Ausstellung zu Schubladendenken als Quiz

Katalog "Schulbladen" in einer Schublade

Ausstellung zu Schubladendenken als Quiz

Von Susanne Schnabel

Denken in Schubladen begegnet uns jeden Tag - meist bleibt es unterbewusst. Die Künstlerin Meike Hahnraths hat eine interaktive Ausstellung mit 50 Porträtfotografien zu diesem Thema gestaltet - und stellt die Besucher damit auf die Probe. Am Donnerstagabend (01.09.2016) ist in Köln Eröffnung.

"Ich gefalle mir gut auf dem Foto", sagt Fee und schaut sich mit Fotografin Meike Hahnraths den Katalog zur Ausstellung "Schubladen" an. Die 24-jährige Fee ist eine von 50 Personen, die sich für das Projekt ablichten ließ. Dabei geht es um Schubladendenken, Vorurteile und Diskriminierung.

Portrait aus der LVR-Ausstellung "Schubladen" von Meike Hahnraths

Meike Hahnraths (l.) mit Modell Fee

Knapp die Hälfte der Porträtieren zeigt Frauen, die in einem Frauenhaus Zuflucht gesucht haben und Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung. Die andere Hälfte zeigt Menschen, die umgangssprachlich als "normal" gelten. Das jüngste Modell ist 16, das älteste 80 Jahre alt, 16 Männer und 34 Frauen haben mitgemacht. Fee findet den Gedanken spannend, dass sich Menschen in einer Ausstellung ihr Foto anschauen und überlegen, wer sie wohl sein mag.

Idee zum Projekt kam vom LVR

Fee mit Hund

Fee macht mit beim Projekt "Schubladen"

"Ich selber versuche - so gut es geht - vorurteilsfrei durchs Leben zu gehen", sagt Fee. "Das gelingt mal besser mal schlechter. Ich möchte die Menschen kennenlernen, sie auf mich wirken lassen und mir erst dann ein Bild von ihnen machen."
Meike Hahnraths porträtiert seit vielen Jahren sehr unterschiedliche Menschen; auch solche, die es schwerer haben, denen man meist nur mit Vorurteilen begegnet. Sie ist - auch aus privaten Gründen - sensibilisiert bei diesem Thema: Sie hat eine Tochter, die körperlich und geistig behindert ist. Die Idee, das neueste Projekt ‚Schubladen’ von ihr auszustellen, hatte LVR-Direktorin Ulrike Lubek, als sie 2015 die Porträtserie ‚Damen mit Hut’ sah. Dieses Projekt zeigte die Lebensfreude älterer Damen eines Seniorenheims.

"Menschen sind immer mehr, als nur das eine"

"Meine Porträts zeigen Facetten. Als Künstlerin kann ich diesen Schwerpunkt setzen, weil mein Ansatz nicht fotojournalistisch ist. Man findet daher auf meinen Bildern weder sichtbare Wunden, noch Anomalien." Durch ein rosarotes Objektiv schaue sie aber deswegen nicht, sagt die 54-Jährige. Sie will in ihren Bildern zum Ausdruck bringen, dass Menschen nicht nur körperlich und geistig behindert, gedemütigt, geschlagen und alt sind. "Menschen sind immer mehr, als nur das eine", so Hahnraths. Im besten Fall werde der Betrachter ihrer Fotos gar keinen Unterschied machen können zwischen jenen und denen, die umgangssprachlich als normal gelten.

Eine Ausstellung zum Mitmachen

Katalog der LVR-Ausstellung "Schubladen" von Meike Hahnraths

Politiker? Architekt? Arzt? Behindertenwerkstatt?

Zu jedem Porträt gibt es vier kurze Beschreibungen, aber nur eine davon trifft zu. Es ist eine Art Quiz ohne Auflösung. Die Besucher können sich aktiv mit dem fotografierten Gegenüber und den eigenen "Schubladen", Perspektiven sowie Vorurteilen auseinandersetzen. Zum Schutz der porträtierten Menschen wird die Identität nicht preisgegeben. Es besteht jedoch die Möglichkeit beim Online-Quiz auf der Internetseite zum Projekt, ein Gesamtergebnis für sich abzufragen, um zu sehen, wie hoch die eigene Trefferquote ist. "Gehen Sie davon aus, dass alle Beschreibungen richtig sein könnten, da ich im Laufe der Jahre sehr viele unterschiedliche Männer und Frauen mit teils sehr ausgefallenen Berufen fotografiert habe", erklärt die Künstlerin.

