brandenburger Tor

25 Jahre Einheitsduden - auch die Wörter rückten wieder zusammen

Der Broiler, das DDR-Grillhähnchen, stand schon vor dem Mauerfall im Westduden. Aber viele andere Wörter aus dem Osten kamen am 26.08.1991, also vor 25 Jahren, dazu. Wir sprachen mit der Dudenredaktionsleiterin über den Einheitsduden.

Dr. Kathrin Kunkel-Razum

Dr. Kathrin Kunkel-Razum

Vier Jahrzehnte lang hatte es zwei deutsche Duden gegeben: die in Mannheim produzierte Westvariante und den DDR-Duden aus dem Bibliographischen Institut in Leipzig. Am 26. August 1991 erschien der erste gesamtdeutsche Duden. Dr. Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Dudenredaktion in Mannheim/Main, über Sprachentwicklung in Ost und West, den Einheitsduden und unerwünschte "Eintagsfliegen".

WDR: 1970 sagte Walter Ulbricht, zwischen der ost- und der westdeutschen Sprache bestehe eine große Differenz, selbst gleiche Wörter hätten nicht mehr die gleiche Bedeutung. Gab es diese Sprachspaltung aus Ihrer Sicht wirklich?

Kathrin Kunkel-Razum: Ich würde nicht von einer Sprachspaltung sprechen. Das finde ich zu drastisch. Natürlich hat es unterschiedliche Entwicklungstendenzen gegeben. Das ist klar.

WDR: Welche?

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Kunkel-Razum: Betrachtet man die Gebiete Rechtschreibung und Grammatik, dann ist zum Beispiel das Auseinanderdriften gar nicht groß gewesen. Ältere Kollegen haben in der Redaktion früher oft erzählt, dass die Mannheimer und die Leipziger Dudenredaktionen immer sehr genau verfolgt hätten, wie sich das Regelwerk zur Orthografie im jeweils anderen Duden entwickelt. Die Redakteure in Ost und West haben ohne große Absprachen versucht, Rechtschreibung und Grammatik nicht so weit auseinanderdriften zu lassen.

WDR: Und wie verhält es sich mit dem Wortschatz in Ost und West?

Kunkel-Razum: Was den Wortschatz angeht, ist die Entwicklung etwas anders. Natürlich konnten formal gleiche Wörter in der Bundesrepublik anders verstanden werden als in der DDR. Oder die Begriffe waren mit unterschiedlichen Bedeutungsinhalten gefüllt. Zum Beispiel das Wort "Aktivist": In der DDR war das eine Person, die für vorbildliche Leistung ausgezeichnet wurde. In der Bundesrepublik hat "Aktivist" eine etwas allgemeinere Bedeutung es wird benutzt für jemanden, der sich in einer bestimmten Bewegung für etwas engagiert, oder für jemanden, der sehr zielbewusst handelt. Es gibt noch das Phänomen, dass es für ein und dasselbe unterschiedliche Benennungen gab, zum Beispiel Astronaut und Kosmonaut für Weltraumfahrer.

WDR: Haben Mitarbeiter des west- und des ostdeutschen Dudenverlags zusammengearbeitet an der ersten gemeinsamen Ausgabe?

Kunkel-Razum: An dem Einheitsduden ist tatsächlich zusammen gearbeitet worden. Die Redakteure der Dudenredaktion in Mannheim haben mit den Kollegen des Bibliographischen Instituts Leipzig kooperiert. Die Basis für den Einheitsduden war allerdings die westdeutsche Ausgabe von 1986 - also die 19. Auflage.

WDR: Die letzte gemeinsame Dudenausgabe war 1947 erschienen, 1991 die erste nach der Wende. War dieser Einheitsduden wesentlich umfangreicher, als der westdeutsche davor?

Neuer Duden der neuen Rechtschreibreform

Der aktuelle Duden hat 140.000 Stichwörter

Kunkel-Razum: Die letzte BRD-Auflage von 1986 hatte 794 Seiten und 110.000 Stichwörter. Der Einheitsduden, die 20. Auflage - das war praktisch auch ein Jubiläum -, hatte 843 Seiten und 115.00 Wörter, also 5.000 Wörter mehr. Das ist auf der einen Seite dem Phänomen Einheitsduden geschuldet. Auf der anderen Seite ist es gar nichts Außergewöhnliches, denn in den letzten Auflagen war es immer so, dass die Stichwortanzahl zwischen 3.000 und 5.000 Wörter höher geworden ist. Wir sind inzwischen bei 140.000 Stichwörtern.

