Pilze sollen Diabetikern helfen

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Junge Forscher in NRW

Pilze sollen Diabetikern helfen

Von Maria Braun

Diabetiker müssen sich in den Finger pieksen und ständig ihren Blutzuckerspiegel überprüfen. Ein Mini-Messgerät im Bauch soll das bald automatisch machen. Der Chemiker Stephan Vogt setzt dabei auf die Kraft der Schlauchpilze.

Stephan Vogt ist Chemiker an der Universität Siegen und will Diabetikern das Leben erleichtern. Das könnte für eine Menge Leute interessant sein, denn laut Weltgesundheitsorganisation leiden rund 200 Millionen Menschen weltweit unter der Zuckerkrankheit. Viele von ihnen müssen mehrmals täglich ihren Zuckergehalt im Blut überprüfen. Dazu pieksen sie sich meist mit einer Stechhilfe in den Finger, lassen einen Tropfen Blut auf den Teststreifen laufen und stecken ihn in ein kleines Messgerät. "Diesen Aufwand möchten wir vermeiden", sagt der 27-jährige Vogt, der sich seit über einem Jahr mit der Blutzuckermessung beschäftigt und darüber seine Doktorarbeit schreibt. "Um den Blutzuckerspiegel zu messen, wird man in Zukunft hoffentlich nicht mehr pieksen und bluten müssen."

Infos werden aus dem Bauch ans Handy gesendet

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Vogt betrachtet ein Biomolekül in 3D

Vogt forscht an einem Mini-Messgerät, das in der Fachsprache Biosensor genannt wird. Es hat in etwa die Größe von einem Fingernagel und soll dem Zuckerkranken unter die Haut implantiert werden, etwa seitlich am Bauch. Für die Untersuchung des Blutzuckerspiegels muss der Biosensor unter der Haut kein Blut abzapfen, sondern misst den Zuckergehalt im wässrigen Zwischenraum zwischen zwei Zellen. Dort ist die Zuckermenge identisch mit der im Blut. Das Mini-Gerät misst also, ohne dass es der Träger spürt und sendet die Information schließlich an sein Handy.

"Das Messverfahren mit dem Biosensor ist nicht neu", erklärt Vogt. Ein ähnliches Mini-Messgerät gibt es seit Kurzem für mehr als 2.000 Euro zu kaufen. Neu an der Forschung von Vogt ist der Einsatz von Schlauchpilzen. Das klingt zwar eklig, ist es aber nicht, denn die Pilze sind überaus nützlich.

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Diese Menge Schlauchpilz-Extrakt reicht für ein Jahr Arbeit im Labor

Bisher sind die Biosensoren so aufgebaut, dass bestimmte Biomoleküle und andere Chemikalien die Messung durchführen. Diese anderen Chemikalien können aber für den Körper giftig sein. Das ist schlecht, wenn der Biosensor mitten in der Bauchregion arbeiten soll. Vogt ersetzt die giftigen Stoffe durch ein Biomolekül aus dem Schlauchpilz, die der Körper abbauen kann. "Das ist das Größte für mich, wenn die Natur eine Lösung parat hat. So kann ich von der Natur lernen, in diesem Fall vom Schlauchpilz und es für den Menschen nutzbar machen." Außerdem könnte ein Messgerät auf Basis der Schlauchpilz-Biomoleküle viel günstiger sein, als das Modell, das bisher auf dem Markt ist.

Ein eigener Algorithmus für den Schlauchpilz

Um den Pilz und seine Biomoleküle bestmöglich kennenzulernen, verbringt Vogt viele Stunden im Labor. Morgens überlässt er lieber den anderen Forschern das Feld und schläft gerne aus, aber wenn er erstmal mit Kittel und Pipette im Labor steht, dann vergisst er die Zeit und bleibt mit seinen Kollegen oft bis tief in die Nacht. Damit er versteht, wie das Biomolekül aus dem Schlauchpilz arbeitet, hat er in der Werkstatt der Uni Siegen eine Apparatur bauen lassen.

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Mit der Pipette werden kleinste Mengen entnommen

"Dieses Spezialgerät ist wahrscheinlich das einzige dieser Art weltweit", sagt Vogt. Und die Messreihen, die er mit der Apparatur aufzeichnen kann, sind nicht weniger speziell. "Für die Messmethode habe ich mit dem Institut für Quantenelektronik zusammengearbeitet. Und um die Daten auszuwerten, musste ich mir auch Hilfe holen", räumt er ein. Informatiker der Uni Siegen haben für ihn einen eigenen Computeralgorithmus entwickelt, damit er die Daten korrekt auswerten kann.

Die Probleme, die Vogt bei seiner Arbeit beschäftigen, sind meist sehr speziell. "Das kann ich nur mit Wenigen besprechen. Meine Familie interessiert sich sehr für das, was ich tue, aber oft ist es schwierig meine Probleme allgemeinverständlich zu formulieren. Dabei ist meine Forschung gar nicht so abstrakt, sondern eher alltagsbezogen", sagt der junge Chemiker. Immerhin erforscht er einen Biosensor, der Millionen Menschen mit Diabetes helfen könnte. Bis er seine Forschung beendet und seine Doktorarbeit geschrieben hat, werden aber noch ein paar Jahre vergehen.

Redaktion: Jutta Starke

Stand: 06.01.2015, 06:00