Verbreitungs-Tricks der Pflanzenwelt

Der Federschweif der Waldrebe fliegt nicht nur gut, er sieht auch schön aus

Verbreitungs-Tricks der Pflanzenwelt

Von Sabine Krüger

Pflanzen verfügen über ganz spezielle Tricks, um ihren Samen zu verbreiten und so die nächste Generation ihrer eigenen Art im Garten und in der freien Natur anzusiedeln.

Verbreitung: Fliegen, Anheften, Streuen

Haben Sie sich auch schon über entlegene Ableger Ihrer Pflanzen im Garten gewundert? Wir zeigen, wie Pflanzen auf Wanderschaft gehen und sich dabei vermehren.

Die Biologin Dr. Birgit Werner

Die Biologin Dr. Birgit Werner klärt bei einem Rundgang durch den Botanischen Garten in Köln, der Flora, über erstaunliche Verbreitungs-Strategien von Pflanzen auf. Die Waldrebe (Clematis) nutzt den Wind, um sich zu verbreiten und ist dafür bestens gerüstet. Ihre Fruchtstände sehen aus wie Wuschel-Frisuren, weshalb sie im Volksmund auch Geißbart, Herrgottsbart oder Frauenhaar genannt wird.

Die Biologin Dr. Birgit Werner klärt bei einem Rundgang durch den Botanischen Garten in Köln, der Flora, über erstaunliche Verbreitungs-Strategien von Pflanzen auf. Die Waldrebe (Clematis) nutzt den Wind, um sich zu verbreiten und ist dafür bestens gerüstet. Ihre Fruchtstände sehen aus wie Wuschel-Frisuren, weshalb sie im Volksmund auch Geißbart, Herrgottsbart oder Frauenhaar genannt wird.

Die Clematis zählt zur Gruppe der Haarflieger und wegen der langen Schweife an ihren Samen zur Untergruppe der Federschweifflieger. Stärkere Windböen tragen die circa 4 mg schweren Gebilde fort. Birgit Werner schätzt sie aber auch wegen ihrer Schönheit: "Im Gegenlicht schimmert das erst silbrig, im Abendlicht dann golden. Und ich mag den Geruch auch sehr gerne."

Noch wuscheliger, wie ein Wattebausch, sieht der Fruchtstand der Herbst-Anemone aus. Auch sie ist ein Haarflieger. Da hier die kleinen Samen aber rundum wollig behaart sind, zählt sie zur Untergruppe der Früchte mit allseitigem Haarkranz. Sie sind noch leichter als die Clematis-Samen, nämlich nur 0,09 mg, fliegen aber in der gleichen Geschwindigkeit von 1,1 Metern pro Sekunde.

Der Samen der Mariendistel gilt als Schirmflieger, denn die Flughaare stehen nach oben hin strahlenförmig vom Samen ab. Ein anderer pflanzlicher Schirmflieger, der Wiesenbocksbart, inspirierte den englischen Landedelmann Sir George Cayley (1773–1857) zur Entwicklung des ersten praktikablen Fallschirms. Technische Entwicklungen, von Pflanzen oder Tieren abgeschaut, nennt man Bionik.

Den ersten Platz im eleganten Langstreckenflug in der Pflanzenwelt belegt der Samen der südostasiatischen Liane Zanonia (Alsomitra macrocarpa). Der Samenkern sitzt genau im Schwerpunkt der Tragfläche, die aus zwei hauchdünnen pergamentähnlichen Flügeln besteht. Deren Spannweite kann bis zu 20 Zentimeter betragen. Nach diesem Vorbild entwickelten 1904 die beiden Österreicher Vater und Sohn Etrich einen der ersten Gleitflieger – einen Nur-Flügler, ohne Motor und Rumpf.

Ein anderer Verbreitungs-Trick nutzt Tiere als Transportmittel. Hier zeigt Birgit Werner mikroskopische Vergrößerungen des Kletten-Labkrauts. Man sieht deutlich, dass die Fruchtstände außen Haken tragen. Diese haften im Fell von Tieren an und werden so weitergetragen. Weil alle Haken in die gleiche Richtung zeigen, löst sich das Gebilde auch wieder und der Samen kann andernorts keimen.

