Winterschnitt an jungen Obstbäumen

Christian Platz sägt einen Ast mit einer klassischen Frischolzsäge ab

Winterschnitt an jungen Obstbäumen

Von Sabine Krüger

Auch Bäume brauchen Erziehung – und zwar von Anfang an. Nicht nur, damit sie viel leckeren Ertrag bringen. Ein Schnitt-Workshop auf der Streuobstwiese am Kloster Knechtsteden.

Winterschnitt an jungen Obstbäumen

WDR 4 Drinnen und Draußen 28.11.2020 02:19 Min. Verfügbar bis 28.11.2021 WDR 4 Von Sabine Krüger


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Junge Bäume erziehen für Gesundheit und Ertrag

Von Sabine Krüger

Auch Bäume brauchen Erziehung - und zwar von Anfang an. Nicht nur damit sie viel leckeren Ertrag bringen. Ein Schnitt-Workshop auf der Streuobstwiese am Kloster Knechtsteden.

Rolf Behrens (links) und Christian Platz (rechts) neben einem jungen Klarapfelbaum

Diesem jungen Klarapfel auf der Streuobstwiese bei Kloster Knechtsteden in Dormagen geht es an den Kragen, oder besser "an die Krone". Der Workshop zum Jungbaumschnitt der Biologischen Station Rhein-Kreis Neuss und des BUND NRW fiel dem Teil-Lockdown zum Opfer. Rolf Behrens vom BUND NRW (links) und Christian Platz, Geograph und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biostation (rechts) ermöglichten einen Crashkurs für die WDR4-Gartenreihe "Drinnen und Draußen".

Diesem jungen Klarapfel auf der Streuobstwiese bei Kloster Knechtsteden in Dormagen geht es an den Kragen, oder besser "an die Krone". Der Workshop zum Jungbaumschnitt der Biologischen Station Rhein-Kreis Neuss und des BUND NRW fiel dem Teil-Lockdown zum Opfer. Rolf Behrens vom BUND NRW (links) und Christian Platz, Geograph und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biostation (rechts) ermöglichten einen Crashkurs für die WDR4-Gartenreihe "Drinnen und Draußen".

Zunächst zeigt Christian Platz, wie viel Zuwachs der Klarapfel im letzten Jahr gemacht hat: "Den Neuaustrieb erkennt man daran, dass er dunkler ist als der Rest des Astes. Zudem entwickeln sich an diesem einjährigen Holz ausschließlich Blattknospen mit einer einzigen Blütenknospe an der Spitze, der sogenannten Terminalknospe. Darunter kommt das zwei- und dreijährige Holz, an dem, abhängig von der Sorte, dann erst die ersten Blütenknospen erscheinen." Hier ist der Neuaustrieb also eine starke Handlänge lang gewachsen.

Um den Unterschied zwischen Blütenknospe und Blattknospe zu verdeutlichen, zeigt Christian Platz mit seinem rechten Mittelfinger auf die dickere Blütenknospe weiter oben und mit seinem Zeigefinger auf die kleinere, dünnere Blattknospe weiter unten vorne am Ast. Blattknospen liegen eng am Ast an, während sich Blütenknospen an einem Kurztrieb bilden. Beides zu unterscheiden ist wichtig, damit man beim Schnitt Äste mit Blütenknospen vorzugsweise wachsen lässt.

Hier demonstriert Christian Platz, dass sich häufig direkt neben einer alten Blütenknospe (hier hinten) auch eine neue bildet (hier vorne): "Deswegen sollte man nicht alle Äpfel mit dem Teleskop-Pflücker pflücken, denn dabei reißt man oft einen Teil des Astes mit ab und damit auch weitere Blütenknospen, aus denen sich sonst weitere Früchte entwickelt hätten."

Aber jetzt zum Ziel des Jungbaumschnitts. "Es gibt verschiedene Philosophien. Wir erziehen die Bäume zu einer Art Pyramide mit dem Stamm und der Stammverlängerung in der Mitte des Baumes. Sie bildet den höchsten Punkt", erklärt Platz und umfasst zur Verdeutlichung die Stammverlängerung. "Neben dieser Stammverlängerung sucht man sich drei oder vier Leitäste, die sternförmig oder in alle Himmelsrichtungen aus dem Stamm wachsen. Möglichst nicht alle auf gleicher Höhe, sondern in einem Abstand von circa 20 Zentimetern."

