Brustkrebs: Nach der Operation eine Chemotherapie - oder nicht?

Illustration, Frau mit Brustkrebs.

Brustkrebs: Nach der Operation eine Chemotherapie - oder nicht?

Von Christina Sartori

Bei der Entscheidung, ob nach einer Brustkrebs-Operation eine Chemotherapie notwendig ist, könnten Biomarker-Tests helfen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit hat jetzt deren Nutzen analysiert und das Ergebnis am Montag (05.12.2016) veröffentlicht.

Für manche Frauen mit Brustkrebs stellt sich nach der Operation die Frage: Jetzt noch eine Chemotherapie - oder lieber nicht? In vielen Fällen kann der Arzt abhängig von klinischen Faktoren wie zum Beispiel Alter der Frau, Größe und Form des Tumors und Zustand der Lymphknoten eine klare Empfehlung geben: Ergeben diese klinischen Faktoren ein gewisses Risiko dafür, dass der Krebs in einigen Jahren zurückkehren könnte, dann wird er seiner Patientin zu einer Chemotherapie raten - ansonsten nicht.

In manchen Fällen ergeben die klinischen Faktoren aber kein eindeutiges Bild. Dann gilt es abzuwägen zwischen den Nebenwirkungen einer Chemotherapie und der Gefahr, dass in der nahen Zukunft wieder Tumore auftreten, sogenannte Rezidive. In dieser Situation könnten Biomarker-Tests helfen, die Gene oder Proteine der Krebszellen analysieren. Aber wie zuverlässig die Aussage solcher Biomarker-Tests ist, war bisher unklar.

Das Iqwig untersucht den Nutzen der Biomarker-Tests

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) analysierte Studien, die in den vergangenen Jahren den Nutzen von drei Biomarker-Tests geprüft hatten: MammaPrint, EndoPredict und Oncotype DX. Das Ergebnis ist dürftig: Nur zu dem Test MammaPrint fanden die Wissenschaftler des Iqwig eine Studie, die ihren Ansprüchen genügt, daher treffen sie zu EndoPredict und Oncotyp DX keine Aussage. Und zu dem Test MammaPrint stützen sie ihre Bewertung auf eine einzige Studie. Das Fazit: Ein klarer Nutzen des Biomarker-Tests MammaPrint ist nicht zu erkennen. Zum einen, weil die Studie erst seit fünf Jahren läuft. Brustkrebs kann aber auch nach mehr als 5 Jahren zurückkommen, daher sind dies erst vorläufige Ergebnisse. Wichtiger werden die Ergebnisse nach zehn Jahren Beobachtung sein.

Chirugischer Eingriff bei einer Patientin mit Brustkrebs.

Nach der Operation die Chemotherapie?

Zum anderen ergab die Studie: In der Gruppe der 1.000 Frauen, die aufgrund des Biomarker-Tests auf eine Chemotherapie verzichteten, kam es zu 21 zusätzlichen Rezidiven und 11 zusätzlichen Todesfällen gegenüber der Gruppe Frauen, die doch die Chemotherapie machten. "Nach Auffassung der Autoren sind die Unterschiede so klein, dass man den Frauen eine Chemotherapie ersparen kann", sagt Stefan Lange, stellvertretender Leiter des Iqwig. Er selbst aber sieht das anders: "Das würde ich gerne mit den betroffenen Frauen und Fachleuten genauer diskutieren."

Für jede Patientin geht es ums Überleben

Prof. Dr. Stefan Wiemann, Leiter der Abteilung Molekulare Genomanalyse am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, kann die Bedenken zum Biomarker-Test MammaPrint nachvollziehen: "Aufgrund des Tests würde es zu Fehlentscheidungen kommen, keine Chemotherapie durchzuführen, wodurch diese Patientinnen letztlich die schwerwiegenden Folgen tragen müssten. Für jede einzelne Patientin geht es um das persönliche Überleben, und es werden meist eher die negativen Begleiterscheinungen einer Chemotherapie akzeptiert als die Möglichkeit, aufgrund einer nicht-durchgeführten Behandlung sterben zu müssen."

Den Nutzen des Biomarker-Tests Oncotyp DX schätzt Prof. Wiemann jedoch anders als das Iqwig ein: "Der Oncotype DX-Test hat in einer Zahl von Studien die Wirksamkeit bzw. den Nutzen für die Therapieentscheidung erbracht und ist deshalb auch von mehreren relevanten Gesellschaften anerkannt."

Nebenwirkungen der Chemotherapie oder Rückkehr des Krebses

Infusionsflaschen

Eine Chemotherapie kann viele Nebenwirkungen haben

Es gibt also derzeit kein unumstrittenes Urteil zum Thema Biomarker-Test. Für betroffene Frauen bedeutet das: Folgen sie dem Ergebnis des Biomarker-Tests und verzichten auf eine Chemotherapie nach der Operation, dann bleibt ein geringes Risiko, dass der Test falsch lag. Setzen sie auf größtmögliche Sicherheit, dann machen sie eine Chemotherapie mit all ihren Nebenwirkungen durch, obwohl dies vielleicht überflüssig ist. "Auch die Nebenwirkungen einer Chemotherapie können gravierende sein, daher sollten auch diese in die Gesamtbetrachtung mit einbezogen werden", gibt Dr. Stefanie Seltmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zu bedenken und nennt Beispiele: "Nicht alle, aber manche Chemotherapien können schwerwiegende Folgen haben, wie z.B. das Erschöpfungssyndrom Fatigue, Depression oder sie schädigen sogar Herz oder Niere."

Entscheidung über die Kostenübernahme

Bisher werden in Deutschland solche Biomarker-Tests, die mehrere hundert bis tausend Euro kosten, nur in Einzelfällen von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Das würde sich erst ändern, wenn der gemeinsame Bundesausschuss der (G-BA), das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland die Krankenkassen dazu verpflichten würde, einen Biomarker-Test generell zu erstatten. Es ist schwer vorherzusagen, wie der G-BA entscheiden wird – wahrscheinlich ist aber, dass diese Entscheidung frühestens in einem Jahr zu erwarten ist.

Stand: 05.12.2016, 12:00