Wo unsere Nutzpflanzen herkommen

Stillleben mit exotischen Früchten um 1666

Wo unsere Nutzpflanzen herkommen

Von Sabine Krüger

Spargel, Kartoffel, Kohl, Apfel: Sind das heimische Gewächse? Die Auflösung zeigt die Ausstellung "Teutscher Reis und Peper van Indien" im Kulturzentrum Rommerskirchen-Sinsteden.

Wo unsere Nutzpflanzen herkommen

WDR 4 Drinnen und Draußen 25.05.2019 02:19 Min. WDR 4

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Seefahrt bringt Vielfalt auf den Tisch

Die Kartoffel und der Apfel wachsen schon so lange in unseren Gärten, dass wir sie längst eingebürgert haben. Ohne die Seefahrt wären sie nie auf unsere Speisezettel gekommen.

Verschiedene Gemüse-/Obstsorten

"Heimisch oder nicht?", das ist hier die Frage. Am ehesten gilt das für die Pflanzen auf dem Foto noch für den Kohl und den Kohlrabi, wenn man unter "heimisch" Mitteleuropa versteht. Denn unsere heutigen Kopfkohlarten stammen vom Wildkohl ab, der ursprünglich aus dem Mittelmeergebiet kommt. So typisch Deutsch wie der Kohl immer dargestellt wird, ist also selbst er nicht. Heute ist er weltweit verbreitet und der größte Kohlproduzent ist China.

"Heimisch oder nicht?", das ist hier die Frage. Am ehesten gilt das für die Pflanzen auf dem Foto noch für den Kohl und den Kohlrabi, wenn man unter "heimisch" Mitteleuropa versteht. Denn unsere heutigen Kopfkohlarten stammen vom Wildkohl ab, der ursprünglich aus dem Mittelmeergebiet kommt. So typisch Deutsch wie der Kohl immer dargestellt wird, ist also selbst er nicht. Heute ist er weltweit verbreitet und der größte Kohlproduzent ist China.

Die Herkunftsorte unserer vermeintlich heimischen Gemüsepflanzen verdeutlicht diese Weltkarte in der Ausstellung "Teutscher Reis und Peper van Indien" im Kulturzentrum Rommerskirchen-Sinsteden. Sie ist eine Kooperation mit dem Städtischen Museum Schloss Rheydt, wo sie zuerst gezeigt wurde. "Das Museum im Renaissanceschloss legt seinen Schwerpunkt auf Themen eben dieser Zeit. Und wir hier, mit unserer landwirtschaftlichen Ausrichtung, haben uns sehr gerne angeschlossen", erläutert Museumspädagogin Anna Vössing die, im wahrsten Sinne des Wortes, fruchtvolle Zusammenarbeit.

Die Renaissance, also der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit im 15. und 16. Jahrhundert, spielt deshalb für die Bereicherung unserer Mittagstische eine so wichtige Rolle, weil das das Zeitalter der Seefahrer und Entdeckungen war. "Ohne die Seefahrt wären alle diese Obst- und Gemüsesorten nie zu uns gekommen", so Vössing. Hier die Darstellung eines Schiffes in einem "Stammbuch" von 1642, einem Vorläufer unseres Poesiealbums, das sich früher Adlige und Studenten geschenkt haben. Man schrieb also jemandem etwas ins Stammbuch.

Wann ungefähr welche Gemüsesorten bei uns gelandet sind, können wir nachvollziehen, weil sie dank der Erfindung des Buchdrucks, des Holzschnitts und des Kupferstichs in sogenannten Kräuterbüchern verewigt sind. Das Schlossmuseum Rheydt hat einige Kopien solcher Kräuterbuch-Darstellungen für die Ausstellung angekauft. Hier eine Beschreibung des Rettichs aus der vierten Auflage des Kräuterbuchs von Hieronymus Bock aus dem Jahr 1556. Rettich und Radieschen kommen aus dem Nahen Osten und werden seit der Antike kultiviert.