Damit der Baum sonnenverwöhnte süße Früchte bilden kann und gesund bleibt, muss die Krone gelichtet werden. Denn genügend Licht und Luft in der Krone beugt Pilzen und Krankheiten vor. "Deshalb lichte ich jetzt die Krone aus. Dazu schneide ich alles, was von den Leitästen nach innen wächst, raus. Und zwar von der Leiter aus mit der Rosenschere, weil ich so gezielt schneiden kann", so Platz.  

Wichtige Regel dabei: "Keine Kleiderhaken stehen lassen!". Hält man die Rosenschere falsch herum, kommt man nicht nah genug an den Austrieb heran. "Das nennt man 'auf Astring schneiden'", erklärt Christian Platz, "das heißt nah an der Verdickungsstelle, aus der der Ast austreibt. Nur so kann der Baum die Schnittwunde ‚überwallen‘, also überwachsen und schließen, ohne dass Krankheiten eindringen."

Hier zeigt Christian Platz, wie man es richtig macht: Am Astring setzt man die schmale Seite der Bypass-Schere an und kann so dichter am Austrieb einen sauberen Schnitt durchführen.

Das Ergebnis ist ein perfekter Schnitt, den der Baum gut überwachsen kann: eine kreisrunde Fläche, die wenig Angriffsfläche für Pilze und Krankheiten bietet mit einer glatten Oberfläche. Also weder von einer stumpfen Schere gequetscht noch von einer ungeschliffenen Säge ausgefranst.

Für dickere Äste muss die Säge herhalten. Christian Platz arbeitet sowohl mit neuen Zugsägen, als auch mit klassischen Sägen: "Bei den klassischen Sägen kann ich die Blätter auswechseln, insofern sind sie vielleicht die nachhaltigere Variante, wobei ich die Zugsägen auch nachschärfen kann. Wichtig ist, dass man eine Frischholzsäge nimmt, also keinen sogenannten Fuchsschwanz für Trockenholz. Und dass man die Säge im rechten Winkel zum Ast ansetzt, um  wieder einen möglichst kleinen runden Schnitt zu erreichen."

Da, wo es mit der Leiter zu wackelig wird, arbeitet Christian Platz mit der Teleskopschere. "Das, was man weggeschnitten hat, lässt man unter dem Baum liegen und räumt es nicht weg. So behält man einen Überblick über das, was man entfernt hat. Eine Regel lautet: Nicht mehr als ein Drittel rausschneiden, denn je mehr man entnimmt, desto stärker treibt der Baum im nächsten Jahr nach." Deshalb: Besser jedes Jahr ein wenig schneiden als lange Jahre gar nicht, dann aber viel. Christian Platz empfiehlt, vom ersten bis zum achten Standjahr jährlich zu schneiden.

Durch die Teleskopschere läuft eine Schnur, die Christian Platz unten am Griff nach unten zieht. Oben ist die Schnur mit einer Kette verbunden, die dann den Schnitt mit der Schere auslöst: "Mit etwas Übung kann man auch mit der Teleskopschere gezielt schneiden. Die ersten Schnitte setzt man am besten etwas weiter oben von der eigentlichen Schnittstelle an, sodass man ein paar Mal üben kann, bis man da hin kommt, wo man tatsächlich schneiden möchte."

So sieht der Klarapfelbaum nach dem Schnitt aus: Die Stammverlängerung wächst als höchster Punkt aus dem Foto heraus. Die Leitäste streben in alle Himmelsrichtungen in einem Winkel zwischen 45 und 90 Grad vom Stamm weg, auf unterschiedlichen Höhen. Deren Verlängerungen enden aber jeweils mit einer Terminalknospe auf gleicher Höhe. "So ist die sogenannte Saftwaage gewährleistet. Das heißt, dass alle Leitäste gleichmäßig mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden. Ich bin zufrieden!", bilanziert Christian Platz.

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Stand: 25.11.2020, 12:10