Unterwegs mit Humboldt und Co.

Unterwegs mit Humboldt und Co.

Unterwegs mit Humboldt und Co.

Von Sabine Krüger

Waghalsige Seereisen, unbekannte Territorien, Begegnungen mit Ureinwohnern: Eine, teilweise auch kritische, Führung im Botanischen Garten Münster zu frühen Sammlern und Pflanzenjägern.

Unterwegs mit Humboldt und Co.

WDR 4 Drinnen und Draußen 03.08.2019 02:20 Min. Verfügbar bis 02.08.2020 WDR 4

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Von Forschern, Sammlern und Pflanzenjägern

Anlässlich des 250. Geburtstags von Alexander von Humboldt graben die Botanischen Gärten die spannende und teils unrühmliche Geschichte der Pflanzensammler und -Jäger für uns aus.

Unterwegs mit Humboldt und Co.

Die Biologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin Mirja Hentschel nimmt die Rundgangsteilnehmer zu "Humboldt & Co." mit auf eine Weltreise durch vier Jahrhunderte. Dieser Originalnachbau des "Ward‘schen Kastens" vom hauseigenen Schlosser ist ihr ganzer Stolz: "Das war eine Transportmöglichkeit, um tropische Pflanzen nach Europa zu bekommen. Die mussten monatelange See-Überfahrten mit Salzwasser-Gischt überstehen. In den verglasten Holzkästen lief das kondensierte Süßwasser zurück in die Erde, was die Pflanzentransporte überhaupt erst möglich machte." Unter anderem löste diese Erfindung von Nathaniel Bagshaw Ward (1791-1868) einen regelrechten Orchideen-Boom aus.

Die Biologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin Mirja Hentschel nimmt die Rundgangsteilnehmer zu "Humboldt & Co." mit auf eine Weltreise durch vier Jahrhunderte. Dieser Originalnachbau des "Ward‘schen Kastens" vom hauseigenen Schlosser ist ihr ganzer Stolz: "Das war eine Transportmöglichkeit, um tropische Pflanzen nach Europa zu bekommen. Die mussten monatelange See-Überfahrten mit Salzwasser-Gischt überstehen. In den verglasten Holzkästen lief das kondensierte Süßwasser zurück in die Erde, was die Pflanzentransporte überhaupt erst möglich machte." Unter anderem löste diese Erfindung von Nathaniel Bagshaw Ward (1791-1868) einen regelrechten Orchideen-Boom aus.

Zusätzlich zu den Postern und dem Kasten in der Orangerie finden sich auch im Außengelände Schautafeln zu "Humboldt & Co.". Nach dem Arzt und Naturkundler Carl-Peter Thunberg (1743-1828) ist die "Schwarzäugige Susanne" benannt, botanisch heißt sie Thunbergia. Thunberg startete von den Niederlanden aus über Südafrika nach Japan und benannte 254 bis dahin unbekannte Tier- und Pflanzenarten, darunter auch den Fächerahorn im Bild.

Dieser üppig blühende Blumen-Hartriegel steht Pate für Ernest Henry Wilson (1876-1930), der wegen seiner vier Sammelreisen nach China auch "Chinese Wilson" genannt wird. Er sollte im Auftrag der englischen Baumschule Veitch 1899 eine besondere Form des Taschentuchbaums suchen, später dann den Gelben Scheinmohn beschaffen. Wilson reiste stets in einem großen Tross, der für ihn nicht nur unzählige Zwiebeln ausgraben, sondern ihn auch auf einer Sänfte tragen musste.

Der wunderschöne Blaue Scheinmohn hat es nicht nur dem Gärtner des Botanischen Gartens Münster Matthias Evels besonders angetan, sondern auch dem britischen Entdecker Frank Kingdon-Ward (1885-1958). Aus Tibet schickte er 1924 Saatgut des Blauen Scheinmohns ins Königreich. Ganze 22 Sammelreisen hat er in 45 Jahren bewältigt, meist im Auftrag wohlhabender Privatleute oder der "Royal Horticultural Society" in London. Er packte, im Gegensatz zu Ernest Henry Wilson, lieber selbst an und versuchte auch die lokalen Sprachen zu lernen.

Genauso wie Kingdon-Ward war Joseph Dalton Hooker (1817-1911) unter anderem im Himalaya unterwegs. Von dort brachte er 32 Rhododendron-Arten mit. Die Hälfte davon war bis dahin in Europa unbekannt. Gegen 1870, als die sogenannten "Hooker-Rhododendren" blühten, lösten ihre vielen verschiedenen Blütenfarben und -formen einen regelrechten Hype aus, der später auch von Großbritannien nach Deutschland überschwappte. 1865 löste Hooker seinen Vater als Leiter der Königlichen Botanischen Gärten in Kew bei London ab.

Ähnlich weit verbreitet wie die Rhododendren in unseren Gärten sind die Funkien oder auch Hosta. Die haben wir Philipp Franz von Siebold (1796-1866) zu verdanken. Der gebürtige Würzburger musste sich als Niederländer ausgeben, damit er sich auf der niederländischen Insel "Dejima" im Hafen von Nagasaki aufhalten durfte. 1829 wurde er der Spionage beschuldigt. Bevor er das Land verlassen musste, versteckten seine japanischen Schüler im Ziegenfutter für seine Milchziege schnell noch fehlende Pflanzen. Darauf segelte er mit 120 Kisten zurück.