In demselben Kräuterbuch sind auch die Zitrusfrüchte vorgestellt. Sie kommen aus dem Himalaya. Schon Alexander der Große (356-323 v. Chr.) hat sie bei seinen Feldzügen im Mittelmeerraum eingeführt. Das dargestellte Gewächs ist die Zitronatzitrone, aus der durch Einkreuzung der Bitterorange, der Pomeranze, unsere heutige Zitrone gezüchtet wurde.

Dieses komplette Original-Kräuterbuch des Mediziners Adam Lonitzer aus dem Jahr 1573 ist eine Leihgabe der Universitäts- und Landesbibliothek in Münster. Es war äußerst erfolgreich, weil es auch besonders umfangreich war. In fünf Teilen gab es Auskunft über das Destillieren, über Tiere und Tierprodukte, die Wirkung von Mineralien, das Pflanzen von Bäumen sowie über Heil- und Küchenkräuter. 1783 wurde es zum letzten Mal aufgelegt.

Exotische Früchte waren ein Zeichen von Wohlstand und wurden in detailverliebten möglichst naturgetreuen Stillleben dargestellt. Dieses wird dem niederländischen Künstler Johannes Hannot zugeschrieben und entstand wohl um 1666. "Die Handelswege begünstigten die Niederländer, sie bekamen die Waren besonders frisch, wahrscheinlich ein Grund, warum die alten Niederländer die Kunstform des Stilllebens perfektionierten", so Vössing.

Einen besonderen Ehrgeiz entwickelten sie darin, Oberflächen möglichst realistisch darzustellen. Beim genauen Hinsehen entdeckt man am linken Bildrand diese Fliege. Solche Details sind typisch für die niederländischen Stillleben, erklärt Anna Vössing: "Die Fliege sollte das Bild noch echter erscheinen lassen."

Die neuen Pflanzen hielten auch Einzug ins Kunsthandwerk. Ende des 16./Anfang des 17. Jahrhunderts waren prachtvolle Trinkgefäße aus Kokosnussschalen beliebt. Oft waren alttestamentarische Szenen mit Bezug zum Thema "Wein" oder auch Erotisches eingeschnitzt. Die in den Tropen beheimatete Kokosnuss kam zwar schon in der Antike nach Europa, aber in der Renaissance wurden sie vermehrt gehandelt.

Dieses Weihrauchgefäß bildet eine Tulpenzwiebel nach. Es ist datiert auf die Zeit nach Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Weihrauchstraße von Südarabien ins Mittelmeergebiet ist eine der ältesten Handelsrouten der Welt. Und Tulpenzwiebeln verbreiteten sich so schnell in Europa, dass um 1600 schon rund 1.000 verschiedene Sorten bekannt waren. Die Zwiebeln wurden in Auktionen in Schankwirtschaften versteigert und führten 1637 zum ersten "Börsencrash" der Geschichte, als die Nachfrage plötzlich einbrach.

In der Renaissance kamen auch Genussgüter wie Kaffee, Kakao und Tee zu uns. Natürlich nicht als Alltagsgetränke! Die wertvollen Genussmittel wurden in äußerst prächtigen Servicen angeboten und richtiggehend zelebriert. Die Vitrine präsentiert eines aus dem 18. Jahrhundert.

Die Kunst des Stilllebens hatte zwar ihre Hochzeit in der Renaissance, wurde aber auch im 19. Jahrhundert noch praktiziert, zum Beispiel vom Ehepaar Preyer an der Düsseldorfer Kunstakademie. Die Ausstellung "Teutscher Reis und Peper van Indien" ist noch bis zum 2. Juni 2019 im Kulturzentrum Sinsteden zu sehen.

Lesetipps

Teutscher Reis und Peper van Indien. Neue Pflanzen in heimischen Gefilden
Herausgeber: Stadt Mönchengladbach, Städtisches Museum Schloss Rheydt, Karlheinz Wiegmann
Magazin zur gleichnamigen Ausstellung, 2018
5€
Erhältlich im Städtischen Museum Schloss Rheydt und im Kulturzentrum Sinsteden

Zwiebel, Safran, Fingerhut. 50 Pflanzen, die unsere Welt verändert haben
Autor: Bill Laws
Gerstenberg Verlag, 2014
16,95€

Stand: 25.05.2019, 00:00