Im Stall zu Wegberg – Altersruhesitz für Milchkühe

Das männliche Kalb Filou

Im Stall zu Wegberg – Altersruhesitz für Milchkühe

Von Sabine Krüger

Wir berichten aus dem Stall – nicht zu Bethlehem, sondern zu Wegberg. Dort wurde aus einem Milchviehbetrieb ein Gnadenhof für Kühe. Wir stellen Ihnen Erika und ihre Freunde vor.

Im Stall zu Wegberg – Altersruhesitz für Milchkühe

WDR 4 Drinnen und Draußen 26.12.2020 02:24 Min. Verfügbar bis 26.12.2021 WDR 4 Von Sabine Krüger


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Verdienter Lebensabend für Erika und ihre Freunde

Von Sabine Krüger

56 Kühe und Ochsen leben auf dem Hof der Michiels in Wegberg. Zum Schlachter wird hier kein Tier mehr gebracht. "Denn Kühe haben auch Charakter und Gefühle", so Wilma Michiels.

Heinz und Wilma Michiels, in der Mitte Kuh Alma

Heinz Michiels betrieb Milchwirtschaft auf seinem Hof in Wegberg als er vor 14 Jahren heiratete. Der alleinerziehenden Kinderpflegerin waren Tiere schon immer wichtig. Wilma Michiels war dann auch die treibende Kraft für die Gründung des Gnadenhofs als sich die Milchwirtschaft nicht mehr lohnte: "Ich wollte den Tieren das zurückgeben, was sie uns jahrelang gegeben haben." Schon lange ertrug sie es nicht mehr, wenn Ihr Mann Tiere zum Schlachter fuhr.

Heinz Michiels betrieb Milchwirtschaft auf seinem Hof in Wegberg als er vor 14 Jahren heiratete. Der alleinerziehenden Kinderpflegerin waren Tiere schon immer wichtig. Wilma Michiels war dann auch die treibende Kraft für die Gründung des Gnadenhofs als sich die Milchwirtschaft nicht mehr lohnte: "Ich wollte den Tieren das zurückgeben, was sie uns jahrelang gegeben haben." Schon lange ertrug sie es nicht mehr, wenn Ihr Mann Tiere zum Schlachter fuhr.

Eine weitere Hauptrolle in der Entwicklung spielte Kuh Erika. "Sie war im Dorf bekannt wie ein bunter Hund, weil sie immer wieder ausgebüxt ist. Sie hat uns gezeigt, dass ein Leben in Freiheit schöner ist als angebunden im Stall. Und sie hat uns gezeigt, dass Kühe nicht nur zur Milchproduktion da sind, sondern Lebewesen sind mit Herz und Gefühlen", so Wilma Michiels.

Vor allem Wilma Michiels Sohn Christian hatte eine besondere Beziehung zu Erika. Nicht nur, weil er sie damals ausgesucht hatte. Als sie sehr krank wurde, hatte er Tag und Nacht bei ihr gesessen bis sie wieder gesund war. "Und das hat Erika ihm auch gedankt. Wenn Christian kam, ist Erika ihm hinterhergelaufen", erzählt Wilma Michiels. Leider musste die Familie die 18-jährige Erika Anfang dieses Jahres einschläfern lassen. Aber sie lebt im Namen des Gnadenhofs weiter, den die Familie vor sechs Jahren gegründet hat. Er heißt "Erika and friends", also "Erika und ihre Freunde".

Aktuell leben auf dem Hof 56 Kühe und Ochsen. Zum Großteil Tiere, die schon zum Milchviehbetrieb gehörten, aber 24 davon sind neu dazugekommen. "Die Bullen kastrieren wir. Hier werden keine Kälber mehr geboren und damit geben die Kühe auch keine Milch mehr. Viele Menschen wissen gar nicht, dass Kühe nur Milch geben, wenn sie Kälber haben. Ich finde es wichtig aufzuklären", sagt Wilma Michiels.

Ema ist das inzwischen selbst längst ausgewachsene Kalb von Erika und genauso charakterstark. "Mir tat es total leid zu sehen, dass Ema dieses Jahr wie immer ihre Mutter suchte, als sie von der Weide in den Stall kam", meint Sabrina Hötz, die Lebensgefährtin von Wilma Michiels Sohn Christian. Die Farbe von Emas Fell erinnert eher an einen Dalmatiner und mit ihren langen weißen Wimpern ist sie eine echte Schönheit.

Der schwarzbunte Ochse rechts ist Otto. Mit seinem schiefen Gesicht war er für die Zucht ungeeignet. "Wenn es gut läuft, werden solche Tiere eingeschläfert. Manchen Bauern ist das zu teuer", sagt Wilma Michiels und geht lieber nicht ins Detail. "Das liegt aber auch daran, dass die Landwirte zu wenig Geld für ihre Arbeit bekommen. Wir brauchen Klasse statt Masse! Früher hatte man zehn Tiere. Warum brauchen wir heute Tausende für Billigfleisch?"

Diese "kuh-le Gang" sind von links nach rechts: Ella, McFresh und Milka. Milka war mit ihrer Schwester Lola (nicht im Foto) ein ungewöhnliches "Reise-Mitbringsel" aus dem Allgäu-Urlaub. Wilma Michiels erzählt schmunzelnd: "Da sollten zwei Tiere zum Schlachter, ich guckte meinen Mann an und er wusste sofort Bescheid. Also haben wir die beiden Kühe gekauft. Und nachdem wir wieder heimgefahren waren, sind wir direkt wieder zurück ins Allgäu, um die beiden Kühe abzuholen."