Politisch in Ungnade gefallen ist auch der Russe Nikolai I. Waliwow (1887-1943), der aus 100 Forschungsreisen in 64 verschiedenen Ländern eine Gendatenbank von Nutzpflanzen aufbaute. Weil er aber Stalins These widersprach, man könne Kulturpflanzen durch Umwelteinflüsse "umerziehen", wurde er wegen Spionage und Landesverrat verhaftet. Ausgerechnet derjenige, der der Welt Nutzpflanzen in seiner Gendatenbank erhalten hat, verhungerte im Alter von 55 Jahren im russischen Gefängnis.

Engelbert Kaempfer aus Lemgo (1651-1716) ist verantwortlich für einen der berühmtesten Schreibfehler in der Geschichte der Botanik. Er war es, der den Ginkgo erstmals detailliert beschrieb. Bei der Übertragung des japanischen "Ginkyö" ins lateinische Alphabet machte er daraus den Ginkgo. Wörtlich übersetzt wäre der deutsche Name "Silberaprikose", in Bezug auf den fleischigen Samen des Baumes.

Am dreistesten unterwegs war der Brite Robert Fortune: "Er ist tatsächlich als Chinese verkleidet nach China eingereist und hat dort zehntausende Teepflanzen über den Botanischen Garten in London nach Indien verschickt, zusammen mit acht Teebauern. Und in Indien haben dann die Briten die Teeanpflanzung richtig forciert und das ganze Kapital daraus geschlagen", so Mirja Hentschel. "Heute verbietet das Washingtoner Artenschutzabkommen eine solche Ausbeutung."

Verkleiden musste sich auch die Französin Jeanne Baret, und zwar als Mann. Denn Frauen waren auf Marineschiffen verboten. 1766 startete sie zur Weltumsegelung unter Louis Antoine de Bougainville. Als sie aufflog, verließ sie das Schiff auf Mauritius, um ihre botanischen Forschungen fortzusetzen. Eine in Brasilien entdeckte Blühpflanze benannte sie nach Bougainville: die Bougainvillea. Der war von ihrem Mut und ihrer Kraft so beeindruckt, dass er ihr eine jährliche Leibrente zusprach.

Die Strelitzie wiederum ist nach einer Frau benannt, der englischen Königin Sophie Charlotte Mecklenburg-Strelitz. Die Pflanze ist in Südafrika heimisch und Joseph Banks (1743-1820) hat sie 1773 entdeckt. "Die Strelitzie wird von Vögeln bestäubt, die nicht den Schwirrflug der Kolibris beherrschen. Das heißt, sie setzen sich auf die Blüte. Wenn sie dabei den blauen Blütenteil nach unten drücken werden dadurch Nektartropfen ans Ende der Blütenbasis befördert – ein Nektarautomat also!", erklärt die Biologin.

Das sind die Blätter der Banksie, die, wie der Name es nahelegt, ebenfalls von Joseph Banks entdeckt wurde. Er segelte ab 1768 drei Jahre lang mit James Cook und Daniel Solander um die Welt, wobei er in Australien auf eben diese Pflanze stieß. "Das Besondere an der Banksie ist, dass sie zu den Pyrophyten gehört, die sich nur verbreiten, nachdem es gebrannt hat", so Hentschel.

"Der Banksienzapfen fängt Feuer und die Haare des Zapfens (rechts im Foto) verbrennen. Dabei öffnen sich die Kapseln und die Samen können sich verbreiten (links im Foto). Also eine ideale Anpassung an den Lebensraum", erklärt die Biologin das Phänomen.

Mit dem Ward‘schen Kasten schließt sich der Kreis, denn die Poster der Ausstellung wandern in der zweiten Jahreshälfte von der Orangerie in den Pavillon und sind dort mindestens noch bis Mitte Oktober zu sehen. Ebenfalls bis zu diesem Termin können im Botanischen Garten Münster Führungen zum Thema gebucht werden.

Lesetipps

Forscher, Sammler, Pflanzenjäger. Unterwegs mit Humboldt & Co. Katalog zur Ausstellung des Verbands Botanischer Gärten zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts.
Autoren: Annelie Dau, Nils Köster, Boris Schlumpberger u.a., 2019
7 €, erhältlich in den Botanischen Gärten, die an der Jubiläumsaktion teilnehmen.

Aus Liebe zu den Pflanzen. Geschichten von Entdeckern, die die Welt veränderten
Autor: Stefano Mancuso
Verlag Antje Kunstmann, 2017
22 €

Zucker, Dattel, Kaviar. 50 Lebensmittel, die unsere Welt verändert haben
Autor: Bill Price, Gerstenberg Verlag, 2016
10 €

Zwiebel, Safran, Fingerhut. 50 Pflanzen, die unsere Welt verändert haben
Autor: Bill Laws
Gerstenberg Verlag, 2014
16,95€

Stand: 03.08.2019, 00:00