Zum Stand der Welt: Ernst Ulrich von Weizsäcker im Interview

Archivbild:  Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker

Zum Stand der Welt: Ernst Ulrich von Weizsäcker im Interview

  • Interview mit Ernst Ulrich von Weizsäcker, Teil I
  • Gesellschaft muss neu gedacht werden
  • Kapitalismus dominiert den Staat

Der Club of Rome wurde am 7. April 1968 von Unternehmern, Wissenschaftlern und Diplomaten ins Leben gerufen. Er hat maßgeblich zur Entstehung der Umweltbewegung beigetragen - vor allem mit seinem ersten Bericht "Die Grenzen des Wachstums". Darin wurde im Jahr 1972 klar gemacht, dass die Welt auf einen Kollaps zuläuft, wenn sie weiter ungebremst auf materielles Wachstum und ungehemmten Konsum setzt.

WDR: Der Kollaps ist zum Glück ausgeblieben. Ist das Thema denn dasselbe oder was hat sich genau verschoben?

Weizsäcker: Es sind sehr viele neue Themen dazugekommen. Zum Beispiel das Thema Klima – das war 1972 eigentlich noch überhaupt nicht in der öffentlichen Diskussion. Auch die Globalisierung, die Digitalisierung und die "Krise der Demokratie" waren damals noch keine Themen. (...)

WDR: "Die Zeit ist reif für eine neue Aufklärung oder für andere Wege, die heutige Denkgewohnheiten und Handlungen ablösen", so heißt es im Vorwort des neuen Berichts. Wie kann das aussehen? Sie haben gerade gesagt, es kommen mehr Aufgaben dazu, aber ist es eine andere Qualität?

Weizsäcker: Der Weltbankökonom Herman Daly sagt, wir müssen die leere Welt von der vollen Welt unterscheiden. Bis vor 50 oder 60 Jahren hatten wir eine leere Welt: Ein bisschen mehr als zwei Milliarden Menschen – heute haben wir 7,5 Milliarden. Damals hatten wir noch im Wesentlichen intakte Wälder und Meere – heute ist ein ganz großer Teil zerstört. Wir müssen neu denken. (...)

Symbolbild, Montage: Kreis mit Pfeilen vor  Idyllischer Huegellandschaft im Bergischen Land

WDR: Sind wir jetzt einfach viel zu viele Menschen oder gibt es zu wenig Regulierung?

Weizsäcker: Wenn wir heute siebeneinhalb Milliarden Menschen haben und merken: Um die alle zu füttern, müssen noch viel mehr von den Restbeständen von Wäldern und Ozeanen zerstört werden - dann ist das eine ökologische Katastrophe für die Enkelgeneration.

WDR: Nun scheint es ja so, dass dem Menschen sein Gewinn wichtiger ist als das Wohlergehen des Planeten. Ist es notwendig von oben mehr Dinge zu Diktieren?

Weizsäcker: Als ich im Bundestag Vorsitzender der Enquête-Kommission Globalisierung war, haben wir herausgefunden, dass das Wort Globalisierung und die damit zusammenhängenden Phänomene nach 1990 eingetreten sind. Das heißt, vor 1990 war der Kapitalismus und das Kapital noch sehr freundlich und kooperativ mit dem Staat, weil sie ihn brauchten als Bollwerk gegen den "bösen Kommunismus".

Nachdem der Kommunismus weg war, sind sie frech geworden und haben gesagt: "Jetzt brauchen wir eigentlich gar keinen Staat mehr." Es wurde dereguliert ohne Ende und so getan, als sei es legitim, wenn das Kapital dem Staat vorgibt, welche Gesetze er machen muss, damit die Kapitalrendite steigt.

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie, was Weizsäcker zur Energiewende in Deutschland sagt.

Die Fragen stellte Marija Bakker.

Stand: 06.04.2018, 15:00