Slow-Flower-Floristik

Ein Slow-Flower-Strauß aus dem Atelier "Gabel und Spaten" in Marl

Slow-Flower-Floristik

Von Sabine Krüger

Bei Slow-Food geht es um regionale, saisonale und nachhaltige kulinarische Genüsse. Diesen Ansatz überträgt die Slow-Flower-Bewegung in die Floristik. Ein Atelier-Besuch in Marl.

Slow-Flower-Floristik

WDR 4 Drinnen und Draußen 06.03.2021 02:09 Min. Verfügbar bis 06.03.2022 WDR 4


Download

Sträuße für die Seele

Von Sabine Krüger

"Wie eine gute Flasche Wein, kann man sich auch einen wunderschönen Strauß gönnen", meint Meike Rohkemper. Sie und ihr Mann haben die deutsche Slow-Flower-Bewegung mitbegründet.

Bernhard und Meike Rohkemper auf einer Bank in ihrem Garten in Marl

"Wir sind Genießer und Ästhetiker", beschreibt Meike Rohkemper die Motivation, mit ihrem Mann Bernhard Rohkemper ein Floristik-Atelier zu eröffnen. Beide sind Autodidakten, aber "erblich vorbelastet". Sie ist Landschaftsökologin und als Kind im Floristikbetrieb ihrer Mutter aufgewachsen. Er ist Geograph und arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit. Ihren Floristikbetrieb "Gabel und Spaten" haben die beiden 2017 auf dem Baumschulgelände seiner Eltern in Marl eröffnet. 

"Wir sind Genießer und Ästhetiker", beschreibt Meike Rohkemper die Motivation, mit ihrem Mann Bernhard Rohkemper ein Floristik-Atelier zu eröffnen. Beide sind Autodidakten, aber "erblich vorbelastet". Sie ist Landschaftsökologin und als Kind im Floristikbetrieb ihrer Mutter aufgewachsen. Er ist Geograph und arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit. Ihren Floristikbetrieb "Gabel und Spaten" haben die beiden 2017 auf dem Baumschulgelände seiner Eltern in Marl eröffnet. 

Als sogenannte Farmer-Floristen bauen sie die Pflanzen, die sie für ihre Floristik verwenden, selbst an. "Wir bieten von März bis Dezember saisonale, nachhaltige und regionale Floristik an. Nachhaltig heißt: keine Pestizide, keine künstlichen Dünger, wir versuchen, Bio-Saatgut zu benutzen. Und wir kooperieren mit einem Imker, dessen Bienen unsere Blumen bestäuben. Weil wir uns mit anderen Farmer-Floristen vernetzen wollten, haben wir 2019 den deutschen Arm der Slow-Flower-Bewegung mitbegründet", erzählt Bernhard Rohkemper.

Das Floristik-Atelier ist für das Paar Leidenschaft und Nebenerwerb. "Nur im Januar und Februar ist das Atelier geschlossen. Es ist uns wichtig zu zeigen, dass es in allen anderen Monaten auch hier möglich ist, jahreszeitlich passende Floristik mit regionalen Pflanzen anzubieten", betont Meike Rohkemper. Jetzt, im Vorfrühling, gehören dazu blühende Sträucher wie von der Kornelkirsche. Sie liefert auch erstes Futter für Hummeln.

Bald werden die Narzissen aufblühen, die die Farmer-Floristen in diesem Beet anpflanzen. "Wir haben nicht nur die klassisch gelbblühenden, sondern auch weiße, gefüllte, mehrblütige Narzissen. Also eine große Vielfalt an Blüten, schon sehr früh im Jahr", so Meike Rohkemper.

Im Kalthaus, also einem energiesparenden, unbeheizten Gewächshaus – Teil des Nachhaltigkeitskonzepts – hat Meike Rohkemper die Materialien für einen jahreszeitlich passenden Strauß vorbereitet. Das Ganze wirkt an sich schon wie ein romantisches Stillleben, das man fast nicht für einen Strauß plündern möchte.

Beim Straußbinden beginnt Meike Rohkemper mit Kirsch- und Spireenzweigen. "Die ersten Zweige halte ich überkreuz. Die klassische Bindung ist eine Spiralbindung. Aber ich bin Autodidaktin und arbeite auch kreuz und quer. Alles was gefällt, ist erlaubt", schmunzelt sie. "Ich mache auch selten typische Rundsträuße, sondern binde eher asymmetrisch-fließende Formen, die an Gestecke erinnern."