WDR: Die Leipziger Dudenredaktion nahm Begriffe aus dem politischen System in den Duden mit auf wie "Volkskammer", "Ministerrat", "Staatsrat", "Staatliche Plankommission" oder die aus der sozialistischen Arbeitswelt wie "Dienstleistungskombinat", "Brigade", "Zielprämie" oder "Plansilvester" (die vorzeitige Erfüllung des Jahresplans durch einen Betrieb). Haben es solche Begriffe in den Gesamtduden geschafft?

Kunkel-Razum: Unterschiedlich. "Plansilvester" hat es zum Beispiel nicht geschafft, aber viele andere Wörter schon, und ein Teil davon lebt heute noch in den Dudenwörterbüchern fort. Ich sage das so allgemein, weil nicht jedes Wort in allen Wörterbüchern verzeichnet ist. Im Rechtschreibduden zum Beispiel findet sich immer noch "Volkskammer“ oder "Ministerrat". Begriffe wie "Dienstleistungskombinat", "Zielprämie" oder "Brigade" stehen im Bedeutungswörterbuch.

WDR: Wer interessiert sich heute noch für Wörter wie "Dienstleistungskombinat", also staatliche Dienstleistungsbetriebe der DDR? Die Betriebe gibt es nicht mehr.

Kunkel-Razum: Wenn man zum Beispiel DDR-Literatur liest. Wer jetzt nach dem Tod von DDR-Schriftsteller Hermann Kant noch mal "Die Aula" oder "Das Impressum" liest, stößt unter Garantie auf diesen Wortschatz. Und von da her heben wir ihn in Wörterbüchern auf, um ihn weiterhin zugänglich zu machen.

WDR: Wie kommt es, dass sich meistens westdeutsche Begriffe durchgesetzt haben, so zum Beispiel "Altenheim" statt "Feierabendheim" oder "Behörde" statt "Organ"?

Das Wort "Broiler" aus dem Duden

Der Broiler - das berühmte DDR-Grillhähnchen

Kunkel-Razum: "Feierabendheim" habe ich tatsächlich lange nicht mehr gehört. Aber "Kaufhalle" ist nach wie vor gebräuchlich als Benennung für den Supermarkt. Es gibt nach wie vor regionale Unterschiede - wie bei ganz vielen anderen Wörtern auch. So gibt es zum Beispiel beim Begriff Brötchen ost-, süd-, west- und norddeutsche Varianten. Wenn es um den administrativ und politisch bedingten Wortschatz geht, war es natürlich erst mal eine Frage der Quantität. Zu rund 60 Millionen Bundesbürgern sind etwa 16 Millionen DDR-Bürger gekommen. Da ist ganz klar, wie die Quantität des Sprachgebrauchs verteilt war. Vieles wurde aus dem Westen übernommen - es gab jetzt Landtage, dafür keinen Rat des Bezirks mehr. Das alles sind Gründe dafür, dass sich sehr stark westdeutscher Wortschatz durchgesetzt hat.

WDR: Generell, wie entscheidet Ihre Redaktion, welche neuen Wörter es in den Duden schaffen?

Kunkel-Razum: Die Arbeitsgrundlage ist das Dudenkorpus. Das ist im Prinzip nichts weiter als eine elektronische Textsammlung. Es umfasst inzwischen mehr als vier Milliarden Einträge und es wächst täglich weiter durch regionale und überregionale Zeitungstexte, Reparatur- und Bastelanleitungen, Romane oder Zeitschriftenartikel. Das Dudenkorpus ist sehr komplex zusammengesetzt und zeigt uns, wann und wie oft Wörter wie "Kaufhalle" noch benutzt werden, oder welche neuen Wörter dazukommen. Es gibt auch Eintagsfliegen oder individuelle Wortschöpfungen. Darauf verzichten wir. Wir möchten Wörter aufnehmen, die sich über einen längeren Zeitraum durchsetzen.

Das Interview führte Susanne Schnabel.

Seit Januar 2016 ist Dr. Kathrin Kunkel-Razum Redaktionsleiterin der Dudenredaktion. Sie übernahm die Aufgaben von Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, der nach mehr als 35-jähriger Tätigkeit für den Dudenverlag in den Ruhestand gegangen ist. Kunkel-Razum war bislang seine Stellvertreterin. Sie studierte Germanistik und Geschichte in Leipzig, promovierte bei Wolfgang Fleischer auf dem Gebiet der Phraseologie und war stellvertretende Chefredakteurin bei der "Zeitschrift für Germanistik". Seit 1997 arbeitet sie in der Dudenredaktion.

Stand: 26.08.2016, 06:00