Total vernetzt und schwer gestresst

Jugendliche, die mit Pad und Smartphone im Internet surfen

Total vernetzt und schwer gestresst

  • Wir sind bestens vernetzt, ständig online
  • Wir überfordern uns damit total
  • Neuen Blick auf das Internet fordert Prof. Julia Hobsbawm

Das Internet existiert gerade mal ein Vierteljahrhundert - und hat unser Leben grundlegend und nicht nur positiv verändert: "60 Prozent aller Arbeitstage in Europa gehen durch Stress verloren", stellt die britische Expertin Julia Hobsbawm fest. Sie ist die weltweit erste Networking-Professorin und am Donnerstag (07.12.2017) prominenter Gast auf der OEB Global, einem Kongress für technologiegestütztes Lernen in Berlin. Dort geht es auch um die Frage, ob Schulen dafür sorgen sollen, dass junge Menschen öfter offline gehen und das Haus verlassen.

Im Zeitalter der Überlastung

Unbedingt, meint Hobsbawm. Dabei hat sie nicht nur die jungen Menschen vor Augen, die einer Studie zufolge immer öfter unter Depressionen und Phobien leiden. Sie sieht das "Zeitalter der Überlastung" angebrochen - mit zu vielen ungefilterten Informationen, zu vielen Kontakten, die eine Schein-Intimität vorgaukeln, und viel zu wenig Zeit. "Wir wollen und können den Geist nicht zurück in die Flasche stecken", sagt sie. "Es gibt ja keinen Bereich auf der Welt, der nicht vernetzt ist."

Julia Hobsbawm

Erste "Networking"-Professorin: Julia Hobsbawm

Aber sie plädiert für eine Neubewertung der Technologie - auch angesichts der Fortschritte bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz, die sie für die nächsten Jahre erwartet. "Wir laufen Gefahr zu glauben, dass die Technologie immer besser ist als der Mensch mit seinem Geist und seinen Instinkten."

Soziale Gesundheit als Konzept

Jetzt schon sei offenkundig, dass das menschliche Hirn nicht in dem Tempo eines Computers arbeiten kann. "Dafür ist es auch nicht gemacht", so Hobsbawm. Eigentlich sei es darauf angelegt, die Beziehungen zu anderen auszuloten und nicht, ständig Berechnungen anzustellen. Deswegen will Hobsbawm eine Debatte darüber, wie menschliches Verhalten und Gefühle mit all den grenzenlosen Möglichkeiten der Computertechnologie in Übereinstimmung gebracht werden können. Sie selbst hat ein Konzept entwickelt, das sie "Soziale Gesundheit für eine gesunde Gesellschaft" nennt.

Was bedeutet das konkret für Schüler und den Unterricht? "Das Lernen kann durch die Technologie verbessert werden", sagt Hobsbawm. "Aber natürlich braucht man das Klassenzimmer und Einzelunterricht." Sie erwartet auch nicht, dass junge Menschen Whatsapp, Snapchat und Instagram aufgeben. Aber sie will Offline- und Online-Leben in ein neues Gleichgewicht bringen: "Wenn man anfängt, seine Gedanken und Gefühle nur durch Technologie zu übermitteln, macht man einen großen Fehler."

Stand: 07.12.2017, 06:00