Darum ist ein neues Kniegelenk nicht immer die beste Lösung

Nahaufnahme eines künstlichen Kniegelenks

Darum ist ein neues Kniegelenk nicht immer die beste Lösung

Von Christina Sartori

  • Zahl der Knie-Operationen nimmt seit Jahren zu
  • Neue Datenanalyse lässt an Notwendigkeit der OPs zweifeln
  • Operationen am Kniegelenk sind für Krankenhäuser finanziell attraktiv

Schmerzen im Knie, die Laufen zur Qual machen – das trifft viele in Deutschland. Schätzungsweise fünf Millionen Menschen leiden an einer Arthrose. Manchmal hilft dann nur noch ein neues Kniegelenk. Eine Operation, die von Jahr zu Jahr immer häufiger durchgeführt wird. So viel häufiger, dass man sich fragt: Ist das immer notwendig? Eine aktuelle Studie des Science Media Centers und der Bertelsmann Stiftung lässt daran zweifeln.

Wann benötige ich ein neues Kniegelenk?

Die Operation selbst ist ein Routineeingriff, wenn sie von erfahrenen Ärzten gemacht wird. Trotzdem: Zunächst sollten andere Maßnahmen ausprobiert werden, z.B. Krankengymnastik, Schmerzmittel, Übergewicht verringern und mehr Bewegung – allerdings schonend. Denn ein neues Kniegelenk ist vielleicht besser, als das alte – aber auch nicht perfekt. Mit einer Kniegelenks-Prothese kann man keinen Marathon laufen, selbst Joggen kann problematisch sein. 

Knieprothesen müssen ausgetauscht werden

Eine Kniegelenksprothese muss in der Regel nach 20 Jahren ausgetauscht werden. Diese Austauschoperationen sind schwieriger, als der Erst-Einsatz eines neuen Kniegelenks, hier kommt es deutlich häufiger zu Komplikationen und die Ergebnisse sind meist schlechter. Daher sollten gerade Menschen unter 60 es sich sehr gut überlegen, ob sie ein neues Kniegelenk benötigen. Das Problem: Anscheinend spielen nicht nur medizinische Gründe eine Rolle, wenn ein neues Kniegelenk eingesetzt wird.

Auffällig: Die Zahl der Operationen steigt seit Jahren

Für die aktuelle Untersuchung des Science Media Centers und der Bertelsmann Stiftung wurden Daten des statistischen Bundesamtes ausgewertet. Die Daten zeigen: Seit 2013 gibt es jedes Jahr mehr Patienten, deren eigenes Kniegelenk gegen eine Prothese ausgetauscht wird. Dabei steigt die Zahl dieser Eingriffe so stark an, dass man es nicht mehr nur damit erklären kann, dass unsere Gesellschaft immer älter wird und daher immer mehr Menschen aus medizinischen Gründen ein neues Kniegelenk benötigen.

Große Unterschiede zwischen den Regionen

In verschiedenen Regionen Deutschlands wird unterschiedlich häufig operiert. So erhielten im Jahr 2016 z.B. von 100.000 Menschen in Bayern 260,8 Menschen ein neues Kniegelenk, in Berlin waren es dagegen nur 152,5 und in NRW 200,7: Noch größer werden die Unterscheide, wenn einzelne Regionen miteinander verglichen werden: Wer z.B. in Regen, in Bayern wohnt, bei dem ist es doppelt so wahrscheinlich, dass er operiert wird, wie wenn er in Bonn lebt. Diese Unterschiede lassen sich nicht damit erklären, dass in Regen sehr viel mehr alte Menschen leben, denn die unterschiedliche Altersstruktur wurde bei der Berechnung berücksichtigt.

Operationen für Kliniken finanziell attraktiv

Die regionalen Unterschiede sind so groß, dass auch andere Gründe eine Rolle spielen müssen, als medizinische. Mehrere Ärzte, die anonym bleiben möchten, bestätigten den Autoren der Datenanalyse: Wenn in einem Krankenhaus ein neues Kniegelenk eingesetzt wird, erhält das Krankenhaus dafür einen festen Betrag von der Krankenkasse erstattet, eine sogenannte Fallpauschale. Im Gegensatz zu Notfall- Maßnahmen oder auch zur Geburtshilfe lohnt sich der Einsatz einer Knieprothese für ein Krankenhaus. Daher sind diese lukrativen Eingriffe gern gesehen im Krankenhaus.

Was kann ich denn als Patient machen?

Man sollte genau fragen, was sich wie verändern wird durch das neue Kniegelenk: Werden die Schmerzen komplett verschwinden, wie lange wird das Gelenk halten, was werde ich dann wieder tun können? Wie auch vor anderen größeren Eingriffen kann es helfen, eine Zweit-Meinung einzuholen, bei einem anderen Arzt. Falls man sich für eine Knieprothese entscheidet, sollte man das dort tun, wo es viel Erfahrung mit dieser Operation gibt – denn je mehr Erfahrung, desto besser das Ergebnis und desto weniger Komplikationen treten auf, das haben Studien deutlich gezeigt.

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