Das Projekt geht auf Reisen

Die Ausstellung "Schubladen" wird noch in Cottbus, Bonn und Essen zu sehen sein, eventuell kommen noch weitere Städte hinzu. Und auch die Porträtserie will Meike Hahnraths fortsetzen: "Unter dem Namen 'Schubladen.online' wollen wir gemeinsam mit engagierten Mitstreitern und Sponsoren Flagge zeigen für ein vorurteilsfreieres Miteinander in NRW. Dazu wird es in den nächsten Monaten in mehreren Städten Fotoshootings geben. Ziel ist im ersten Schritt eine virtuelle und interaktive Ausstellung mit 200 Porträts."

Wir alle denken in Schubladen

Forscher wissen, Schubladendenken an sich ist nichts Schlechtes. "Sie geben uns eine schnelle Orientierungshilfe und sind unverzichtbar", sagt Jens Förster, Sozialpsychologe an der Uni Bochum und Experte auf dem Gebiet der Erforschung von Vorurteilen. Unbewusst und automatisch beurteilen wir innerhalb von Sekunden Menschen, die uns begegnen, schreiben ihnen Eigenschaften zu - ob die nun stimmen oder nicht. "Das erste, was wir schon im Millisekundenbereich erkennen, ist das Geschlecht. Wir erkennen auch ganz schnell die Hautfarbe und sehen, ob jemand arm oder reich ist, zum Beispiel anhand der Kleidung oder wenn die Person keine Zähne hat", sagt Förster. Die individuellen Charakteristika sehen wir erst sehr viel später.

"Eine große Bereicherung"

Wir haben erlernte Stereotypen im Kopf, die automatisch abgerufen werden, sobald wir jemanden sehen. "Wenn die Gesellschaft uns bombardiert mit Assoziationen, wie Frauen können nicht rechnen, sind hilfebedürftig oder können nicht einparken - dann ist das das Erste, was uns einfällt, egal wie tolerant oder intolerant wir sind. Der tolerante Mensch schaltet aber danach gleich seinen Korrekturprozess ein", so Förster.
Sich selber aus der Schublade herauszuwagen, in die andere einen stecken, Begegnungen mit Menschen wagen, um das eigene Schubladendenken infrage zu stellen, bedeute für jeden von uns "eine große Bereicherung", so Förster.

Interaktive Ausstellung "Schubladen"

Vom 2. September bis 30. November 2016 präsentiert der Landschaftsverband Rheinland (LVR) die Ausstellung "Schubladen" der Mönchengladbacher Künstlerin Meike Hahnraths. Die Ausstellung im LVR-Landeshaus (Nordfoyer), Kennedy-Ufer 2, 50679 Köln-Deutz ist täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet.

Portrait aus der LVR-Ausstellung "Schubladen" von Meike Hahnraths

Spielt Querflöte in einem Orchester? Ist Sprechstundenhilfe beim Kinderarzt? Arbeitet in einer Behindertenwerkstatt? Studiert Französisch und Philosophie auf Lehramt?

Spielt Querflöte in einem Orchester? Ist Sprechstundenhilfe beim Kinderarzt? Arbeitet in einer Behindertenwerkstatt? Studiert Französisch und Philosophie auf Lehramt?

Arbeitet als Bibliothekarin? Ist Gast in einem Frauenhaus? Arbeitet als freie Visagistin? Ist Bookerin in einer Modelagentur?

Lehrt englische Sprache und Literatur des Mittelalters? Arbeitet als Metzger in einem Supermarkt? Arbeitet als Kurator am Museum? Arbeitet in einer Behindertenwerkstatt?

Inhaberin eines Kurzwarengeschäftes? War Gast in einem Frauenhaus? War Metzgerin? Hat als landwirtschaftliche Helferin gearbeitet?

Kauft Herrenmode für ein Modehaus ein? Singt in einer Progressive-Metalcore-Band? Arbeitet in einer Behindertenwerkstatt? Entwickelt Software?

Hat einen Liegestuhlverleih an der Nordsee? Arbeitet als Psychotherapeut? Arbeitet in einer Behindertenwerkstatt? Ist Streetworker in Berlin?

Studiert Wirtschaftswissenschaften im Ausland? Ist Austauschschüler aus Israel? Arbeitet in einer Behindertenwerkstatt? Macht eine Lehre zum Bankkaufmann?

Kreiert als Zuckerbäckerin Torten in Wien? War Gast in einem Frauenhaus? Hat als Modistin gearbeitet? Ist Professorin für Psychologie?

Stand: 01.09.2016, 11:41