Samentausch International

Hannah Gutberlet füllt Samen in eine Tüte

Samentausch International

Von Sabine Krüger

Zur Erhaltung seltener Arten tauschen Botanische Gärten untereinander ihr Saatgut: Ein Blick ins globale Tauschgeschäft der Botanischen Gärten Bonn und die Vielfalt der Samen.

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WDR 4 Drinnen und Draußen 18.01.2020 02:17 Min. Verfügbar bis 17.01.2021 WDR 4 Von Sabine Krüger


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Bonner Saatgut für die Welt

Nichts zu tun in den Botanischen Gärten im Winter? Von wegen! Die Bonner Freiluftgärtner kümmern sich um eine Kernaufgabe: den Samentausch mit anderen Botanischen Gärten weltweit.

Gärtnermeisterin Anett Krämer vor einer Weltkarte

"Wir stehen mit 650 Botanischen Gärten in Verbindung", sagt Anett Krämer stolz. Die 56-jährige Gärtnermeisterin arbeitet schon über 30 Jahre in den Botanischen Gärten Bonn, aktuell als Leiterin der Freiluftanlagen im Schlossgarten und dem Melbgarten. "Den Winter nutzen wir für den Samentausch mit anderen Botanischen Gärten weltweit". Jeder Ort, mit dem Bonn tauscht, bekommt eine Stecknadel in der Weltkarte (die transparenten Nadelköpfe sind im Foto leider nicht zu sehen).

"Wir stehen mit 650 Botanischen Gärten in Verbindung", sagt Anett Krämer stolz. Die 56-jährige Gärtnermeisterin arbeitet schon über 30 Jahre in den Botanischen Gärten Bonn, aktuell als Leiterin der Freiluftanlagen im Schlossgarten und dem Melbgarten. "Den Winter nutzen wir für den Samentausch mit anderen Botanischen Gärten weltweit". Jeder Ort, mit dem Bonn tauscht, bekommt eine Stecknadel in der Weltkarte (die transparenten Nadelköpfe sind im Foto leider nicht zu sehen).

Für den weltweiten Samentausch erstellen die Botanischen Gärten im Winter Kataloge. Der älteste aus Bonn, den Anett Krämer im Archiv finden konnte, ist eine Liste aus dem Jahr 1836. Das aktuelle Verzeichnis beinhaltet 771 Arten, deren Samen im Jahr 2019 gesammelt und gereinigt wurden. Sortiert sind sie in den drei Rubriken Samen von Wildstandorten, aus dem Freiland und aus den Gewächshäusern.

Die Botanischen Gärten Bonn haben sich dem Internationalen Pflanzen-Austausch-Netzwerk (IPEN) angeschlossen. Es wurde im Jahr 2002 von den deutschen Botanischen Gärten entwickelt, um die Einhaltung internationaler Abkommen zum Artenschutz zu gewährleisten, das Verfahren zu vereinfachen und die transparente Darstellung der Herkunft des Saatguts zu sichern. Anett Krämer erfasst die Bestellungen anderer Gärten in einem in Bonn eigens dafür entwickelten Programm.

Der 57-jährige Gärtnergeselle Christian Kuhnart arbeitet im Bonner Nutzgarten und ist für die dortige Saatgutsammlung zuständig. Hier steht er im sogenannten Herzstück der Bonner Gärten, im unbeheizten Lagerraum, in dem von Dezember bis März das kostbare Saatgut liegt. "Ein besonderer Schatz sind auch die Samen der alten Nutzpflanzen aus der Bonner Region", so Kuhnart. Im Sommer zieht das Saatgut in einen Kühlraum um. Mit vier Grad Celsius und nur 35 % Luftfeuchtigkeit.

Zum Abpacken der Samen holt sich das Team um Anett Krämer die Samen-Schubladen ins Warme. Der 32-jährige Staudengärtner Fabian Bleser (vorne links) arbeitet mit dem 20-jährigen Auszubildenden Lars Rüttgers zusammen, Anett Krämer mit der 26-jährigen Hannah Gutberlet, die gerade ihre Ausbildung zur Gärtnerin abgeschlossen hat.

Am besten geht das Abpacken zu zweit: Einer sucht die bestellten Samen aus der Schublade heraus und füllt sie in die Samentüte, der zweite klebt diese mit dem Adressetikett zu.

