Von wegen Tanne!

Reflektionen von Wassertropfen hängen wie Christbaumkugeln an einer türkischen Fichte

Von wegen Tanne!

Von Sabine Krüger

Advent ohne Tanne, Fichte, Kiefer? Kaum vorstellbar. Aber: Wetten, dass Sie noch nie Weihnachtsdekoration mit Tannenzapfen hatten? Ein Rundgang im Botanischen Garten Rombergpark.

Von wegen Tanne!

WDR 4 Drinnen und Draußen 19.12.2020 02:26 Min. Verfügbar bis 19.12.2021 WDR 4 Von Sabine Krüger


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O Tannenbaum, O Fichte, O Kiefer!

Von Sabine Krüger

Festlich sind sie, die Adventsgestecke, -Sträuße und Bäumchen, die jetzt unsere Wohnungen schmücken. Aber wissen Sie auch, was genau bei ihnen auf dem Tisch oder Teppich steht?

Der Direktor des Botanischen Gartens Rombergpark Patrick Knopf schnuppert an einer Douglasie

Der Direktor des Botanischen Gartens Rombergpark in Dortmund  Patrick Knopf schnuppert genüsslich an einem Nadelbaum: "Hmmm, das riecht nach Weihnachten, ein Duft von Tanne und Orange!" Tatsächlich handelt es sich hier aber um eine Douglasie. Umgangssprachlich bezeichnen wir, gerade im Advent, gerne alle Nadelhölzer als Tannen. Da bringt der Botaniker, nach seiner ersten laxen Äußerung, nun Ordnung rein. 

Der Direktor des Botanischen Gartens Rombergpark in Dortmund  Patrick Knopf schnuppert genüsslich an einem Nadelbaum: "Hmmm, das riecht nach Weihnachten, ein Duft von Tanne und Orange!" Tatsächlich handelt es sich hier aber um eine Douglasie. Umgangssprachlich bezeichnen wir, gerade im Advent, gerne alle Nadelhölzer als Tannen. Da bringt der Botaniker, nach seiner ersten laxen Äußerung, nun Ordnung rein. 

Auch typisch weihnachtlich für uns ist der Duft von Harz. "Harz ist für die Bäume ein Wundverschluss-Mittel, damit keine Pilze oder andere Krankheitserreger eindringen können", erklärt Patrick Knopf. "Was man hier auch gut sehen kann: Die Borke von Tannen ist nicht so tiefrissig wie bei Fichten oder Kiefern, sondern glatt." Hier handelt es sich um eine Edeltanne oder auch Nobilis-Tanne. Weil ihre Äste etwas zu schwach für Christbaumschmuck sind, verwendet man sie eher für Gestecke.

Am beliebtesten in Deutschland ist allerdings die Nordmanntanne: Ungefähr 75 Prozent der verkauften Weihnachtsbäume sind Nordmänner. "Die Bäume kommen aber nicht aus Skandinavien, sondern aus dem Kaukasus", klärt der Park-Direktor auf. "96 kleine Nordmänner haben wir hier gepflanzt. Ein Gartencenter hatte sie als Gag im Topf für zuhause angeboten. Aber bis aus so einem Zwerg ein Weihnachtsbaum wird, das dauert acht Jahre. Wir haben die Ladenhüter aufgekauft, um unseren Besuchern später mal zeigen zu können, dass eine Nordmanntanne bis zu 30 Meter hoch werden kann."

Sehr schön ist auch die Kolorado-Tanne aus der westlichen Sierra Nevada: "Noch ist sie bei uns nicht weit verbreitet als Weihnachtsbaum, aber sie hat besonders große blaubereifte Nadeln und die behält sie auch. Zudem hat sie einen schönen Eigengeruch. Sie wird inzwischen in Deutschland vermehrt angebaut und demnächst sicher als ‚blauer Nordmann‘ in den Handel kommen", prophezeit Patrick Knopf.

Auch bei der Blaufichte ist die bläuliche Färbung der Nadeln ein Zeichen dafür, dass der Baum in trockenen Gebieten besonders gut zurechtkommt. "Diese Wachsschicht hält die Verdunstung gering und reflektiert Licht. Die Blaufichte wächst im östlichen Amerika und ist dort heute noch der beliebteste Weihnachtsbaum, weil er auch wirklich nach Weihnachten duftet, wenn er im Wohnzimmer steht", so der Park-Direktor.

Die Gattung der Fichten umfasst ungefähr 50 Arten und ist in der kompletten Nord-Halbkugel verbreitet. "Hier sehen wir von links nach rechts, zuerst die mit den Zapfen oben drin, Amerikanische Rotfichten. Dann die Himalaya-Fichte aus Nordindien, von wo auch der Darjeeling Tee kommt. Und ganz rechts die Ajan-Fichte, ebenfalls aus Asien."

Die Knospen der Amerikanischen Rotfichte sind fast genauso orangerot wie die Brust des Rotkehlchens. "Besonders an dieser Fichte sind die sehr harten Nadeln. Wenn man daran reibt, klingt das fast wie Plastik. Das ist wieder ein Hinweis darauf, dass diese Pflanze auf trockenen Standorten sehr gut zurechtkommt. Sie speichert im Innern dieser derben Nadeln das Wasser", erklärt der Botaniker.

