Faszinierende Flechten

Eine hier ziemlich weit verbreitete Flechtenart ist diese Gelbflechte

Faszinierende Flechten

Von Sabine Krüger

Sie heißen Becherflechte, Landkartenflechte oder Orangegelber Schönfleck. Sie finden sie vielleicht auf Ihrem Dach und eventuell auch in der Schachtel von Ihrer Modelleisenbahn. Wir tauchen ein in die Miniatur-Welt der Flechten.

Überlebenskünstler Flechten

Flechten sind eher unscheinbar, bringen aber auch Farbe in den Winterwald. So richtig schätzen lernt man diese geheimnisvollen Lebewesen aber erst mit sachkundiger Führung und Lupe. 

Biologe Andreas Engelen

Der Biologe Andreas Engelen hat für seine Doktorarbeit in der Antarktis an Flechten geforscht. Heute führt er als ausgebildeter Auen-Erlebnis-Begleiter durch die Urdenbacher Kämpe bei Düsseldorf und stellt Interessierten die hiesigen Flechtenarten vor. Dabei lernt man, nicht achtlos an Baumrinden und Holzpfosten vorbei zu gehen.

Der Biologe Andreas Engelen hat für seine Doktorarbeit in der Antarktis an Flechten geforscht. Heute führt er als ausgebildeter Auen-Erlebnis-Begleiter durch die Urdenbacher Kämpe bei Düsseldorf und stellt Interessierten die hiesigen Flechtenarten vor. Dabei lernt man, nicht achtlos an Baumrinden und Holzpfosten vorbei zu gehen.

Flechten sind eine Lebensgemeinschaft (auch: Symbiose) von Pilzen und Algen. Oben ist eine schützende, aber lichtdurchlässige Rinde und darunter eine Algenschicht, in der Fotosynthese stattfindet. Wiederum darunter ist ein lockeres Geflecht aus Pilzfäden, das auch Wasser speichert, und zum Schluss gibt es nochmals eine Rinde mit Rhizinen. Die Rhizinen sind die Wurzeln der Flechten, die zwar keine Nährstoffe aufnehmen, aber die Flechten am Untergrund verankern.

Hier auf diesem Pfosten wächst die Furchen-Schlüsselflechte (Parmelia sulcata). Sie ist eine der häufigsten Flechtenarten in Mitteleuropa, denn sie verträgt auch sauren Regen relativ gut. Mit hohem Stickstoffgehalt kommt sie dagegen nicht klar. Intensive Landwirtschaft, in der viel gedüngt wird, wäre demnach schlecht. Kein Wunder also, dass sie sich hier im Naturschutzgebiet gut entwickelt.

Auf dem nächsten Pfosten dominiert die Becherflechte (Cladonia). Aus Schuppen am Boden wachsen gestielte Becher. Mit der Lupe kann man an deren oberen Enden eine braune Verfärbung erkennen. Das sind die Fruchtkörper des Pilzes der Flechte. Von der Gattung Cladonia gibt es weltweit circa 350 Arten, in Mitteleuropa über 70.

Die Urdenbacher Kämpe ist ein Naturschutzgebiet zwischen Düsseldorf und Monheim, das von der Biologischen Station im Haus Bürgel betreut wird. Derzeit fallen vor allem die Misteln in den Pappeln ins Auge. Spaziergänger sollten zum Schutz der artenreichen Wiesen bitte auf den Wegen bleiben. Teilnehmer der Führungen, wie die von Andreas Engelen, dürfen auch über die Wiese zum mächtigen Totholz-Haufen.

Gleich mehrere Flechtenarten haben diesen abgestorbenen Ast bunt bemalt. "Flechten gibt es in allen Schattierungen von Gelb bis Orange, aber auch sehr dunkle bis schwarze. Es gibt Grüntöne in allen Variationen. Aber wenn Flechten trocken sind, dann sind sie meistens silbergrau", so der Biologe. In der Regel siedeln sich Flechten an der Wetterseite von Bäumen an, da sie zum Wachsen Wasser brauchen.

Die Gelbflechte (Xanthoria parietina) ist bei uns sehr häufig. Man erkennt sie daran, dass sie, anders als die gelben Flechten im vorherigen Foto, klar umrissen ist, und zwar blätterförmig. Die Gelbflechte zählt also zu den Blattflechten. Sie liebt es nährstoffreich und kommt meist auf Laubbäumen vor, aber auch auf Mauern, Steinen, verrostetem Blech und auf Dachziegeln.