Hier sind Samen des Wasser-Tupelobaumes (lat. Nyssa aquatica) abgefüllt. Sie wurden am 22.10.2019 am Wildstandort in North Carolina in den USA gesammelt, und zwar vom Direktor der Botanischen Gärten Bonn, Prof. Dr. Maximilian Weigend. Es sind sogar die Koordinaten der Sammelstelle angegeben.

Auf der Rückseite des Etiketts steht, dass das Saatgut aus den Botanischen Gärten Bonn kommt. Aus einer Sendung aus dem Jahr 2020. Exakte Angaben zur Art und Herkunft des Saatguts sind für die weitere Forschung zentral.

Dies ist die Frucht, deren Saatgut in Bonn von anderen Gärten am meisten bestellt wird: die Paradieskörner-Pflanze (lat.: Aframomun melegueata), ein Ingwergewächs. Die Pflanze kommt aus Westafrika und wird als Gewürz verwendet. Von 2002 bis 2019 wurde sie in Bonn 295 Mal bestellt.

Ebenfalls auf der Bestell-Hitliste steht die australische Banksie. Von links nach rechts: ein Fruchtkolben, ein abgefackelter Fruchtkolben, die Samen daraus und abgepackte Banksiensamen in einer Tüte. "Die Samenkapsel der Banksie muss brennen, damit sie aufspringt und den Samen freigibt. Auch wir hier im Botanischen Garten müssen die Kolben ins Feuer werfen, um die Samen zu sammeln", erklärt Anett Krämer.

Wie vielfältig die Formen der verschiedenen Samen sind, zeigt dieser Setzkasten. Anett Krämer und ihre Kollegen haben die schönsten ausgewählt und sind fasziniert davon, wie sich die verschiedenen Samen verbreiten.

"Der Samen der Asiatischen Wassernuss sieht beispielsweise aus wie ein Wasserbüffel", findet Anett Krämer. "Das ist eine Wasserpflanze, die im Herbst eine Frucht ansetzt und zum Boden absacken lässt. Sie überwintert im Schlamm und von da keimt sie auch wieder aus."

Die Miniklotzpflanze ist eine Sukkulente, die mit dem Sesam verwandt ist. "Sie verbreitet ihre Samen mit dem Wind. Die flügelartigen Auswüchse sorgen dafür, dass sie weit weggetragen werden", erklärt Christian Kuhnart.

Anett Krämer gefällt die Zucker-Spitzklette besonders gut: "Das ist eine einjährige Pflanze, die im Auenwald wächst. Die Früchte haften sich an das Fell von Tieren und werden so weiterverbreitet."

Am meisten beeindruckt die Trampelklette. "Sie sieht aus wie ein gefährlicher Käfer mit langen Fühlern. Wenn ein Trampeltier drauftritt, legen sich diese 'Fühler' um die Hufe und das Tier trägt die Frucht kilometerweit, bis sie sich wieder löst. Beim Drauftreten öffnet sich die Samenkapsel und der Samen wird verteilt. Die Kapsel ist extrem hart, wir mussten zum Öffnen schon mit Schraubstöcken arbeiten", so Kuhnart.

Nach dem Abpacken der Samen ordnet der Auszubildende Lars Rüttgers die Tüten den Adressaten zu. Hinter ihm sieht man die Geräte, mit denen die Samen vor dem Abpacken gereinigt wurden.

Dieser Umschlag transportiert Bonner Samen nach Slowenien. Anett Krämer bilanziert: "2019 gingen von den Botanischen Gärten Bonn 3.210 Samentüten in 223 Gärten weltweit. Ein Team von zwölf Kolleginnen und Kollegen reinigt die Samen. Das muss bis Mitte November fertig sein, damit wir Mitte Dezember unseren Katalog fertigstellen können. Danach trudeln die Bestellungen ein, die wir von Januar bis März verschicken, immer dann, wenn das Wetter keine Freilandarbeit zulässt."

Der Pflanzen-Messias. Abenteuerliche Reisen zu den seltensten Pflanzen der Welt.

Autor: Carlos Magdalena
Malik Verlag, 2018
22 €

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Stand: 17.01.2020, 10:28