Gratis-Nahverkehr: Das müsste vorher passieren

Stand: 15.02.2018, 18:30 Uhr

  • 30 Prozent mehr Fahrgäste - damit rechnen Verkehrsverbünde bei kostenlosem Nahverkehr
  • Schon heute gibt es einen Sanierungsstau im ÖPNV
  • Mehr Busse und Bahnen für neue Fahrgäste einzurichten braucht Zeit

Von Alexandra Hostert

Einen kostenlosen Nahverkehr einzurichten, wie von der Bundesregierung für einige Modellstädte angeregt, wäre für die Verkehrsbetriebe eine große Herausforderung. Denn schon heute fehlt oft eine leistungsfähige Infrastruktur.

Ein Drittel mehr Passagiere

Auch ohne Gratis-Angebot ist der Nahverkehr besonders in Großstädten stark ausgelastet. Die Menschen fahren seit 20 Jahren immer häufiger mit Bus und Bahn und es gibt jährlich neue Fahrgastrekorde.

Der Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) rechnet mit einem zusätzlichen und sprunghaften Anstieg der Passagiere um etwa 30 Prozent, wenn jetzt ein kostenloses Angebot eingeführt würde. Die Befürchtung: Auch diese Menschen würden zu Stoßzeiten fahren.

Vier Milliarden Euro Sanierungsstau

Diesen Anstieg könnte das derzeitige Nahverkehrsystem nur schwer verkraften, denn der Nahverkehr ist vielen Städten sanierungsbedürftig: Die Wagen sind oft viele Jahrzehnte alt, auch Tunnel oder Haltestellen müssten dringend renoviert werden, das Netz ist in die Jahre gekommen. In ganz Deutschland gibt es laut Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) im Nahverkehr einen Sanierungsstau von etwa vier Milliarden Euro. Neubauten von Strecken sind derzeit kaum finanzierbar.

Langwierige Bauprojekte

Längere Bahnen brauchen längere Haltestellen | Bildquelle: WDR/ Rainer Hackenberg

Doch selbst wenn die Finanzierung gesichert wäre: Um mehr Menschen zu befördern, sind oft langwierige Bauprojekte notwendig. Um längere Züge einzusetzen, müssen zum Beispiel auch die Bahnsteige an allen Haltestellen der Strecke verlängert werden, damit die Passagiere ein- und aussteigen können.

Modellstädte reichen nicht

Verkehrsexperte und Raumplaner Prof. Heiner Monheim aus Bonn hält die Vorschläge der Bundesregierung für einen kostenlosen Nahverkehr in wenigen Städten nicht für sinnvoll: "Modellstädte auszurufen ist allenfalls gut, um eine Debatte in Gang zu setzen. Für eine wirkliche Verbesserung des Nahverkehrs muss man großflächiger und langfristiger planen."

Kürzere Takte wären machbar

Viel Potential für einen besseren Nahverkehr sieht Verkehrsexperte Monheim in einer kürzeren Taktung von Bussen und Bahnen, wie es sie in anderen Ländern üblich ist. Ein Bus oder eine Bahn alle 20 Minuten sei einfach zu wenig, um immer mehr Fahrgäste effektiv zu befördern und eine schnellere Taktung sei - im Gegensatz zum Bau von neuen Strecken - auch vergleichsweise kurzfristig umsetzbar.

Nahverkehr im Sanierungsstau WDR 5 Leonardo Top Themen 15.02.2018 05:46 Min. Verfügbar bis 14.02.2023 WDR 5

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