Die Nahaufnahme zeigt, dass die Fichte aus Darjeeling besonders lange Nadeln hat. "Lange Nadeln deuten auf einen Standort mit hoher Luftfeuchtigkeit hin. Asiatische Fichtenarten brauchen viel mehr Wasser als die amerikanischen, die an Trockenheit gewöhnt sind", so Knopf.

Patrick Knopf feiert mit seiner Familie und seinem türkisch-stämmigen Lebenspartner mit einer kleinen türkischen Fichte Weihnachten. "Die haben wir seit zwei Jahren als Topfpflanze. Türkische Fichten tragen schon jung kleine hängende rote Zapfen und sie haben sehr kurze Nadeln. Dadurch wirken sie kompakter. Jedes Jahr kommt unsere türkische Fichte ein, zwei Wochen ins Wohnzimmer. Länger sollte man das nicht machen, weil die Bäumchen sonst einen Kälteschock bekommen, wenn sie wieder rausgesetzt werden."

Von Fichten und Tannen kann man Kiefern generell gut unterscheiden. Ein Erkennungsmerkmal unserer heimischen Wald-Kiefer ist, dass ihr Stamm oben orangerot ist und nach unten hin grau wird, beziehungsweise bei Regen fast schwarz. Patrick Knopfs Merksatz: "Oben rot und unten grau, es ist 'ne Kiefer, ich seh's genau!"

Regentropfen biegen die ohnehin schon langen silbrigen Nadeln der Tränen-Kiefer nach unten. "Als Weihnachtsbaum wird sie zwar nicht verwendet, dafür ist sie zu licht, aber dennoch hatte sie wahrscheinlich jeder schon mal bei sich zuhause. Nämlich im Adventsstrauß zusammen mit einer Amaryllis. Selbst wenn die Blumenvase mal trockenfällt und die Amaryllis längst verblüht ist, hält sich die Tränen-Kiefer immer noch."

Diese Ponderosa-Kiefer ist noch jung, ihre Nadeln sind aber schon so lang wie die Hand von Patrick Knopf. Bei erwachsenen Bäumen erreichen sie eine Länge von bis zu 25 Zentimeter. Diese Kiefernart kann bis zu 25 Meter hoch und acht Meter breit werden. Sie kommt ursprünglich aus den Rocky Mountains und ist der offizielle Staatsbaum des US-amerikanischen Bundesstaats Montana.

"Übrigens tragen Nadelgehölze schon lange vor uns Mundschutz", scherzt Patrick Knopf. "Auf der Unterseite der Triebe haben die Nadeln weiße Striche, die sogenannten Stomabänder. Das sind Atemöffnungen, wie unser Mund, wo Sauerstoff rein und raus kann. Und diese Öffnungen sind mit Wachs belegt, vergleichbar mit unserem Mundschutz. Nur dass der hier nicht vor Krankheiten schützen soll, sondern vor Wasserverlust. Also genau das, was Brillenträger beim Mundschutz stört, nämlich dass es darunter immer so feucht ist, schützt hier die Pflanze vor dem Austrocknen."

Zum Schluss gibt es noch kompakte Bestimmungshilfen, um die verschiedenen Nadelgehölze voneinander zu unterscheiden. Die Kiefer macht es uns leicht, weil bei ihr die Nadeln nicht einzeln aus den Ästen wachsen, sondern immer gebündelt an einem Trieb. "Die einzelnen Kiefernarten unterscheiden sich dadurch, ob aus einem Trieb zwei, drei oder fünf Nadeln wachsen. Bei unserer heimischen Wald-Kiefer sind es zwei", so Knopf.

"Reißt man von einer Tanne Nadeln ab, dann sehen die Enden aus wie die Saugnäpfe von Tintenfischen", erklärt der Botaniker anschaulich.

Ausgerissene Fichtennadeln haben dagegen braune kleine Schwänzchen an den Enden. Das sind Späne von der Rinde.

Bei Fichten hängen die Zapfen von den Zweigen nach unten, bei Tannen und Lärchen sitzen sie oben auf.

Besonders schön sind die großen bananenförmigen Zapfen der Tränen-Kiefer. Kiefernzapfen zeigen auch das Wetter an: Bei schönem Wetter öffnen sich ihre Schuppen und bei Regen schließen sie sich.

Und dies sind Teile eines mutwillig abgebrochenen Tannenzapfens. So viel davon sieht man normalerweise nicht auf dem Waldboden. Denn Tannenzapfen fallen nicht in Gänze herunter, sondern lassen nur ihre einzelnen Samen auf den Boden segeln. "Deshalb kann man nie Tannenzapfen für die Weihnachts-Deko verwenden, das sind immer entweder Fichten- oder Kiefernzapfen", klärt Patrick Knopf auf.

Dieses Jahr schmücken sich die Linden im Rombergpark mit einer kleinen Kiefernallee in Kübeln zu ihren Füßen. "Sie sind dekoriert mit Holz-Spielzeug,  produziert von der Jugendgerichtshilfe, und mit Mini-Äpfeln von unserer Streuobstwiese, die zu klein waren zum Versaften. Willkommene Nahrung für die Vögel und einfach eine schöne stimmungsvolle Lindenallee in der Adventszeit", findet der Park-Direktor, der die Kiefern später natürlich auch im Park auspflanzen wird.

Lesetipps

Tannen. Ein Porträt (Reihe Naturkunden)
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20 €

Die wildwachsenden und kultivierten Laub- und Nadelgehölze Mitteleuropas. Beschreibung, Herkunft, Verwendung
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Stand: 18.12.2020, 11:31