Früher hat man mit der Gelbflechte auch Wolle gefärbt. Andreas Engelen hat das zuhause auch versucht: Er hat ein daumennagelgroßes Stück der Flechte zwei Tage lang in Alkohollösung gelegt. Und siehe da, es bildet sich ein gelber Farbstoff. Der sei allerdings nicht sehr intensiv und verblasse schnell, weshalb sich dieser nicht durchgesetzt habe.

Die genaue Struktur der Flechten erkennt man oft erst mit der Lupe. Diese Gefranste Wimpernflechte (Anaptychia ciliaris) hat an ihren Randbereichen ganz dünne Fäden. Diese Art kommt nur da vor, wo es wenig Schadstoffe gibt, ist also ein Hinweis auf reine Luft. Mithilfe solcher Flechten untersucht die Biologische Station auch die Luftqualität der Stadt Düsseldorf.

Das Totholz, die hohlen Bäume und die Streuobstwiesen, die es in der Urdenbacher Kämpe ebenfalls gibt, sind natürlich auch ein wertvoller Lebensraum für Steinkäuze. Hier und da liegen zudem Röhren als Nisthilfen für die Vögel in den Obstbäumen. Die Rundgangs-Teilnehmer werden bei ihren Spaziergängen künftig aber auch die verschiedenfarbigen Flechten würdigen.

Faszinierende Flechten

WDR 4 Drinnen und Draußen | 25.11.2017 | 02:37 Min.

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Zweck-Wohngemeinschaft Flechte

Diese unscheinbaren Farbflecken an Baumrinden, Mauern oder Gehwegplatten sind meist Flechten, also lebende Organismen. Und zwar eine Lebensgemeinschaft (Symbiose) von Pilz und Alge. In dieser Zweck-WG liefert der Pilz das Haus, also die schützenden vier Wände. Und die Alge produziert Nährstoffe. Denn sie betreibt Fotosynthese, bei der Zucker entsteht. Dafür braucht sie Licht und Wasser. Die Rinde der Flechte lässt genau so viel Licht durch, dass die darunterliegende Alge Fotosynthese betreiben kann. Und ihr Pilzgeflecht speichert Wasser. Licht und Wasser sorgen dafür, dass Flechten wachsen können.

Alle Maschinen auf Null

Wenn kein Wasser zur Verfügung steht, kann die Flechte alle ihre Funktionen runterfahren. Sie wächst erst wieder, wenn sie Wasser bekommt. "Das nennt man den Zustand des latenten Lebens", erklärt der Biologe Andreas Engelen, der siebzehn Naturbeobachter durch die Urdenbacher Kämpe führt. Sie alle wollen mehr erfahren über Flechten. "Das Faszinierende an Flechten ist, dass sie in dem Paket Pilz und Alge alles mitbringen, was sie brauchen, um Standorte erschließen zu können", so Engelen. Dank des Zustands des latenten Lebens und ihrer besonderen Bauweise überleben Flechten auch an Extrem-Standorten.

Überleben in kärgsten Regionen

Flechten besiedeln Tropenwälder, wo sie in langen Bändern von den Bäumen hängen, sie leben im Hochgebirge, in der Wüste und in der Antarktis. In der Antarktis hat Andreas Engelen an Flechten geforscht. Dort gibt es auf den eisfreien Berggipfeln im Winter bis -40 Grad und durch die Reflektion des Eises auch extreme Lichtverhältnisse. "Das alles stellt höchste Anforderungen an den Fotosynthese-Apparat der Alge. Dazu bildet der Pilz der Flechte zum Beispiel Melanin, der die Alge vor zuviel Licht schützt. Übrigens ein Stoff, den wir auch in uns tragen", erklärt der Biologe.

Farbstoff, Heilmittel, Friedhofs-Deko und Modellbahn-Zubehör

Menschen haben auch immer wieder versucht, Flechten zu nutzen. "Aus der Gelbflechte wurde früher gelber Farbstoff gewonnen. Das Isländische Moos, eine Flechtenart, wird beispielsweise gegen Husten eingesetzt. Es ist aber auch Dekomaterial in Friedhofs-Gestecken und Modellbahn-Zubehör. Dafür werden die Flechten chemisch behandelt, damit sie weich bleiben. In der Natur werden Flechten bei Trockenheit hart", so Engelen. Zudem sei die Rentierflechte in Nordeuropa auch eine eiserne Reserve, wenn die Tiere keine anderen Nährstoffe mehr finden. Mit seiner zweistündigen Führung hat der Biologe den Teilnehmern eine ganz neue Welt eröffnet.

Lesetipps

Farne, Moose & Flechten
Autoren: Bernhard Marbach, Christian Kainz
BLV Buchverlag, 2010
9,95 €

Stand: 25.11.2017, 00:00