Die Strategie des Labkrauts und der Klette stand Pate für den Klettverschluss. Ein weiterer Verbreitungs-Trick von Pflanzen hat in unseren Alltag Einzug gehalten. Es ist der Streumechanismus der Mohnkapsel. Der Wind verstreut seinen Samen aus den Löchern in der Fruchtwand, wie wir Salz aus dem Salzstreuer.

Verbreitungs-Tricks

WDR 4 Drinnen und Draußen | 04.11.2017 | 02:29 Min.

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Warum der Ortswechsel wichtig ist

Wozu müssen sich Samen überhaupt fortbewegen? Würde der Samen direkt neben die Mutterpflanze fallen, hätte er schlechte Startvoraussetzungen. Denn die Mutterpflanze wirft Schatten und würde der Jungpflanze das Licht nehmen. Sie würde dem Ableger auch das Regenwasser streitig machen. Zudem ist es im Sinne der Pflanzen, andere Standorte zu erobern, um dort neue Populationen aufzubauen, erklärt die Biologin Dr. Birgit Werner bei ihrer Führung durch den Botanischen Garten in Köln, der Flora.

Energiesparende Verbreitung

Pflanzen sind meist passiv mobil: Es kostet sie in der Regel keine eigene Energie. Um vom Fleck zu kommen, haben sie in der Evolution einige Tricks entwickelt. Der Bekannteste dürfte der Umweg über das Vergraben von Nüssen durch Eichhörnchen und Eichelhäher sein. Klette und Klettenlabkraut haften sich an das Fell oder Gefieder der Tiere und fallen dann eine gute Strecke weiter wieder ab.

Und Vögel fressen Früchte, ohne dass sie die Samen verdauen. Die werden also komplett ausgeschieden und können andernorts keimen. "Das ist der Grund, weshalb Vögel Früchte essen können, die für uns giftig sind. Wir dauen die Samen an und würden uns vergiften"“, so Birgit Werner.

Vom Winde verweht

Eine große Gruppe von Pflanzen nutzt den Wind für die Verbreitung. Unterschiedliche Bauarten führen zu verschiedenen Fallgeschwindigkeiten und dazu, dass manche weiter fliegen können als andere. Diese verschiedenen Bausätze haben Erfinder dazu inspiriert, Fluggeräte zu entwickeln. Das nennt man Bionik. Die Schirmflieger in der Pflanzenwelt halfen bei der Konstruktion der Fallschirme, die Gleitflieger bei der Entwicklung von Gleit-Fluggeräten und Flugzeugen und die Schraubenflieger, wie der Ahorn, standen Pate für die Rotoren von Hubschraubern.

Im Garten: Schaden oder Nutzen?

Nicht jeder Hobbygärtner freut sich über jeden Ableger im Garten. "Wenn man das nicht möchte, dann muss man die Blüten eben rechtzeitig zurückschneiden", rät Birgit Werner. Und bei Pflanzen, die sich vegetativ, also über Wurzelausläufer, vermehren, helfen nur Rhizomsperren. Das heißt: Man setzt die Pflanze nicht frei in die Erde, sondern in einem gut geschlossenen Behälter. Wer seinen Garten aber von der Natur mitgestalten lassen möchte, der freut sich an der einen oder anderen Stelle vielleicht auch von dem überraschenden neuen Bild, das aussamende Pflanzen schaffen. Diese Form des Gärtnerns heißt auch "Blackbox-Gardening". Das, was stört, kann man dann ja immer noch rausreißen.

Lesetipps

Blackbox-Gardening. Mit versamenden Pflanzen Gärten gestalten
Autoren: Jonas Reif, Christian Kreß
Ulmer Verlag, 2014
29,90 €


Die Kölner Flora: Festhaus und Botanischer Garten
Autoren: Stephan Anhalt, Gerd Bermbach
J.P. Bachem Verlag, 2014
34 €

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Stand: 04.11.2017, 00:00