Promovieren im Swingerclub

Soziologie-Doktorandin Miriam Venn

Junge Forscher in NRW

Promovieren im Swingerclub

Von Maria Braun

Das Thema Swingerclubs ist zweifellos ungewöhnlich für eine Doktorarbeit. Die Soziologin Miriam Venn findet es spannend, zumal bislang kaum dazu geforscht wurde. Ihre ersten Ergebnisse zeigen: die Swingerclub-Szene ist im Wandel.

Attraktive Pärchen um die dreißig, erfolgreich im Beruf und offen für alles, das sind typische Swinger von heute. So beschreibt es Soziologin Miriam Venn, die zum Thema Swingen ihre Doktorarbeit an der Bergischen Universität Wuppertal schreibt. "Swingerdasein entspricht nicht mehr dem Klischee vom dunklen Kellerclub, wo Leute über 40 in Lack und Leder herumspringen und es nur um Sex mit einer anderen Person geht", sagt Venn. Es sei vielmehr auch ein Trend unter jungen Menschen und jungen Paaren unter 40.

Die Swinger der neuen Generation sind vor allem an sogenannten frivolen Partys interessiert. Sie suchen nach einer tollen Location, wie etwa einer Burg oder einer Villa. Auch an das Buffet und den DJ haben sie hohe Ansprüche. "Wenn dann alles stimmt, kann es als i-Tüpfelchen gerne auch zu Sex kommen. Anders als früher ist der Sex aber eher eine Möglichkeit unter vielen", sagt Venn. Die Arten zu Swingen seien vielfältiger geworden.

Swingerclub in Sprockhövel

"Spielwiese" in einem Swingerclub in Sprockhövel

Neben der neuen Generation existiert aber auch die alte Garde. In Interviews mit Paaren, die schon seit langem swingen, stellte sich heraus, dass diese vom neuen Trend genervt sind. So brachte es ein Mann auf den Punkt: "Wenn ich gutes Essen will, dann gehe ich ins Restaurant. Wenn ich gute Musik will, gehe ich ins Konzert. Und wenn ich Sex will, dann gehe ich in den Swingerclub." Mit frivolen Partys, wo es vor allem ums Sehen und Gesehenwerden geht, wollen diese Paare nichts zu tun haben.

Semi-professionelle Treffen im Trend

Neben den pompösen Partys in der Villa oder dem klassischen Swingerclub gibt es auch immer mehr semi-professionelle Veranstaltungen. So sprach Venn mit Menschen, die am liebsten in den eigenen vier Wänden swingen. Ein junges Paar Ende zwanzig erzählte ihr, dass sie über erotische Partys den Einstieg in die Szene fanden, aber mittlerweile lieber Gleichgesinnte zu Hause treffen. "Solche Paare lernen auf erotischen Partys oder in speziellen Internetforen andere Paare kennen und verabreden sich mit ihnen zu Hause", erzählt Venn. So ein Abend kann dann mit gemeinsamem Kochen oder einem Gesellschaftsspiel beginnen und endet auch nicht zwingend mit Sex.

Zum Thema Swingen kam die 31-Jährige aus Sprockhövel eher zufällig. Mit 18 Jahren – zu Beginn ihres Studiums - suchte sie einen Nebenjob und las die Stellenausschreibung eines Clubs, der eine Thekenkraft suchte. "Natürlich war mir sofort klar, dass es ein Swingerclub ist, aber das störte mich nicht. Ich hatte mir einen Swingerclub aber viel krasser vorgestellt. Nach dem Motto: Jeder macht's mit jedem. Aber so ist es nicht."

Für die Forschung unters Volk gemischt

Fünf Jahre arbeitete sie dort und schon damals interessiert sie die Szene – vor allem aus soziologischer Sicht. Natürlich wurde sie während ihrer Arbeitszeit auch ab und zu gefragt, ob sie mitmachen wolle, aber da musste sie den Swingern stets einen Korb geben. "Für Partnertausch bin ich viel zu eifersüchtig."

Das Thema ließ sie trotzdem nicht los. Und als sie einer Professorin vorschlug, sie wolle sich der Swingerszene wissenschaftlich nähern, war diese sofort begeistert. Auch deshalb, weil es zu dem Thema bisher so gut wie keine Forschungsarbeit gibt. "Es ist eine ethnografische Studie, das heißt, ich untersuche eine kleine Welt innerhalb der eigenen Kultur." In der Realität sah das so aus: Sie mischte sich unters Volk. Sie tanzte bei erotischen Partys, sie saß an der Bar, sie befragte und beobachtete Swinger. "Ich habe alles mitgemacht, um eine Innenansicht der Szene beschreiben zu können. Nur auf den Matratzen war ich nicht", sagt sie und lacht.

