Wenn Medikamente den Geist vernebeln

Bunte Pillen purzeln aus einer Flasche

Wenn Medikamente den Geist vernebeln

Von Sigrun Damas

Viele Medikamente enthalten anticholinerge Wirkstoffe. Diese unterdrücken bestimmte Botenstoffe im Gehirn. Jetzt lassen neue Studien vermuten, dass Anticholinergika dem Gehirn mehr schaden als bisher bekannt.

Der Rentner Harry Sander* benimmt sich seit dem Tod seiner Frau immer eigenartiger: Er weiß nicht mehr, wie man Kaffee kocht und findet den Weg zur Bushaltestelle nicht mehr allein. Sein Sohn vermutet, dass es eine beginnende Demenz ist und bringt den Vater zur Gedächtnisambulanz Hannover. "Der 70-Jährige hatte deutliche Erinnerungslücken", erinnert sich der Altersmediziner Dr. Olaf Krause von der Medizinischen Hochschule Hannover. "Aber wenn ältere Menschen verwirrt sind, kann das oft auch Folge bestimmter Medikamente sein, zum Beispiel solcher mit anticholinergen Wirkstoffen."

Medikamente verursachen Gedächtnislücken

Der Altersmediziner fragte den Rentner, ob und welche Medikamente er regelmäßig einnehme. Und tatsächlich zog Sander ein Antidepressivum mit anticholinerger Wirkung aus seiner Kulturtasche. Das hatte ihm sein Hausarzt nach dem Tod seiner Frau verschrieben. "Wir haben das Medikament dann abgesetzt, und nach einer Woche war der Patient wieder klar im Kopf und hatte eine normale Gedächtnisfunktion", sagt Krause. "Aber nicht immer ist der Zusammenhang so eindeutig und nicht in jedem Fall erholt sich der Patient so gut, wenn man das Medikament absetzt."

Anticholinergika sind in vielen Medikamenten enthalten

Anticholinerge Wirkungen sind für mehr als 600 Arzneistoffe beschrieben. Sie unterdrücken die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin und wirken - vereinfacht gesagt - auf das Zusammenspiel von Muskeln und Nerven. Anticholinerge Wirkungen können therapeutisch gewollt sein, aber auch als unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Therapeutisch genutzt werden sie in Parkinsonmitteln, Medikamenten gegen Übelkeit oder Inkontinenz. Als unerwünschter Begleiteffekt treten anticholinerge Wirkungen z.B. bei trizyklischen Antidepressiva oder Anti-Allergietabletten auf.

Sterben Nervenzellen?

In jedem Fall ist Vorsicht im Umgang mit Anticholinergika geboten, wie eine Studie der kanadischen Forscherin Shannon Risacher nun belegt. Ihre Arbeitsgruppe hat gezeigt, dass ältere Menschen, die Medikamente mit stark anticholinergen Wirkungen einnahmen, schlechter in Kognitionstests abschnitten als eine Vergleichsgruppe und zudem eine geringere Hirnaktivität und ein geringeres Hirnvolumen hatten. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den Wirkstoffen und Nervenzellschäden ist damit allerdings noch nicht bewiesen.

Vor allem ältere Menschen sind gefährdet

Dass vor allem ältere Menschen empfindlich auf anticholinerge Wirkstoffe reagieren, ist seit längerem bekannt. Dennoch sind die Medikamente weit verbreitet: fast 40 Prozent der zuhause lebenden über 75-Jährigen nehmen Anticholinergika ein. Altersmediziner wie der Demenzspezialist Prof. Klaus Hager vom Diakovere Henriettenstift Hannover plädieren für einen vorsichtigeren Umgang bei der Verschreibung solcher Substanzen. "Für uns ist das täglich Brot – wenn wir die Medikamentenliste der Menschen durchschauen, dann finden wir immer wieder ungeeignete Medikamente darunter." - Zu den Risikogruppen für anticholinerge Nebenwirkungen zählen neben älteren Menschen Patienten, die Psychopharmaka einnehmen, Patienten mit Morbus Parkinson und solche mit Demenz.

Vorsicht auch bei frei verkäuflichen Medikamenten

"Besonders problematisch wird es, wenn Patienten sich zusätzlich frei verkäufliche Medikamente aus der Apotheke holen", warnt die Fachapothekerin für Geriatrische Pharmazie Dr. Beate Wickop vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Denn auch Freiverkäufliches kann anticholinerge Wirkstoffe enthalten. "Die Effekte summieren sich, das ist besonders riskant." Sie rät zu jedem Arzt- und Apothekenbesuch eine Liste aller eingenommenen Medikamente mitzunehmen.

*Name von der Redaktion geändert

Die wichtigsten Medikamente mit anticholinerger Wirkung:
MedikamenteWirkungWirkstoffe
Verschreibungspflichtig, mit
anticholinerger Hauptwirkung
Gegen Unruhez.B. Atosil
Parkinsonmittelz.B. Benzatropin, Beripeden, Metixen
Blasenmittelz.B. Oxybutynin, Tolterodin, Fesoterodin
Verschreibungspflichtig, mit
anticholinerger Nebenwirkung
AntidepressivaTrizyklika, z.B. Amitriptilin
Neuroleptikaz.B. Clozapin
SchmerzmittelMorphin-Typ
BeruhigungsmittelBenzodiazepine
Rezeptfrei, mit
anticholinerger Hauptwirkung
Gegen Übelkeitz.B. Dimenhydrinat
Gegen Bauchkrämpfez.B. Butylscopolamin
Rezeptfrei, mit
anticholinerger Nebenwirkung
Gegen Allergiez.B. Cetirizin
Beruhigungsmittelz.B. Diphenhydramin

Stand: 27.10.2016, 11:22