So leicht lassen sich Erinnerungen fälschen

So leicht lassen sich Erinnerungen fälschen

So leicht lassen sich Erinnerungen fälschen

Von Ildiko Holderer

  • Erinnerungen können verändert werden
  • Vor allem Kindheitserinnerungen anfällig
  • Sogar falsche Erinnerungen an kriminelle Handlungen möglich

Katarina hat noch nie in ihrem Leben auf einem Elefanten gesessen. Wir fälschen ein Kindheitsfoto von ihr – und nach einigen Gesprächen erinnert sie sich sogar an Details des Elefanten-Ritts. Details, die nie passiert sind: „Ich kann mich daran erinnern, dass das Draufklettern cool war. Aber dass meine Eltern mich fotografieren wollten, das fand ich irgendwie ein bisschen lästig.

Das kann jedem von uns passieren, weil unser Gehirn ständig lernt. Dabei verändern sich die Verbindungen zwischen Nervenzellen – manche Verbindungen entstehen neu, andere schwächen mit der Zeit ab, wenn sie selten „genutzt“ werden oder bilden sich ganz zurück.

Lücken im Gedächtnis

Ein Nebeneffekt: Auch Erinnerungen können so verändert werden. Denn sie sind Netzwerke aus Nervenzellen. Nehmen wir das Beispiel des Elefanten-Ritts: Eine verschwommene Kindheitserinnerung verschmilzt mit der falschen Information aus Foto und Gesprächen zu einer neuen Erinnerung.

Verschwommene Erinnerung

Wieso das funktioniert? Weil unser autobiografisches Gedächtnis lückenhaft ist – vor allem bei frühen Erinnerungen. Diese Lücken versucht das Gehirn zu füllen. Doch nicht jede Erinnerung lässt sich einfach verändern – dafür bedarf es bestimmter Voraussetzungen:

Plausible Erklärungen und Zeit

Eine Rolle spielt dabei, wie plausibel eine Erinnerung uns erscheint und wie lange sie zurückliegt. Sitzen wir abends beim Familienessen und unsere Tante spricht uns auf den Hund an, den wir als Kind für kurze Zeit hatten, dann wird es uns zunächst irritieren, dass wir uns an diesen Hund zunächst nicht erinnern – an einen Hund, den es nie gab.

Erklärt uns unsere Tante dann aber, dass dieser Hund damals gestorben ist und sein Tod für uns ein traumatisches Ereignis war, dann haben wir eine rationale Erklärung dafür, warum wir uns nicht erinnern – und tun es dann doch.

Sogar falsche Erinnerungen an kriminelle Taten

Besonders gut lassen sich Erinnerungen manipulieren, wenn sie mit echten Erlebnissen verknüpft werden. „Du hast damals immer gemeinsam mit deiner Freundin Tanja mit dem Hund gespielt“, könnte unsere Tante dann sagen – und da unsere Freundin Tanja tatsächlich einen Hund hatte, verschmelzen unsere Erinnerungen mit der neuen, falschen Erinnerung.

Das kann sogar mit Erinnerungen an kriminelle Handlungen funktionieren, wie eine Studie der Psychologen Shaw und Porter von 2015 zeigt. Der Hälfte der Probanden wurde die Erinnerung an ein kriminelles Ereignis „eingepflanzt“: Sie hätten angeblich etwas gestohlen, jemanden geschlagen oder mit einer Waffe attackiert. 70 Prozent dieser Gruppe erinnerte sich nach drei Sitzungen detailliert an das Ereignis, das sie selbst nie erlebt hatten.

Glaubwürdigkeit und sozialer Druck

Shaw und Porter betonen, wie wichtig die Glaubwürdigkeit der Person ist, die die Erinnerungen manipuliert. Diese untermauerten die Interviewer in der Studie mit falschen Beweisen.

Auch sozialer Druck von anderen kann Shaw und Porter zufolge das falsche Erinnern unterstützen: Wenn unser Gesprächspartner offensichtlich erwartet, dass wir uns an ein Ereignis erinnern, dann strengen wir uns umso mehr an.

Problem Emotionen

Wichtig ist außerdem, wie emotional das Ereignis für uns ist. Denn unter bestimmten Umständen können Emotionen unsere Anfälligkeit für falsche Erinnerungen noch verstärken. Wir bekommen unter Stress einen „Tunnelblick“, können uns Details nicht mehr richtig merken.

Bislang ist es nicht gelungen, ein Verfahren zu entwickeln, das falsche Erinnerungen zuverlässig von echten unterscheiden könnte. Neurobiologische Studien zeigen, dass falsche Erinnerungen ähnliche Reaktionen in unserem Gehirn erzeugen wie echte.

Stand: 26.04.2018, 15:52