Riskante Krebsbehandlung 3-Bromopyruvat

Nahaufnahme Tropf im Krankenhaus

Riskante Krebsbehandlung 3-Bromopyruvat

Von Ruth Schulz

Drei Patienten sind nach einer Krebsbehandlung in einer Klinik in Brüggen am Niederrhein gestorben. Sie wurden angeblich mit einem Medikament behandelt, das noch nicht zugelassen ist. Wissenschaftler erforschen die Wirkung von 3-Bromopyruvat auf Krebszellen.

Eine Behandlung mit 3-Brompyrovat ist keine "alternative" oder gar "naturheilkundliche" Krebstherapie. Bromopyruvat ist eine synthetisch hergestellte Chemikalie. Die Therapie damit ist noch nicht ausreichend getestet und nicht zugelassen. Trotzdem ist die Chemikalie ein vielversprechender Stoff für die Behandlung von Krebs. Bromopyruvat wird seit 2001 in der Krebsmedizin erforscht. Angesehene Labore arbeiten mit Zellkulturen, Ratten und Mäusen. Biomediziner arbeiten noch länger damit. Sie haben seine Wirkungen auf Enzyme untersucht und auch wie er gegen Pilze und Parasiten wirkt. Wissenschaftler des Centrums für Molekularbiologie und Umwelt an der portugiesischen Universität Minho haben in diesem Jahr eine Studie veröffentlicht, die zusammenfasst, was man bisher weiß. Man weiß noch längst nicht genug, aber es könnte einmal eine gute Krebstherapie daraus entstehen.

Wirkung an der Achillessehne des Tumors

3-Bromopyruvat könnte die Achillessehne eines Krebstumors treffen, sagen Wissenschaftler. Der Stoff kann Tumore sozusagen aushungern. Krebszellen teilen sich viel schneller als gesunde Zellen und hören nicht damit auf. Dafür brauchen sie viel Energie. Sie nutzen Zucker als Energielieferanten und wandeln ihn um. Die Bromverbindung schafft es, den Zuckerstoffwechsel der Krebszellen zu stoppen. Das führt zum Tod der Zellen. Die Besonderheit: Der Stoff greift nur die zuckerverbrauchenden Krebszellen an und lässt gesunde Zellen unbehelligt. Bei Ratten und Mäusen hat man das schon beobachten können.

Chemotherapien nicht so zielgerichtet

Chemotherapien, mit denen man heute arbeitet, wirken leider nicht so zielgerichtet. Sie vergiften und schädigen nicht nur die Zellen in Krebstumoren, sondern auch gesunde Zellen. Viele Krebszellen werden nach einer gewissen Zeit außerdem resistent gegen die Medikamente. Dieser neue Stoff könnte sehr viel verträglicher sein. Sollte sich das so bestätigen, wäre das ein vielversprechender Durchbruch in der Krebsbehandlung.

Was man noch nicht weiß

Noch ist nicht klar, bei welcher Konzentration der Mechanismus so funktioniert, wie man es sich wünscht. Manche Reaktion klappt besser bei niedrigerer Konzentration als bei größerer – anders als gedacht. Das könnte daran liegen, dass der Stoff an sich giftig ist. Außerdem verändert sich Bromopyruvat sehr schnell, hat eine geringe Halbwertszeit. Nach 77 Minuten hat sich die Hälfte der Moleküle verändert und wirkt nicht mehr so, wie man es sich wünscht. An der Wirkung scheinen sehr viele biochemische Prozesse beteiligt zu sein, die noch Rätsel aufgeben.

Gezielte Wirkung

Viele Krebsmedikamente müssen genau den Tumor erreichen, um zu wirken. Das gilt auch für 3-Bromopyruvat, denn es verändert sich sehr schnell. Manchmal spritzt man das Medikament deshalb direkt in eine große Arterie, möglichst nah am Tumor. Der Wirkstoff muss dann nicht erst durch den ganzen Blutkreislauf. In Tierversuchen gab es dabei weniger unerwünschte Nebenwirkungen. Wurde er indirekt zugegeben, war die giftige Wirkung stärker. Aber dazu gibt es erst wenige Untersuchungen.

Ein Mittel für alle Fälle?

Nicht jede Chemotherapie wirkt auf jeden Tumor gleich gut. 3-Bromopyruvat wurde in Versuchen bereits mit sehr vielen verschiedenen Krebszell-Typen untersucht, mit solchen die schnell wachsen und solchen, die weniger schnell wachsen. Der Stoff hat in allen Tumorarten gewirkt. Eventuell könnte daraus auch ein guter Zusatzstoff (Adjuvanz) für herkömmliche Chemotherapien entstehen, meinen Forscher.

Vorsicht Mäusestudien!

Zellkulturen und Mäusestudien sagen noch nicht, dass ein gutes Medikament entsteht. Oft hört man nach ersten Ergebnissen nie wieder davon oder es dauert Jahre, bis es auch an Patienten erfolgreich getestet ist. Bisher hat man 3-Bromopyruvat in Kliniken erst an zwei sehr schwer kranken freiwilligen Patienten getestet. Sie haben etwas länger gelebt als zu erwarten war. Größere klinische Studien gibt es noch nicht.

Stand: 05.08.2016, 11:05