USA: Neue Bluthochdruck-Richtlinien - Vorbild für uns?

Blutdruckmessgerät

USA: Neue Bluthochdruck-Richtlinien - Vorbild für uns?

Von Susanne Schnabel

  • Experten in den USA haben Grenzwert für Bluthochdruck deutlich gesenkt
  • Dadurch steigt die Zahl der Betroffenen sprunghaft
  • Deutsche Mediziner sind skeptisch

In den USA sind die medizinischen Richtlinien für Bluthochdruck jetzt geändert worden. Damit haben Menschen schon ab einem Wert von 130 zu 80 einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck. Zuvor hatte der Grenzwert bei 140/90 gelegen.
Die Zahl der von Bluthochdruck Betroffenen wird dort durch die Änderung von rund 72 Millionen auf 103 Millionen steigen.

Umstrittene Sprint-Studie

Dass der Richtwert geändert wurde, geht vor allem auf die sogenannte Sprint-Studie zurück. Sie wurde vor zwei Jahren in den USA veröffentlicht und kam zu dem Ergebnis, dass der Zielwert für den oberen systolischen Blutdruck sogar von 140 auf 120 gesenkt werden sollte. Folgeerkrankungen wie Herzschwäche oder Herz-Kreislauf-Tod seien auf diese Weise besser vermeidbar.

Viele Experten kritisierten die Ergebnisse und warnten davor, dass eine zu starke Blutdrucksenkung zu Nierenversagen und vorzeitigem Tod führen könne. "Den Empfehlungen der Sprint-Studie hätte ich mich nicht anschließen können", sagt Yvonne Dörffel, Leiterin der Medizinischen Poliklinik der Berliner Charité. Mit der jetzt in den USA vorgenommenen Änderung sei sie jedoch einverstanden: "Diese Senkung des Grenzwerts ist völlig vertretbar."

Europäische Experten entscheiden im Sommer 2018

Dr. Bernhard Krämer, der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga

Dr. Bernhard Krämer

Die Deutsche Hochdruckliga und die europäischen Hochdruckfachgesellschaften werden die Vorschläge aus den USA in ihre Überlegungen zur Überarbeitung ihrer Leitlinien im Sommer 2018 mit einbeziehen, heißt es in einer Stellungnahme. Man werde die US-Richtlinien aber sehr genau prüfen, so Bernhard Krämer, der Vorstandsvorsitzende der Hochdruckliga.

"Persönlich gehe ich eher davon aus, dass man in Deutschland und in Europa dieser Vorgehensweise nicht eins zu eins folgen wird." Es werde bei uns bereits jetzt schon bei diesen Werten blutdrucksenkende Lebensstiländerungen wie Gewichtsreduktion, kochsalzarme Kost, gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung empfohlen.

"Man muss genauer hinschauen"

Dr. Christoph Specht

Dr. Christoph Specht

Christoph Specht, Arzt und Wissenschaftsjournalist, ist skeptisch, ob der neue US-Richtwert tatsächlich die Grenze zwischen krank und gesund ist: "Natürlich ist ein hoher Blutdruck ein Risikofaktor, aber man muss genauer hinschauen. Jemand, der sonst keine Risikofaktoren hat, der wird durch diesen höheren Blutdruck nicht so geschädigt wie jemand, der gleichzeitig vielleicht noch eine Fettstoffwechselstörung hat."

Jogger im Wald

Laufen statt Tabletten

Auch in Deutschland werden immer wieder Grenzwerte verschoben - und bald darauf wieder geändert. Jüngstes Beispiel: Diabetes: "Wir hatten mal gedacht, wir müssten den Langzeitzuckerwert besonders runterdrücken, gerade bei älteren Diabetikern. Dann hat man herausgefunden: Das ist gefährlich, weil es zu den lebensgefährlichen Unterzuckerungen kommen kann", so Specht.

Pharmaindustrie profitiert

Die Pharmalobby in den USA habe ein Interesse gehabt, den Grenzwert zu erhöhen, um mehr Blutdrucksenker zu verkaufen, munkeln Kritiker. Tabletten sollten generell nur eine Notlösung sein, sagt Specht. Besser sei es, sich gesund zu ernähren und etwas Sport zu treiben.

Stand: 17.11.2017, 06:00