Eintrittspreise  im Swingerclub

Eintritt im Swingerclub inklusive Drinks, Buffet und was sonst noch Spaß macht

Bei ihren zahlreichen Partybesuchen hat sie beobachtet, dass so ein Abend meistens nach einem ähnlichen Muster verläuft. "Wenn um 20 Uhr die Party anfängt, dann kommen auch fast alle Gäste um acht. Dann ziehen sich viele noch um. Tragen erotische Dessous oder manchmal auch sexy Kostüme." Von Anfang an seien alle per "Du". Die meisten kommen als Pärchen und wenn Männer und Frauen alleine kommen, dann achten die Veranstalter auf ein ausgewogenes Verhältnis.

Sprechen nach dem Sex sehr wichtig

Im ersten und wichtigsten Teil ihrer Doktorarbeit hat Venn herausgefunden, dass die Gespräche über Sex ein wichtiger Bestandteil des Swingens sind. Das hat sie bei fast allen Paaren erlebt, die sie interviewt hat. Bisher traf sie sich mit 46 Paaren – es sollen noch mehr werden. Die Pärchen sprachen über ihre Vorlieben, über die Art des Swingens und wie es ihre Beziehung beeinflusse. Dadurch, dass die Paare nach dem Sex über das Erlebte und ihre Gefühle sprechen, gebe es eine große Vertrautheit zwischen den beiden. "In den Gesprächen wird auch klipp und klar gesagt, wem was gefällt und was zu viel ist. So entwickelt jedes Paar sein eigenes Regelwerk", sagt Venn. Manche Paare vereinbaren, dass keine anderen geküsst werden dürfen, bei anderen gilt die Regel, alles ist erlaubt, solange man es im gleichen Raum tut.

Im zweiten Teil ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich Venn mit der Szeneforschung. Sie will herausfinden, was die Leute zusammenhält, wer die Macher sind und was den Kern der Szene ausmacht. Dazu besucht sie deutschlandweit Swingerclubs, frivole Partys, spricht mit Veranstaltern sowie Teilnehmern und untersucht Internetforen, wo sich Gleichgesinnte austauschen und kennenlernen.

Im letzten Teil ihrer Forschung will Venn die Swingerszene in einen gesellschaftlichen Kontext einsortieren. Geht es beim Swingen darum, die wahre Liebe zu leben, ohne auf mehrere Sexualpartner zu verzichten? Oder ist das Swingen für die Menschen eine Möglichkeit, dem Alltagsstress zu entfliehen? Könnte zunehmender Druck im Job und Freizeitstress ein Grund dafür sein, dass die Menschen nach kleinen Ausfluchten suchen? Ist Swingen demnach ein Phänomen unserer Zeit?

Swingen statt Fremdgehen

"Für viele ist das Swingen eine gute Lösung. Sie leben in einer exklusiven Partnerschaft, aber müssen nicht auf sexuelle Abenteuer verzichten." Manche Interviewpartner sagten ihr, dass sie nun nicht mehr fremdgehen würden. Die Lust nach Sex mit einem Fremden würde durch das Swingen befriedigt. Angenehm sei für die Paare auch, dass in der Swingerszene die Regeln so klar definiert seien.

Räumlichkeiten im Swingerclub

Alles kann, nichts muss: Aber bitte keine Stöckelschuhe auf der "Spielwiese"

"Auf den Spielwiesen herrschen strenge Regeln. Die wichtigste: Ein Nein ist ein Nein. Wer sich nicht daran hält, fliegt raus", sagt Venn. Manchmal gebe es einen großen Raum, wo für alle Swinger Platz sei, aber häufiger bieten die Gastgeber mehrere Zimmer an, wo man sich in kleineren Gruppen vergnügen könne. Auf den Spielwiesen muss auch ein nonverbales Nein beachtet werden. Wer zum Beispiel in einen Raum kommt und dort ein Paar beobachtet und mitmachen möchte, muss indirekt fragen. Er kann dann seine Hand etwa auf das Bein der Frau legen und somit sein Interesse bekunden. "Schiebt die Frau aber die Hand weg, ist dies ein klares Nein. Wer das nicht akzeptiert, muss gehen", sagt Venn.

Insofern ist das bekannte Swingerclub-Sprichwort "Alles kann, nichts muss" nicht ganz korrekt. Es sollte wohl eher heißen: Alles ist erlaubt, solange niemand nein sagt.

Stand: 31.03.2015, 15:00