"Bevor bald das frische Grün kommt, findet man jetzt, nach dem Frost, in der Natur eher rote und rostige Farben. Ich verwende auch gerne Kräuter in Sträußen, wie zum Beispiel Rosmarinzweige. Die hat der Frost auch dunkler gefärbt. Dazu nehme ich seltene rosablühende Weidenkätzchen und Zweige mit schwarzen Efeubeeren", so Meike Rohkemper.

Die ersten Blüten, die man jetzt findet, sind die von Lenzrosen. Die Ästhetin wählt für ihren Strauß verschiedene Sorten aus: weiß-himbeerfarben-gesprenkelte über dunkelrosa bis hin zu dunkel-violetten, fast schwarzen Blüten. Wichtig für die Haltbarkeit ist der richtige Reifegrad beim Pflücken der Lenzrosen: "Nämlich dann, wenn die Samenstände ausgebildet sind. Als Farmer-Floristin kann ich selbst entscheiden, wann ich pflücke, ein großer Vorteil."

"Die Lenzrosen sind die Augen des Straußes", erläutert Meike Rohkemper anschaulich. Immer wieder nimmt sie eine Pflanze nochmal raus und steckt sie woanders hin, wenn sie noch nicht zufrieden ist: "Die Pflanzen zeigen mir, wo sie hinwollen."

Nachdem sie noch orange-rost-bordeauxfarben schimmernde Blätter des Purpurglöckchens hinzugefügt hat, bindet sie alles fest zusammen. "Biologisch abbaubar mit Jute oder Bast. So kann der ganze Strauß, wenn er verblüht ist, auf den Kompost", ein weiterer Punkt, der ihre Floristik nachhaltig macht.

Damit die Pflanzen das handwarme Wasser in der Vase gut aufnehmen können, schneidet Meike Rohkemper die Lenzrosen mit einem scharfen Messer schräg an.

Aus dem gleichen Grund schlitzt sie die Stiele der holzigen Zweige im Strauß von unten mittig etwas auf.

Fertig ist der saisonale und regionale Slow-Flower-Strauß. Sehr apart sind vorne unten die pyramidal aufgebauten langen aubergine-farbigen Blätter einer Wolfsmilch. Fedrig-leichte Aspekte steuern links oben die verblühten Samenstände der Wilden Möhre bei und rechts oben die der Wiesenraute. Der Clou sind die weiß-leuchtenden Puschel der Clematis, die das eher dunkel wirkende bordeauxfarbige Gebinde aufhellen. 

Und mit diesen Materialien arbeiten Slow-Flower-Floristen für Gestecke: Statt Steckschaum verwenden sie Kenzan, auch Steckigel genannt, aus Metall (im Foto rechts vorne). Der kommt unten in das Behältnis rein, in dem das Gesteck präsentiert werden soll, hier ein Tontopf. Dann formt man Hasendraht so, dass er in das Behältnis passt und klebt ihn fest. Jetzt kann man die Pflanzen in Steckigel und Hasendraht stecken. Zum Schluss handwarmes Wasser einfüllen.

In Rost und Weiß gehalten, ist dieses edle Tulpen-Gesteck von Meike Rohkemper aus einer der letzten Garten-Saisons. Auf Tulpen müssen wir noch etwas warten. "Wir hoffen auch, dass wir bald wieder Floristik-Workshops in unserem Atelier anbieten dürfen", sagt Meike Rohkemper hinsichtlich der Corona-Einschränkungen.

Sie gibt einen Ausblick aufs Floristikjahr bei "Gabel und Spaten": "Nach den Tulpen und Narzissen, den Sträuchern und Stauden kommen die sorgfältig herangezogenen einjährigen Sommerblumen wie Cosmeen, Zinnien, Sonnenblumen und solche, die sich für Trockensträuße eignen, wie Jungfer-im-Grünen, Wilde Möhre, Wiesenraute. Dann folgen die Dahlien, wovon wir 100 verschiedene aus der Erbmasse von Bernhards Vater haben, und zum Schluss Chrysanthemen und Koniferen.

Lesetipps:

Mein wunderbarer Blumengarten. Floret Flower Farm
Autorin: Erin Benzakein, Übersetzerin: Karin Heimberger-Preisler
DVA, 2018
32 €

Natur und Handwerk. Kreatives aus der Floristik-Werkstatt
Autor: Klaus Wagener
Bloom’s Verlag, 2018
29,90 €

Bio-Schnittblumen aus dem eigenen Garten
Autorin: Margrit de Colle
Löwenzahn Verlag, 2015
29,90 €

Vintage Flowers. Zauberhafte Ideen für nostalgische Blumenarrangements
Autorin: Vic Brotherson
Thorbecke Verlag 2012
24,90 €

Stand: 03.03.2021, 15:58