Freifahrt für einige, viele, dann alle?

Bus und Auto fahren durch Unterführung

Freifahrt für einige, viele, dann alle?

Hohe Ticketpreise bremsen den Boom bei Bussen und Bahnen. Für den öffentlichen Dienst fordern die Gewerkschaften jetzt kostenlose landesweite Nahverkehrstickets. Ein guter Anfang, meint Martin Gent.

Stetig wächst die Zahl der Fahrgäste bei Bussen und Bahnen. Zuletzt um 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Aber der öffentliche Verkehr kann mehr, als dieser jährliche Ein-Prozent-Zuwachs erwarten lässt. Netze, Kapazitäten und Takte müssen ausgebaut werden. Vor allem aber ist es an der Zeit, mit einer Nahverkehrs-Flatrate das Tarifchaos zu lichten.

Gewerkschaften wollen Gratis-Ticket für den Öffentlichen Dienst

Keine Frage, die 6-Prozent-Forderung steht im Mittelpunkt der Berichterstattung zur Tarifrunde 2018 für die Beschäftigten von Bund und Kommunen. Aber die Gewerkschaften Verdi und Beamtenbund wollen eine "Zusage, auf regionaler Ebene über ein kostenloses landesweites Nahverkehrsticket zu verhandeln." Konkret soll das Beispiel Hessen Schule machen: Seit dem 1. Januar 2018 fahren 145.000 hessische Landesbedienstete kostenlos im ÖPNV.

Verhandlungsführer der Arbeitgeber winken ab

Die kommunalen Arbeitgeber, die über den VKA zusammen mit dem Bund am Verhandlungstisch sitzen, sind skeptisch. Ihre Sorge ist, dass ein "durch die Allgemeinheit finanziertes" Nahverkehrsticket für den öffentlichen Dienst als "Beamtenprivileg" angesehen würde. Angesichts der Nutzerzahlen würde weniger als ein Fünftel der Beschäftigten profitieren. Auf dem Land sei der ÖPNV oft "keine Alternative". Die Argumentation wirkt wie von vorgestern, orientiert sich Status-quo. Mit einer echten Nahverkehrs-Offensive, für die das Freiticket der Einstieg wäre, tun sich Städte und Kreise schwer.

Hessisches Landesticket: attraktive Jobs, weniger Emissionen

Möglicherweise haben sie – anders als die hessische Landesregierung – die Signalwirkung noch nicht erkannt. "Bundesweit einmalig und ein sichtbarer Beleg dafür, dass das Land die richtigen Weichen für den Wettbewerb um die besten Köpfe gestellt hat." So lobt der Hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) das Gratis-Ticket. Hessen würde dadurch "ein moderner, zuverlässiger und familienfreundlicher Arbeitgeber". Böse Überraschungen sind ausgeschlossen: Das Land versteuere den "geldwerten Vorteil der Nutzungsberechtigung pauschal gegenüber der Finanzverwaltung", sagt Onno Dannenberg, bei Verdi für Tarifpolitik zuständig.

Mobilitätswende nur mit mehr Bussen und Bahnen

Man darf sich nicht täuschen lassen: Im ersten Schritt geht es für die 2,3 Millionen Arbeitnehmer des Bundes und der Kommunen nur um eine „Öffnungsklausel“. Ob es regional ein Gratisticket oder ein kostenpflichtiges Jobticket geben wird, wäre in den Ländern zu verhandeln. Aber die Tarifforderung ist ein Anfang. Wäre doch ein Ding, wenn die Mobilitätswende in Deutschland durch eine tarifpolitische Entscheidung in Gang käme.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 10.04.2018, 12:00