Designerdroge Carfentanyl: Neue Bedrohung in NRW

Utensilien zum Heroin-Konsum.

Designerdroge Carfentanyl: Neue Bedrohung in NRW

Bei einer Drogenrazzia in Hamm ist die neue Designerdroge Carfentanyl aufgetaucht. Warum ist das Opioid so gefährlich und der Kampf gegen Drogen so schwer? Ein Interview.

WDR: Was hat es sich mit der bislang unbekannten Droge Carfentanyl auf sich?

Andreas Rhode: Carfentanyl ist eine relativ neue Droge. Als Suchtmediziner kennt man natürlich die klassischen Substanzen. Aber unsere Patienten und insbesondere die Dealer und Hersteller sind sehr erfindungsreich. Man muss ziemlich up to date bleiben, weil immer wieder Neues auf den Markt kommt.

Das klingt wie das altbekannte Hase-Igel-Spiel.

Rhode: Manchmal bekommt man genau diesen Eindruck. In stationären Suchteinrichtungen werden natürlich Drogentests durchgeführt. Aber es gibt mittlerweile so viele unterschiedliche Substanzen, dass wir gar nicht auf alles testen können. Das hat dann schon etwas von einem Hase-Igel-Spiel. Aber als Therapeut geht es mir ja nicht darum, wie ein Polizist dem Patienten hinterher zu laufen. Ich will ihm helfen, aus dem Konsum herauszukommen.

Suchtmediziner Andreas Rhode

Andreas Rhode ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Als Chefarzt der Fachklinik Release in Ascheberg betreut er Suchtkranke.

Wie gefährlich ist Carfentanyl?

Rhode: Wenn alles stimmt, was man darüber liest, ist es sehr gefährlich. Es hat eine 10.000-fach höhere Wirkung als Morphine. Für eine berauschende Wirkung sind deshalb nur ein paar Nanogramm nötig. Und bei zwei Milligramm sind wir bereits bei einer tödlichen Dosis. Diese winzigen Mengen genau zu dosieren, ist hochgefährlich. Ob es mal zu einer flächendeckenden Verbreitung kommt, weiß natürlich niemand. Aber im letzten Jahr gab es schon 22 Tote in Deutschland.

Was bedeutet es, dass nun auch Hersteller hier in NRW entdeckt wurden?

Rhode: Wer im Internet Carfentanyl sucht, stößt in der Regel auf Substanzen aus China, die auf irgendwelchen Wegen hierher gelangen. Dass Carfentanyl jetzt auch hier hergestellt wird, ist eine neue Dimension. Es wird hier vor unserer Haustüre in der Nachbarschaft hergestellt. Das zeigt, dass es einen Markt gibt.

Welche Entwicklungen stellen Sie noch fest?

Rhode: Die Drogenkonsumenten sind eine heterogene Gruppe. Es gibt den klassischen Opiatabhängigen, den Kokainabhängigen oder die Konsumenten von Partydrogen. Die Sucht ist vielschichtiger als früher.

Was ließe sich denn gegen die Sucht tun?

Rhode: Oberste Priorität muss die Prävention haben. Dafür wird noch immer zu wenig getan. So gehört das Thema noch viel mehr in die Schulen. Die meisten meiner Patienten haben mit 13 oder 14 Jahren mit Drogen angefangen. Neben der Sexualaufklärung muss in diesem Alter also auch zwingend eine Aufklärung über die Gefahren durch bewusstseinserweiternde Stoffe stattfinden.

Immer wieder wird ja auch über eine Legalisierung von Cannabis diskutiert. Was halten Sie davon?

Rhode: Das ist eine schwierige Frage, die man nicht mit ja oder nein beantworten kann. Für mich steht das Ziel im Fokus, dass Jugendliche gar nicht erst mit Cannabis anfangen. Denn in dem Alter hat der Konsum enorme Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung. Auf der einen Seite finde ich es verdammt schwer, etwas wie Cannabis freizugeben. Denn bei Alkohol oder Zigaretten sehen wir ja, dass auch Jugendliche problemlos da rankommen. Das jetzige Cannabisverbot zeigt auf der anderen Seite aber auch, dass es Jugendliche nicht vom Konsum abhält. Die ganze Diskussion sollte möglichst wertfrei und ohne politische Couleur geführt werden.

Aus den USA hört man, dass es dort massive Probleme mit Drogen gibt und Präsident Donald Trump sogar den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hat. Droht uns so etwas auch hierzulande?

Rhode: Eine solche Epidemie kann immer entstehen. Aber wir sollten die USA besonders betrachten. Ärzte gehen dort viel freizügiger mit Opiaten um als hierzulande. Antidepressiva werden häufiger verschrieben und sind zum Teil frei verkäuflich. Dieser sorglose Umgang mit Medikamenten sorgt für Abhängigkeiten. Bei uns herrscht zum Glück mehr Sensibilität.

Das Gespräch führte Christian Wolf.

Stand: 19.11.2017, 06:00