Auch Big Mama (links) sollte zusammen mit sechs anderen Kühen zum Schlachter. Der Landwirt, der sie nicht mehr haben wollte, fuhr aber zuerst zu den Michiels: "Wir haben sie ihm abgekauft. Die Tiere waren total verwahrlost, aber bei uns haben sie sich erholt, noch Kälber bekommen und Milch gegeben. Big Mama war immer eine sehr fürsorgliche Mutter."

Jetzt kümmert sich die 14-jährige alte Dame um die in diesem Jahr neu eingetroffenen Kälber Filou und Fee. Hier zeigt sie mit Fee, dass sie ihren Namen verdient hat. "Seitdem die Kälber da sind, ist Big Mama wieder viel fideler geworden", stellt die Tierfreundin fest.

"Fee und Filou haben Tierschützer vom Viehhändler freigekauft und bei uns angerufen, ob wir Platz hätten. Die beiden waren völlig unterernährt, wir haben sie aufgepäppelt und jetzt sind das richtige Brocken geworden", freut sich Wilma Michiels.

Auch Alma kam dieses Jahr auf den Hof. Sie wurde zusammen mit Muhlan vom Veterinäramt an die Michiels vermittelt: "Die beiden kamen aus grausamen Verhältnissen. Die Tiere lagen in ihren eigenen Exkrementen und über ihnen tote Kälber. Als erstes musste man ihnen das Fell abrasieren. Unvorstellbar!".

Das ist Muhlan. "Beide sind richtig rund und zutraulich geworden. Am Anfang waren sie total ängstlich, aber jetzt kann man zu ihnen reingehen und sie streicheln. Da sieht man, wie Tiere es einem danken, wenn man sie gut behandelt."

Gilah gehört zu einer Gruppe Kühe, die in Dresden für die Ausbildung von Studierenden für Tiermedizin eingesetzt wurden. Sie wurden zu den Michiels gebracht, damit sie noch einen schönen Lebensabend haben. Leider wurde Gilah von anderen Kühen gestoßen, weshalb sie zurzeit auf der Weide steht, damit sie bald behandelt werden kann.

Einem sehr guten Tierarzt verdankt Hope, dass sie heute gesund im Stall stehen kann. Sie wurde mit zu kurzen Sehnen in den Beinen geboren. Wilma Michiels hat die Therapie tatkräftig unterstützt. Jetzt leckt Hope liebevoll den kleinen schwarzgelockten Georgie.

Auch von Wilma Michiels bekommt Georgie noch ein paar Streicheleinheiten: "Dieser kleine Angus-Bulle wurde aussortiert, weil er nicht zur Zucht geeignet ist. Er ist dem Tierarzt, bei dem er in Behandlung war, immer hinterhergelaufen, weshalb dieser Paten für ihn gesucht hat, damit er bei uns bleiben kann."

"Ich bin allen Spendern und Paten dankbar, dass sie mir meinen Traum ermöglicht haben, unseren Gnadenhof zu gründen!", sagt Wilma Michiels, denn das Leben der Tiere muss finanziert werden. "Wir suchen weiterhin Paten", ergänzt ihr Mann Heinz. "Besonders Veganer unterstützen uns", stellt er fest. Selbst lebt das Ehepaar nicht vegan: Wilma Michiels ist Vegetarierin, möchte aber auf Milch nicht verzichten. Heinz Michiels isst weniger Fleisch als früher. 

Die Ziegen Kassandra, Kriemhild und Bock Marley (von links) leben auch auf dem Hof. Wilmas Sohn Christian hat Kriemhild vor dem Schlachter gerettet und ihn seiner Lebenspartnerin zum Jahrestag geschenkt. Damit Kriemhild nicht die einzige Ziege ist, hat Wilma Michiels noch Kassandra dazu geholt. Bock Marley wurde vom Tierschutz in Düsseldorf beschlagnahmt und kam so auf den Gnadenhof.

Wer den Hof der Familie Michiels besucht, wird auch von Schaf Bubu begrüßt. Ein aufgewecktes interessiertes Tier. Seine vorherigen Besitzer hatten keinen Platz mehr für ihn und baten die Michiels ihn aufzunehmen.

"Die Menschen sollen sich nicht nur das Fleisch in der Auslage ansehen, sondern auch die lebenden Tiere, dann überdenken sie vielleicht ihren Fleischkonsum", wünscht sich Wilma Michiels. Sie hofft, bald auch wieder Kindergeburtstage auf dem Hof veranstalten zu können. Wegen Corona war das in der letzten Zeit leider nicht mehr möglich.

Lesetipps

Manifest für die Tiere
Autorin: Corine Pelluchon
Übersetzer: Michael Bischoff
C.H. Beck Verlag, 2020
12 €

Das geheime Leben der Kühe
Autorin: Rosamund Young
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
btb Verlag, 2018
15 €

Vegan-Klischée adé. Das Kochbuch
Autoren: Niko Rittenau, Sebastian Copien
Dorling Kindersley Verlag 2020
24,95 €

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Stand: 22.12.2020, 16:00